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15.12.2019

Das melancholische Mädchen - Regie Susanne Heinrich, Kinostart am 27. Juni 2019
Helga Egetenmeier

Den Blick der Frau auf den männlichen Körper zu zeigen, ist Susanne Heinrichs feministischer Fokus bei ihrer ersten Regiearbeit, einem theaterhaft erzählten Filmkunstwerk. Damit bezieht sie sich auf eine Schlüsselidee der feministischen Filmtheorie, dem von Laura Mulvey erarbeiteten Konzept des "male gaze"…



... und dreht dieses für ihren Film um. Mit minimalistisch ausgestatteten und ungewöhnlich zusammengesetzten Klischeebildern, ergänzt durch Sätze, die wie Zitate wirken, verfremdet sie damit spielerisch das heterosexuelle Geschlechterverhältnis.

Die Rahmenhandlung: ein Roadmovie durch Betten

Nur im Pelzmantel vor einer karibischen Fototapete stehend, erklärt "das melancholische Mädchen" in ihren ersten, direkt in die Kamera gesprochenen Worten: "Ich hasse melancholische Mädchen. Alle melancholischen Mädchen tun das". Dieses unaufgeregte Selbstbewusstsein der namenlos bleibenden jungen Frau zieht sich durch den gesamten Film. Es folgen 14 betitelte Episoden, in denen sie immer wieder in dem immer gleichen weißen Pelzmantel vor dem Laptop sitzt, denn sie schreibt an einem Buch. Ein Bezug zum Leben der Regisseurin Susanne Heinrich, die selbst vier Bücher veröffentlichte, bevor sie zum Film kam.

Nachdem "das melancholische Mädchen" in Episode 1 unter dem Titel "Feminismus zu verkaufen", ein frustrierendes Casting hinter sich gebracht hat, folgt Episode 2, "Die Sehnsucht nach Religion an entzauberten Orten". Eine Freundin, die seit kurzem Mutter ist, schlägt ihr vor, auch ein Kind zu bekommen, um den Sinn des Lebens zu finden. Gleichzeitig erklärt sie ihr, vor grüner Wand und mit einem Smoothie in der Hand, dass sie wegen des Babys nicht bei ihr übernachten kann. Und so beginnt die Reise des "melancholischen Mädchens" durch die Betten unterschiedlicher Männer auf der Suche nach einem Schlafplatz.

Die Figuren als gesellschaftliche Stereotype

Ein Gesicht ohne Emotionen, ein nackter Körper im weißen Pelzmantel, hochgeschlossene Boots an den Füßen und auf dem Kopf "Signature-Frisuren" prägen das Erscheinungsbild der namenlosen Frau. Diese Haarschnitte von Hollywood-Diven wie Audrey Hepburn bis Bette Davis verweisen auf einen als Männerphantasie markierten "Mythos Frau", der gleichsam für alle Frauen steht, so die Regisseurin in einem Interview zu dem Film mit ihrem Produzenten Philippe Bober. Und so trifft "Das melancholische Mädchen" als klischeehafte, makellos weibliche Oberfläche auf ebenfalls als Stereotype ausgestaltete männliche Gesichter, Körper und Interieurs.

Marie Rathscheck spielt in ihrem ersten Langfilm diese Figur unerbittlich leblos. Auch in ihren immer wieder direkt in die Kamera blickenden Augen, zeigt sich keine Spur von Gefühl. Die Gespräche und Fragen der Männer kommentiert sie mit abweisenden und lässigen Sätzen, die als Statements auf einem Button stehen könnten: "Ich bin unglücklich, damit Leute wie du glücklich sein können", oder: "In der Diktatur der Selbstverwirklichung sind wir alle Künstler".

Ein feministischer Film mit Kapitalismuskritik?

Freiheit werde uns durch Werbung vorgegaukelt, Sex sei eine monogame Einbahnstraße und die gesellschaftlichen Rollenangebote für Frauen lächerlich klein, so Susanne Heinrich. Sie sieht den weiblichen Körper als Austragungsort feministischer Auseinandersetzungen, Kämpfe und Erschütterungen. Und so nimmt "das melancholische Mädchen" in Episode 9, "Der Markt der Romantik", auf einem Sofa Platz und begleitet dies mit dem Satz "Ich warte auf das Ende des Kapitalismus". Eine Drag Queen setzt sich daneben und erklärt, dass sie mit ihr darauf warten möchte.

Insgesamt wirkt der Film nicht wie aus den computer- und internetgeprägten 2010er Jahren. Seine bonbonlastige Farbgestaltung, die Kleidung der Protagonist*innen, das Setting und Interieur wirken wie ein Abbild der 1950er Jahre, gemischt mit der in den 1980ern aufgekommenen Reminiszenz durch die Jugendkultur der "Popper". Für letzteres spricht die Karibik-Fototapete mit Sandstrand, Palmen und blauem Meer als wiederkehrendes Element. Diese Ausgestaltungen tragen durchweg die Symbolik der kritiklosen Akzeptanz eines konsumorientierten Lebens in sich. Eine gute Entscheidung, mit dieser humorvollen wie schmerzhaften Bildsprache aus den heutigen Sehgewohnheiten auszubrechen und dabei dennoch eine Welt zu gestalten, die wir alle kennen.

In der Schlussszene darf "das melancholische Mädchen", auf dem Laufband und vor der Karibik-Tapete langsam und genüsslich ihr Schokoladeneis aufessen. Diese letzte lange Einstellung ist ein Verweis auf all die Filme, in denen Frauen kaum Nahrung zu sich nehmen, sagt Susanne Heinrich.

Die biografische Frage als politischen Frage

Zu ihrer inhaltlichen Ausrichtung, die sie mit der Gestaltung des Films verbindet, erklärt die Regisseurin: "Ich glaube, wenn nicht nur eine einfache Übertragung passiert, wenn wir nicht bloß mitfühlen mit den Figuren, kann sich unsere Traurigkeit auf die Inhalte und die beschriebenen Zustände beziehen. Die überzeichnete Darstellung dieser Zustände denaturalisiert sie außerdem, das heißt, sie kommen uns unnatürlich, künstlich, absurd vor - und damit veränderbar. Dann wird der Gedanke möglich: Es könnte alles anders sein. Diesen Effekt nenne ich "das Unbehagen produktiv machen".

AVIVA-Tipp: Ein Film zum Mitschauen, denn Anschauen allein funktioniert nicht. Ein Film, der so abstrakt bleibt, wie er anfängt, der kein Einkuscheln erlaubt, sondern zum Eintreten auffordert. Es ist auch ein Film mit kuriosem Humor, dessen Sätze und Bilder durch ihre absurden, wie auch realitätsnahen Verallgemeinerungen hängen bleiben.

Auszeichnungen
Max Ophüls Preis 2019 für die Kategorie Spielfilm und Preis der Ökumenischen Jury
Drei-Länder-Filmpreis 2019 der Sächsischen Kunstministerin für den besten Spielfilm beim Neiße Filmfestival

Zur Regisseurin und Drehbuchautorin: Susanne Heinrich, Pfarrerstochter aus Ostdeutschland, schrieb im Alter zwischen 19 und 25 Jahren vier Bücher (zuletzt "Amerikanische Gefühle") und war damit zum Bachmannpreis in Klagenfurt eingeladen. Sie hat in verschiedenen Bands gesungen, künstlerische Projekte verfolgt und wurde mit ihrem ersten Kurzfilm an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin aufgenommen. "Das melancholische Mädchen" ist ihr erster langer Film.

Zur Schauspielerin: Marie Rathscheck wurde als Tochter deutsch-französischer Eltern 1990 in Stuttgart geboren und studierte von 2010 bis 2014 Szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin. Teilweise parallel absolvierte sie ein Schauspielstudium an der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" Berlin und ist seit 2017 Ensemblemitglied am Schauspiel Leipzig. Sie spielt auch für Film und Fernsehen, "Das melancholische Mädchen" ist ihr erster Langspielfilm.

Zur Kamerafrau: Agnesh Pakozdi wurde in Budapest geboren und war zuerst Wirtschaftswissenschaftlerin, bevor sie Filmkunst und Bildgestaltung in Budapest, an der Berliner Universität der Künste und an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin studierte. Es folgte 2015 eine Fortbildung an dem Global Cinematography Institute of Los Angeles. Sie drehte im letzten Jahrzehnt drei abendfüllende Spielfilme, mehr als 20 Kurzfilme, Dokumentarfilme und Kunstprojekte als Bildgestalterin in verschiedenen Ländern.

Zur Produzentin: Jana Kreissl hatte durch ihre beim Fernsehen tätigen Eltern bereits als Kind Einblick in die Medienlandschaft. Als technische und Redaktions-Aufbauhilfe sammelte sie erste eigene Erfahrungen, dem folgten Praktika und Jobs bei verschiedenen Filmproduktionsfirmen. Sie studierte die Fachbereich Theater-, Film- und Medienwissenschaft in Wien und setzte sich dabei mit der theoretischen Seite des Films auseinander. Seit 2014 studiert sie an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin Kreative Filmproduktion.

(Quelle: Verleihinformation)

Das melancholische Mädchen
Deutschland, Frankreich, Dänemark 2019
Regie und Drehbuch: Susanne Heinrich
Schnitt: Susanne Heinrich, Benjamin Mirguet
Kamera: Agnesh Pakozdi
Produzentin: Jana Kreissl
DarstellerInnen: Marie Rathscheck, u.a.
Verleih: Salzgeber
Lauflänge: 80 Minuten
Kinostart: 27.06.2019

Mehr zum Film unter:
www.salzgeber.de

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