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16.10.2019

Joe Lederer - Bring mich heim
Doris Hermanns

Ihr Debüt-Roman "Das Mädchen George" über eine junge Frau, die sich in ihren Arbeitgeber verliebt, wurde 1928 ein großer Erfolg. Nun liegt im Wiener Milena Verlag eine Neuauflage von Joe Lederers Roman "Bring mich heim" vor, in dem sie ihre Liebesgeschichte mit dem Schauspieler Hans Albers verarbeitete.



In der Zwischenkriegszeit war Joe Lederer eine bekannte und vielgelesene Autorin. 1924 von Wien nach Berlin gezogen, wurde sie jedoch 1935 in Deutschland als Jüdin von den Nationalsozialisten mit einem Publikationsverbot belegt. In Wien konnten ihre Werke noch bis zum "Anschluss" Österreichs 1938 herausgegeben werden. Es folgte eine unstete Zeit: Lederer emigrierte nach Shanghai, kehrte aufgrund einer Tuberkuloseerkrankung aber wieder nach Wien zurück und ging letztendlich ins Exil nach England. Erst in den 1950er Jahren kehrte sie nach Deutschland zurück. Auch wenn ihre Werke nun wieder veröffentlicht wurden, an ihre früheren Erfolge konnte sie nicht mehr anknüpfen. Sie gehört damit wie auch Vicki Baum, Gina Kaus, Maria Leitner und viele anderen zu den Autorinnen, deren Karriere durch den Faschismus abrupt beendet wurde. Aber anders als viele von deren Protagonistinnen, die häufig als Bürokraft arbeiten, muss sich die Hauptperson aus diesem jetzt vorliegenden Roman nicht um ihren Lebensunterhalt kümmern, sie wird finanziell von ihrem Vater unterstützt.

Mit ihrem Debüt "Das Mädchen George", bis heute wohl ihr bekanntestes Buch, war Joe Lederer bereits berühmt geworden. Es folgte der Roman "Drei Tage Liebe", nach einem Drehbuch, das sie für den gleichnamigen Film mit Hans Albers geschrieben hatte. Der nun vom Wiener Milena Verlag neu aufgelegte Roman "Bring mich heim" war ihr dritter Roman. Darin verarbeitet die Schriftstellerin eine unglückliche Liebe mit eben diesem damals sehr bekannten Schauspieler, dem dieses Buch auch gewidmet ist.

Es beginnt mit einer Art Reise in die Vergangenheit. Eine junge Frau, Jeannine, ist mit ihrem Freund Harald und Hund Tommy nach Florenz gefahren. Sie möchte fotografieren. Nicht wie bisher nur ihre Freundinnen, deren Hunde, Autos und Gärten. "Sie sagt, dass sie endlich etwas Richtiges und Vernünftiges vor die Kamera bekommen müsste, Mauerwerk, Wolken oder Türme. Sie sagte, dass sie nicht eher ruhen würde, als bis sie ganz Florenz auf ihren Platten hätte. Aber dann fehlte ihr einfach die Zeit zur Arbeit." Nicht, dass sie wirklich Wichtiges zu tun hätte, aber schöne Dinge kaufen und Cafè-Besuche ziehen sie einfach mehr an als diese Arbeit, bis sie auf die Idee verfällt, in ein kleines Fischernest zu reisen. "Schließlich ist es ja gleichgültig, wo wir herumlaufen."

Schnell stellt sich heraus, dass dies nicht irgendein beliebiger Ort ist, sondern dass sie dort als Sechzehnjährige einen Urlaub verbracht hatte, an den sie sich in Rückblenden erinnert: "Es war fast, als wenn wir außerhalb der Zeit lebten." Dort traf sie Andy, einen alten Freund ihres Vaters wieder, an dem sie als Kind in "stummer, leidenschaftlicher Zärtlichkeit" gehangen hatte und nach dem sie sich seither immer gesehnt hatte und der die Situation ausnutzt.

Aber das Wiedersehen mit dem alten Haus am Meer ist ernüchternd: "Nichts war geblieben vom Fest und sommerlichem Glanz, von Wunsch und Geheimnis der Menschen, als dieses zerrissene Stück Spitze, das schon längst seine Bestimmung verloren hatte."

Auf dieser Reise lernt Jeannine den Schauspieler Mathieu Corodi kennen, der am Theater, aber auch in Filmen mitspielt. Das Publikum und die Regisseure lieben ihn. Und er möchte sie kennenlernen, auch wenn sie erst einmal gar nicht an ihm interessiert ist. Zurück in München, wohin ihr beide Männer nachgereist sind, kommt es zu einem von Jeannine trotz des Missbrauchs ersehnten Wiedersehens mit Andi, das allerdings – wie könnte es anders sein? – zu einer großen Enttäuschung wird.

In ihrem kenntnisreichen Nachwort weist Evelyne Polt-Heinzl darauf hin, dass Lederers Romane keine konventionellen Liebesgeschichten sind, sondern "sie erzählen vom Leben der Menschen in verschiedenen Milieus und Lebenslagen, von ihren Problemen und Verstrickungen. Die Beziehungen, in die ihre Protagonistinnen geraten, sind überwiegend nicht "passend". Das hat soziale Ursachen, altersmäßige und häufig liegt es einfach an der Zurückweisung durch das gewählte Gegenüber."

AVIVA-Tipp: Es ist ein ruheloser Roman, der vom Loslassen alter überholter Träume erzählt und dem Verlangen nach etwas Neuem. Die Protagonistin ist auf der Suche nach einem Zuhause, wobei bis zum Schluss unklar bleibt, ob sie dies finden wird – auch wenn es ihr angeboten wird.

Zur Autorin: Joe Lederer, geboren 1904 in Wien, besuchte die Privatschule von Eugenie Schwarzwald. Später engagierten sie Hugo Bettauer und Rudolf Olden als Sekretärin ihrer Zeitschrift Bettauers Wochenschrift. Ab 1924 lebte Lederer als Privatsekretärin Balder Oldens in Berlin und debütierte dort mit ihrem Roman Das Mädchen George. Neben Romanen und Novellen, die in rascher Folge erschienen, schrieb sie auch für den Film Im Juli 1935 wurde ihr literarisches Werk verboten. Lederer emigrierte nach Shanghai und arbeitete dort als Kindermädchen. Nach vielen vergeblichen Versuchen bekam Lederer 1939 ein Domestic permit, das ihr die Einreise nach Großbritannien erlaubte. Bis 1943 war sie Stubenmädchen im Hause des Industriellen Gordon Turner, wo sie u. a. ihre KollegInnen Hilde Spiel, Stéphane Roussel und Peter de Mendelsohn wiedertraf. Nach dem Krieg ließ sie sich in München nieder. 1973 gehörte Lederer zu den Opfern des sogenannten Desch-Skandals bei dem der Verleger Kurt Desch viele seiner AutorInnen um ihre Tantiemen gebracht hatte. Somit blieben ihre finanziellen Probleme weiterhin schier unlösbar. Im Alter von 82 Jahren starb Joe Lederer fast vergessen am 30. Januar 1987 in München. (Verlagsinformation)

Joe Lederer
Bring mich heim

Milena Verlag 2019
Gebunden mit Umschlag. 152 Seiten mit Lesebändchen
Mit einem Nachwort von Evelyne Polt-Heinzl
ISBN 978-3-903184-34-3
Euro 22,00
Mehr zum Buch unter: milena-verlag.at

Ein Porträt von Joe Lederer auf FemBio: www.fembio.org

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