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17.10.2019

Die Agentin - Kinostart: 29. August 2019
Helga Egetenmeier

Angelehnt an den Bestseller "The English Teacher" von Yiftach Reicher Atir zeigt Yuval Adler ("Bethlehem") in seinem Spionagethriller eine israelische Agentin zwischen Vertrauen, Verrat und Einsamkeit. Diane Kruger überzeugt in der Hauptrolle als unauffällige Spionin, die in Loyalitätskonflikte kommt.



"Die Agentin" feierte im Wettbewerb der Berlinale 2019 seine Weltpremiere. Bereits in seinem Spielfilmdebüt "Bethlehem" betrachtete der Regisseur Politik auf der persönlichen Ebene und ging damit für Israel ins Oscar-Rennen.

Mit seiner gut gewählten Besetzung baut der Film eine real wirkende Agent*innenwelt auf, in der das unkalkulierbare Leben und der angespannte Alltagseinsatz einer weiblichen Spionin im Mittelpunkt steht. Diane Kruger zeigt nach ihrer herausragenden schauspielerischen Leistung in Fatih Akins "Aus dem Nichts" erneut, wie gut sie vielschichtig angelegte Rollen ausfüllen kann. Eine Agentin spielte sie bereits in Quentin Tarantinos "Inglourious Basterds" (2009), dort kämpfte sie als Bridget von Hammersmark gegen die Nazis.

Der Geheimdienst, die Agentin und die Frage des Vertrauens

Mit einem beunruhigenden Anruf für den israelischen Geheimdienst beginnt der Film und führt damit die Zuschauer*innen gleich hinein in ein Puzzle aus Verrat und Vertrauen. Denn die erst vor Kurzem untergetauchte Agentin Rachel Currin (Diane Kruger) meldet sich überraschend bei ihrem ehemaligen Kontaktmann Thomas Hirsch (Martin Freeman), mit dem sie seit einem Jahr keinen Austausch mehr hatte. Dabei benutzt sie den Code "Mein Vater ist gestorben. Zum zweiten Mal", der bei ihrem vergangenen Langzeiteinsatz in Teheran der Hinweis dafür war, sie aus dem Iran abzuziehen.

In dieser unklaren Situation zerfällt die Geschichte in zwei Zeitebenen: die Hektik des Geheimdienstes in der Gegenwart steht dem vergangenen, langwierigen Einsatz der überlegt agierenden Agentin gegenüber. Um seine ehemalige Spionin wieder unter Kontrolle zu bekommen, rekonstruiert der Mossad deren Einsatz in Teheran. Dabei wird deutlich, dass ihre damalige Liebesbeziehung mit der Zielperson wohl mehr war, als der Einsatz für den Job. Es wird aber auch klar, dass es für eine Agentin niemanden gibt, um ihre persönlichen Probleme vertraulich zu besprechen.

Spionin zwischen Lüge und Loyalität

In langen Episoden zeigt der Film, wie Rachel, getarnt als australische Englischlehrerin, Teheran kennenlernt. Neben dem legalen urbanen Alltag gibt es in einem Keller versteckte Abtreibungspraxis, wie auch heimlich stattfindende Partys mit Alkohol und zwangloser Kleidung. Ganz selbstverständlich bewegt sie sich durch dieses Leben, das sie nur wegen ihres Spionageauftrags kennenlernt und für den sie immer wieder das Risiko eingeht, entdeckt zu werden.

Durch das in der Erzählung aufgebaute bedrohliche Szenario, der Infragestellung der Loyalität und der Angst vor der Enttarnung, entsteht von Beginn an eine Spannung, die auf den Schluss des Filmes neugierig macht. Denn Rachels Anruf bedeutet, dass sie in Verhandlungen mit dem Geheimdienstes eintreten will. Beim Showdown am Ende des Films überschlagen sich dann die Ereignisse und der offene Ausgang hinterlässt durchaus ein befriedigendes Gefühl.

Die Frau als Agentin, die Agentin als Frau

Frauen als Agentinnen sind im Film selten als reine Actionheldinnen zu sehen. Auch wenn sie einen starken und emanzipierten Typ Mensch darstellen, wie "Emma Peel" in der Serie "The Avengers" ("Mit Schirm, Charme und Melone") es bereits in den 1960er und 1970er Jahren tat, bleibt die Hervorhebung der sexuellen Attraktivität ein Teil der weiblichen Figur. Im realen Agent*innenleben gibt es für dieses Gebiet der Geheimdiensttätigkeit den Begriff der "Sexpionage". Dieses Wort setzt sich aus "Sex" und dem englischen "Espionage" zusammen und definiert sich als: sexuelle Beziehung zum Erlangen von Informationen. Mit dem Fachwort "Rabe", diesem robusten und kräftigen Vogel, wird dabei der männliche Alleskönner von der "Schwalbe" unterschieden. Dieser, als schlank und anpassungsfähig bekannte Vogel, der sich unermüdlich um seinen Nachwuchs kümmert, ist dagegen der Begriff für die weibliche Agentin.

Diane Kruger gelingt es, in ihrer Rolle eine Verbindung zwischen diesen beiden Identitätspolen herzustellen, indem sie die zwischen den Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit liegenden Nuancen ausspielt. Sie ist sowohl die einfühlsame Lehrerin, wie auch die sich gegen einen sexuellen Übergriff wehrende Frau und ein kühl kalkulierender Kopf, der sich durch einen Mord der Enttarnung entzieht. Doch der Film geht noch einen Schritt weiter und wirft die Frage nach den für eine Agentin zulässigen Gefühlen auf. Eine Frage, die bei geheimdienstlichen Tätigkeiten durchaus lebensbedrohlich sein kann, sich aber auch im Leben eines jeden Menschen stellt: wie ist das Bedürfnis nach Nähe und Körperlichkeit an das Vertrauen für eine Person gebunden.

Die Buchvorlage: "The English Teacher"

Der Autor Yiftach Reicher Atir, nach dessen Buchvorlage "The English Teacher" der Film entstand, arbeitete selbst jahrelang beim Mossad. Im Vorwort schreibt er, er habe das Buch geschrieben, um der Frage nachzugehen, wie Agent*innen mit ihren Bedürfnissen nach Zuneigung und Gefühlen umgehen, sein Roman sei "the true story of what never happened". Sein Interesse an den Kolleg*innen, die nicht mit Waffen, sondern mit einer falschen Identität und Lügen arbeiten, ließen ihn fragen, wie es dem Menschen wohl ergehe, der längere Zeit unter seinen Feinden lebe, in Furcht, Gefahr und Einsamkeit. Dies führte ihn dann zum Gegenstand seines Buches, dem auch der Film folgt: "And what happens to the heart?" Dass dabei die Welt der Gefühle einmal mehr aus der Sicht eines Mannes auf "die Frau" übertragen wird, schmälert den Gewinn an Erkenntnis etwas, verweist aber auch auf das fest zementierte Geschlechterbild des Geheimdienstes.

AVIVA-Tipp: Der realistisch angelegte Spielfilm zeigt die Frau hinter dem Doppelleben einer Agentin, die all ihre Kenntnisse dafür einsetzt, um ihren Job gut zu machen und dabei erst spät erkennt, dass ihr selbst kein eigenes Leben mehr bleibt.

Regie und Drehbuch: Yuval Adler studierte Mathematik an der Universität von Tel Aviv, zog nach New York und promovierte dort in Philosophie an der Columbia Universität. Parallel dazu studierte er dort Bildhauerei und Fotografie und war mit seinen Arbeiten bei mehreren Kunstausstellungen vertreten, bevor er sich ganz dem Filmemachen zuwandte. Im Jahr 2013 feierte sein Spielfilm-Debüt "Bethlehem" auf den Internationalen Filmfestspielen in Venedig seine Weltpremiere, gewann den Hauptpreis der Venice Days und den Ophir Award, der als Israelischer Oscar gilt und von der Israeli Film and Television Academy vergeben wird. "Bethlehem" war auch die israelische Einreichung für die Oscars 2014. Mit "Die Agentin" stellt er seinen zweiten Spielfilm vor.

Zur Hauptdarstellerin: Diane Kruger, geboren als Diane Heidkrüger in Niedersachsen, nahm 1992 mit 15 Jahren im Weltfinale des Modelwettbewerbs "Look of the year" teil und ging danach als Model nach Paris. Dort nahm sie Schauspielunterricht, bekam kleinere Filmrollen und änderte daraufhin ihren Namen. Ihren Durchbruch im internationalen Filmgeschäft schaffte sie 2004 in dem Hollywood-Film Troja von Wolfgang Peters. Sie war 2008 in der Wettbewerbsjury der 58. Berlinale, 2012 bei den 65. Internationalen Filmfestspielen von Cannes und 2015 bei den 72. Internationalen Filmfestspielen in Venedig. Neben vielen anderen Filmen, spielte sie 2009 in "Inglourious Basterds" von Quentin Tarantino, wofür sie die Goldene Kamera als Beste Schauspielerin erhielt. Für ihre Hauptrolle in Fatih Akins "Aus dem Nichts" (2017) bekam sie den Darstellerinnenpreis bei den 70. Filmfestspielen von Cannes, sowie den Bayerischen Filmpreis. 2018 wurde sie in die Academy of Motion Picture Arts and Sciences berufen, die jährlich die Oscars vergibt. Sie spricht fließend Englisch und Französisch und synchronisiert ihre Rollen in vielen Filmen selbst.

Zum Hauptdarsteller: Martin Freeman trat mit fünfzehn Jahren einer Jugendtheatergruppe bei und studierte später Schauspielerei an der Central School of Speech and Drama in London. Bekannt wurde er durch die 2001 bis 2003 produzierte englische Comedy-Serie "The Office", wie auch die Kinofilme "Shaun of the Dead" (2004) und "Per Anhalter durch die Galaxis" (2005). Seinen endgültigen Durchbruch hatte er mit der BBC-Fernsehserie "Sherlock" (seit 2010) als Dr. John Watson und mit der Hauptrolle in Peter Jacksons "Der Hobbit" (2012), seit dem spielte er in vielen Filmen, wie 2018 in der Marvel-Produktion "Black Panther".

Zum Hauptdarsteller: Cas Anvar schloss die National Theatre School of Canada ab und spielt seit den 1990er Jahren regelmäßig in kanadischen und US-amerikanischen Film- und Fernsehproduktionen. So spielte er auch in "Raum" (2015) eine Nebenrolle an der Seite von Brie Larson, die für ihre Hauptrolle einen Oscar bekam, in "Diana" (2013) spielte er als "Dodi Al-Fayed" an der Seite von Naomi Watts.

Zum Buchautor: Yiftach Reicher Atir wurde 1949 im Kibbuz Shoval im Süden Israels geboren. Als junger Kommandooffizier nahm er an der Operation Entebbe und anderen Militär- und Geheimdienstoperationen teil, bevor er als Brigadegeneral (Geheimdienst) in den Ruhestand ging. "The English Teacher" ist sein dritter Roman.

Die Agentin
Originaltitel: The Operative
Deutschland, Frankreich, Israel 2019
Regie und Drehbuch: Yuval Adler
nach dem Buch von: Yiftach Reicher Atir
DarstellerInnen: Diane Kruger, Martin Freeman, Cas Anvar, u.a.
Verleih: weltkino
Lauflänge: 118 Minuten
Kinostart: 29.08.2019

Mehr zum Film und der Trailer unter:
www.weltkino.de

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