Zsófia Bán – Weiter atmen. Erzählungen. Zsófia Bán – Der Sommer unsres Missvergnügens. Essays - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
AVIVA-Berlin Literatur > Romane + Belletristik
09.08.2020

Zsófia Bán – Weiter atmen. Erzählungen. Zsófia Bán – Der Sommer unsres Missvergnügens. Essays
Doris Hermanns

Sowohl in ihren Erzählungen als auch ihren Essays knüpft die ungarische Autorin Zsófia Bán auf beeindruckende Weise weltweite Zusammenhänge, die ihr umfassendes Wissen von Literatur- und Kunstgeschichte deutlich machen.



Wenn wir derzeit aus Ungarn hören, dann sind es meist schlechte Nachrichten von einem Land auf dem Weg in eine Diktatur. Dass es zu dieser Entwicklung auch deutliche Gegenstimmen gibt, macht Zsófia Bán sowohl in ihren Erzählungen als auch in ihren Essays deutlich.

Die Erzählungen in ihrem im Mai 2020 erschienenen Band Weiter atmen spielen sich an den verschiedensten Orten der Welt ab: von Ungarn über Paris und Italien bis hin nach Aden und Südamerika. Nicht immer leben sie fest an diesen Orten. In einer Erzählung geht es um Menschen auf der Flucht, die in Ungarn nicht gerade freundlich aufgenommen werden, in einer anderen Geschichte kehrt ein Mann als Erwachsener in das Land seiner Kindheit zurück und trifft sich dort mit seiner Jugendliebe und deren Schwester, die eine geistige Behinderung hat. Wo die Freundin erst noch erzählt, dass ihre Schwester kaum noch einen Satz sprechen könne, kann sie sich aber sehr wohl an ihren Hund von früher erinnern und auch an ein paar Brocken Ungarisch. Auch in einer anderen Erzählung geht es um ein behindertes Kind, diesmal ein Roma-Kind, das tagtäglich ein neues Stück Seife braucht, und liebevoll von seiner Mutter versorgt wird.

Es ist ein empathischer Blick, den Zsófia Bán auf die Menschen wirft, egal, an welchem Ort auf der Erde sie sich befinden. Und es sind die fast beiläufig erzählten Gegebenheiten, die in Erinnerung bleiben, die ihre Erzählungen so ausdrucksstark machen.

"Es gibt immer einen Zwischenraum, der einen hält.
Es gibt immer ein fast schon.
Fast schon ist es nicht wahr.
Fast schon ist es wahr."


Atmen spielt, wie der Titel erahnen lässt, immer wieder eine Rolle in den Erzählungen. Mal kann ein Junge nach einer Untersuchung, bei der er die Luft anhalten musste, wieder atmen, mal ist es aber auch nach einem Unglück nicht mehr möglich. Was es heißt, nicht weiter atmen zu können, hat sich gerade anhand des Mordes an dem Afroamerikaner George Floyd in den USA auf erschütternde Weise gezeigt, der immer wieder darauf hinwies, "I can´t breathe", dass er also nicht atmen könne.

In einigen der Erzählungen vermischt sich Literarisches mit Essayistischem, ausgezeichnet übersetzt von Terézia Mora, was in einigen Texten noch durch Fotos verstärkt wird, die Zsófia Bán als Anlass für ihre Geschichten nimmt. So erzählt sie beispielsweise von Franz Reichelts Sprung vom Eiffelturm 1912, bei der er seinen von ihm selbst konstruierten Fallschirm ausprobieren wollte (auf zwei Fotos ist Reichelt mit dieser Konstruktion zu sehen) – und dabei tödlich verunglückte. Ein anderes Beispiel ist die Erzählung von einer ungarischen Wissenschaftlerin, die einerseits an einem Forschungskongress zu einem Foto von Arthur Rimbaud teilnimmt (hier ist nicht nur das Foto abgebildet, um das es im Text geht, sondern auch mehrere andere Fotos von Rimbaud) und andererseits in einem Sorgerechtsstreit um ihr Kind mit ihrem Ex-Mann steckt, den sie für eine Frau verlassen hat.

In ihrem 2019 erschienen Essay-Band Der Sommer unsres Missvergnügens geht es um die Lasten von unverarbeiteter Geschichte und die Zumutungen der europäischen Gegenwart. Es sind zum Teil sehr persönliche Erlebnisse, über die Bán schreibt, so in ihren Erinnerungen an den Sommer 2015, als sie sich auf den Weg nach Berlin machte, vom Tod einer ihr nahestehenden Freundin erfuhr und über Hannah Arendts Auslassungen zu "finsteren Zeiten" nachdenkt. Sehr persönlich ist auch der Essay über ihren Besuch am 60. Jahrestag des ungarischen Holocaust von Terezín/Theresienstadt, wohin ihre Mutter und deren Familie deportiert worden waren. Näheres weiß sie nicht darüber, da ihre Mutter zeitlebens über das dort Durchgemachte geschwiegen hat. "Die Reise nach Terezín war also dazu da, den Ort des Mangels aufzusuchen – den Ort des fehlenden Narrativs Und wie bei so vielem in ihren Geschichten und Essays geht es darum, etwas Erlebtes wie Verwirrung auszuhalten und in Kraft umzusetzen.

Es sind teilweise historische Themen, wie der Beginn des Zweiten Weltkriegs in Ungarn, aber teilweise auch kulturpolitische und hochaktuelle. Oft geht sie von Persönlichem aus, kommt darüber aber auf globale Themen. So beschäftigt sie sich in "Der Turulvogel und der Dinosaurier" mit zeitgenössischer Kultur (wobei sie wundersamer Weise auf die Fernsehserie "Raumpatrouille Orion" aus den 1960er Jahren eingeht, von der ich nicht gedacht hätte, dass sie auch in Ungarn eine Rolle gespielt hat) bis hin zu US-amerikanischer Popkultur, die "nie frei von politischen und ideologischen Überlegungen war." Sie zeigt für Ungarn auf, wie die rechtsextremen politischen Kräfte "nun auch ins Feld der Hochkultur einbrechen" – was wir leider in den letzten Jahren immer mehr erleben mussten.

AVIVA-Tipp: Es ist Báns scharfer, aber empathischer Blick und ihr immenses Wissen über die unterschiedlichsten Bereiche, die sie auf beeindruckende Weise in Verbindung bringt, die diese Erzählungen und Essays, die eine große Bereicherung sind, zu einem großen Lesevergnügen machen. Gerade in diesen Zeiten ist es wichtig zu sehen, dass es in Ungarn auch noch kritische Stimmen gibt.

Zur Autorin: Zsófia Bán, 1957 in Rio de Janeiro geboren, aufgewachsen in Brasilien und in Ungarn, lebte immer wieder in den USA. Sie hat in Filmstudios gearbeitet, war Ausstellungskuratorin und lehrt Amerikanistik in Budapest. Die namhafte Kunst- und Literaturkritikerin debütierte 2007 mit Abendschule (dt. 2002); es folgte der Prosaband Als nur die Tiere lebten (2012, dt. 2014). Auf Deutsch erschien zuletzt der Essayband Der Sommer unsres Missvergnügens (2019) – alle drei Bücher wurden von Terézia Mora übersetzt. Zsófia Bán war 2015 Gast des Berliner KünstlerInnenprogramms des DAAD. Sie lebt in Budapest.

Zur Übersetzerin: Terézia Mora, 1971 in Sopron/Ungarn geboren, lebt seit 1990 in Berlin. Als Schriftstellerin und als Übersetzerin aus dem Ungarischen, vor allem der Werke Péter Esterházys, wurde sie vielfach ausgezeichnet. 2018 verlieh ihr die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung den Georg-Büchner-Preis.



Zsófia Bán
Weiter atmen. Erzählungen

Originaltitel: Lehet lélegezni!
Aus dem Ungarischen von Terézia Mora
Suhrkamp Verlag, erschienen am 18. Mai 2020
Gebunden mit Umschlag. 173 Seiten
ISBN 978-3-518-42909-9
Euro 22,00
Zum Buch: www.suhrkamp.de



Zsófia Bán
Der Sommer unsres Missvergnügens. Essays

Die Texte wurden den Bänden Próbacsomagolás (2008) und Turul és Dínó (2016) entnommen.
Aus dem Ungarischen von Terézia Mora
Mit einem Nachwort von Daniela Strigl
Matthes & Seitz, erschienen 2019
Reihe: DAAD Spurensicherung Bd. 31
Softcover Klappenbroschur, 256 Seiten
ISBN 978-3-95757-720-7
Euro 22,00
Zum Buch: www.matthes-seitz-berlin.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

2x Terézia Mora - Die Liebe unter Aliens und Nicht sterben
Die in Ungarn geborene und auf Deutsch publizierende Schriftstellerin, Drehbuchautorin und Verfasserin von Theaterstücken Terézia Mora wird am 23. Januar 2017 mit dem 63. Bremer Literaturpreis für ihren Erzählbandband "Die Liebe unter Aliens" ausgezeichnet. (2017)