Kathrin Kompisch - TĂ€terinnen. Frauen im Nationalsozialismus - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
AVIVA-Berlin Literatur > Sachbuch
25.06.2018

Kathrin Kompisch - TĂ€terinnen. Frauen im Nationalsozialismus
Britta Leudolph

Die NS-TÀterinnen waren jahrzehntelang aus dem kollektiven GedÀchtnis verschwunden. Kathrin Kompisch untersucht, in welchen Bereichen Frauen an den Verbrechen der NS-Diktatur beteiligt waren. Die Geschichtsforschung zur NS-Diktatur...



...war lange Zeit ausschließlich auf die mĂ€nnlichen TĂ€ter und MitlĂ€ufer fokussiert, allein ĂŒber Adolf Hitler, Joseph Goebbels und Hermann Göring wurden dutzende Biographien verfasst.

Doch welche Rolle spielten Frauen im "Dritten Reich"? Waren sie wirklich nur unbeteiligte Zeitgenossinnen, oder gar Opfer der patriarchalen MachtverhÀltnisse innerhalb der NS-Diktatur, wie es bis in die 1990er Jahre noch von vielen deutschen HistorikerInnen gesehen wurde?

Nur wenige Frauen wurden durch die KriegsverbrecherInnenprozesse der MittĂ€terInnenschaft ĂŒberfĂŒhrt und verurteilt, wie etwa Irma Grese, die "SS-MegĂ€re von Bergen-Belsen" oder Ilse Koch, die "Hexe von Buchenwald". Diese Frauen "[...] wurden individuell skandalisiert, mystifiziert und pathologisiert, um ihre Taten als erschĂŒtternde EinzelfĂ€lle abtun und eine Auseinandersetzung mit der Rolle der Frauen im nationalsozialistischen Deutschland vermeiden zu können." Öffentlich wurden die TĂ€terinnen als abartig dĂ€monisiert, was es der Mehrheit der "normalen" Frauen ermöglichte, eine schĂŒtzende Distanz aufzubauen.

Kathrin Kompisch stellt diesem Mythos ein realistisches Bild gegenĂŒber: Frauen waren in der SS-Gefolgschaft tĂ€tig, assistierten als Ärztinnen oder Krankenschwestern bei Menschenversuchen und "Euthanasie"-Aktionen, andere bewachten Konzentrationslager und misshandelten weibliche HĂ€ftlinge brutal.

Waren Frauen auch nicht auf höchster politischer Ebene prĂ€sent und hatten nicht die gleiche MachtfĂŒlle der MĂ€nner inne, beschrĂ€nkte sich ihr Wirkungskreis keineswegs auf "Heim und Herd", ganz im Gegenteil: Die Erwerbsbeteiligung der Frauen nahm im "Dritten Reich" zu, insbesondere nach Kriegsbeginn, was ihnen indirekt Einfluss verschaffte. Frauen waren in zahlreichen VerbĂ€nden organisiert und "[...] ĂŒbernahmen in ihnen als "FĂŒhrerinnen im FĂŒhrerstaat" FĂŒhrungsaufgaben."

Der Autorin geht es weniger um die Schuldfrage als um die historische Analyse der HandlungsspielrĂ€ume, innerhalb derer Frauen aktiv agieren konnten. Kompisch untersucht die verschiedenen Bereiche, in denen Frauen fĂŒr das System arbeiteten: den Polizeidienst, das Sozial- und Gesundheitswesen, die Konzentrationslager oder den Kriegsdienst. ErgĂ€nzt wird die Studie durch Kurzbiografien von Frauen, die auf den unterschiedlichen Ebenen fĂŒr die NS-Diktatur tĂ€tig waren.

Zur Autorin: Kathrin Kompisch wurde 1973 in Hamburg geboren. Sie studierte dort von 1996 bis 2002 Geschichte, Vor- und FrĂŒhgeschichte und Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Sie hat mehrere BĂŒcher zur deutschen Kriminalgeschichte des 20. Jahrhunderts veröffentlicht. Kompisch lebt als freie Autorin in Hamburg.

AVIVA-Tipp: "TĂ€terinnen" ist ein wichtiger Beitrag zur deutschen Geschichtsforschung und zur Erkenntnis einer gesamtgesellschaftlichen Schuld fĂŒr die nationalsozialistischen Vergehen. Kathrin Kompisch stellt in ihrer Analyse deutlich heraus, dass Frauen in vielen Bereichen Verantwortung ĂŒbernahmen und im Sinne des "Dritten Reichs" aktiv waren. Die Autorin beschreibt ein breites Spektrum weiblicher TĂ€terschaft und fragt nach den Motiven fĂŒr ihr Handeln. So entsteht eine komplexe Darstellung der Beteiligung von Frauen an nationalsozialistischem Unrecht. Besonders bitter ist wohl die Feststellung, dass viele Frauen nicht aus Überzeugung oder krankhaftem Wahn zu Verbrecherinnen wurden, sondern dass es grĂ¶ĂŸtenteils "normale" Frauen waren, die apathisch, feige und autoritĂ€tsglĂ€ubig den "FĂŒhrerwillen" ausfĂŒhrten oder diesen in vorauseilendem Gehorsam antizipierten.

TĂ€terinnen. Frauen im Nationalsozialismus
Kathrin Kompisch
Böhlau Verlag, erschienen Oktober 2008
Gebunden, 264 Seiten, 20 s/w-Abbildungen
ISBN 978-2-412-20188-3
22,90 Euro

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Hinter jeder Zahl verbirgt sich ein Name und ein Gesicht

Verstrickung Berliner UniversitÀten im Nationalsozialismus

Hanas Koffer. Ein Kinderbuch ĂŒber den Holocaust

Sexualisierte Gewalt. Weibliche Erfahrungen in NS-Konzentrationslagern

Stolpersteine - ein unbequemes Projekt

Rechtsextremismus ist auch Frauensache

Ums Überleben schreiben

Im Schatten des Holocaust

"Die BDM-Generation", herausgegeben von Dagmar Reese.