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24.06.2018

Das Gl├╝ck hat mich umarmt
Ewa Maria Slaska

Die Deutschen und die Polen wurden auf ihre Pl├Ątze verwiesen, indem es ihnen ihre T├Ąter- und Mitt├Ąterschaft vor Augen gef├╝hrt wurde. Vergleichbares wird man derzeit schwer in der Belletristik finden



Ich will das nicht wissen!

Nejusch, der Name, unter dem die j├╝dische Autorin Nea Weissberg-Bob ihr Buch ver├Âffentlicht hat, bekam sie von ihrer Gro├čmutter, den Titel des Buches - Das Gl├╝ck hat mich umarmt - von ihrem Vater. Es ist sein Erkl├Ąrungsversuch, wie er 1941 als polnischer Jude das Pogrom in Lemberg (Lw├│w) ├╝berlebt hat. Und obwohl es nicht das Hauptthema des Buches ist, ist die Beschreibung des Pogroms die Schl├╝sselszene des Romans schlechthin.

Der Roman basiert auf den authentischen Briefen, die die Autorin an einen nichtj├╝dischen, deutschen Brieffreund schrieb. Nicht nur die Briefe sind authentisch, authentisch ist auch der jahrzehntelange Versuch der Autorin, sich an die Geschichte ihrer Familie und damit auch an die Geschichtsschreibung anzun├Ąhern. Die Leserin nimmt unmittelbar an dem Prozess teil, ist gleich mitten drin. Die Autorin n├Ąhert sich dem Thema sehr vorsichtig an, wie eine getigerte Katze schleicht sie sich langsam heran, zielgerichtet. Nach dem Wegschauen und doch heimlichen Zuh├Âren, kommt die Phase der Fragen. Aber die Antworten kommen nur zaghaft. Man schweigt lieber als man redet.

Das Hauptthema des Buches Das Gl├╝ck hat mich umarmt ist das Durchbrechen des tradierten Schweigens. Es ist vielleicht das Hauptthema des vergangenen Jahrhunderts: Das allm├Ąchtige Schweigen in den Familien, die den Krieg er- und ├╝berlebt haben. Das Verschweigen der T├ĄterInnen und T├ĄterInnenkinder, das Schweigen der Opfer und deren Kinder hat das europ├Ąische Leben des 20. Jahrhunderts gepr├Ągt. Der Krieg dauerte knapp sechs Jahre, das Schweigen sieben Dekaden. Es schwiegen Soldaten und M├Ârder, aber es schwiegen auch Opfer. Vielleicht vor allem die Opfer. Weshalb schweigen die Opfer? Aus Scham? Aus Angst? Nejusch versucht es zu verstehen, genauso, wie ich immer versucht habe, zu verstehen, weshalb meine Mutter, die als J├╝din den Krieg in Warschau erlebt hatte, so z├Ąh dar├╝ber schwieg, dass wir sogar nicht wussten, dass sie eine J├╝din ist. Man hat unz├Ąhlige Forschungsprojekte durchgef├╝hrt und B├╝cher dar├╝ber geschrieben, aber eine endg├╝ltige Antwort, wie dieses Schweigen zu bezwingen w├Ąre, gibt es nicht. Das Buch von Nejusch ist ein gutes Beispiel daf├╝r.

Ein deutscher Journalist, w├Ąre er redlich, h├Ątte nach der Lekt├╝re von Nejuschs Buch geschrieben, dass die Autorin "mit uns" abgerechnet hat. Ich habe auch diese Formulierung benutzt, ich bin aber eine Fremde, eine polnisch-j├╝dische Schriftstellerin, daher musste ich hier zuerst schreiben: Nejusch rechnet mit den Deutschen ab. Aber auch meine Leute bleiben bei der Lekt├╝re nicht verschont. Nejuschs Zorn richtet sich nicht nur gegen die Deutschen, sondern auch gegen die Polen, weil sie mitmachten, und zwar willig mitmachten. Sie verweist die Deutschen und die Polen auf ihre Pl├Ątze, indem sie ihnen ihre damalige T├ĄterInnen- und Mitt├ĄterInnenschaft vor Augen f├╝hrt und entl├Ąsst sie somit nicht aus ihrer historischen Verantwortung. Es ist ein Prozess, der den Deutschen und den Polen gemacht wurde. Vergleichbares wird man derzeit schwer in der Belletristik finden!
Das Buch ist jetzt ins Englische und ins Polnische ├╝bersetzt. Es passt schon, es auch in Polen zu verlegen. Vor zehn Jahren h├Ątte so ein Buch in Polen einen Schock ausgel├Âst, so wie es 2000 das Buch S┬╣siedzi (Nachbarn) von Jan T. Gross ├╝ber das Pogrom in Jedwabno ausgel├Âst hat. Jetzt haben die Polen zehn Jahre lang an ihren Hausaufgaben zum Thema Verantwortung flei├čig gearbeitet. Vielleicht werden sie das Buch von Nejusch nicht lieben, aber lesen werden sie es. Und heftig aufgeregt hin und her diskutieren.
Die Zeit ist gekommen. Und es ist gut, dass sie endlich gekommen ist.


Zur Autorin: Nea Weissberg-Bob, Anfang der 50er Jahre geboren, lebt in Berlin. Seit 1990 ver├Âffentlicht sie Beitr├Ąge zur j├╝dischen Gegenwart. Weitere Infos und Kontakt unter: www.lichtig-verlag.de

Nea Weissberg-Bob
Nejusch: Das Gl├╝ck hat mich umarmt

Ein Briefroman mit Beitr├Ągen von Halina Birenbaum, Hella Goldfein, und J├╝rgen M├╝ller- Hohagen.
Lichtig Verlag Berlin, erschienen 2008
ISBN 3-929905-21-3
170 Seiten
Euro 21.50
Vertrieb ├╝ber die Literaturhandlung Rachel Salamander, Berlin - M├╝nchen.

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Lesen Sie auch die Rezension von Gesine Strempel zu "Nejusch: Das Gl├╝ck hat mich umarmt"