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22.05.2018

Interview mit Radka Denemarkov√°
Katja Schickel

Aus einem Gespräch mit der tschechischen Schriftstellerin Radka Denemarková anlässlich des Erscheinens von "Ein herrlicher Flecken Erde" September 2009 in Prag



Katja Schickel: Was war Ihre Motivation, dieses Buch zu schreiben?
Radka Denemarková: Ich möchte die Leichen, die wir im Keller haben, nehmen und durchleuchten und zwar mit einer konkreten, literarischen Geschichte. Ein herrlicher Flecken Erde ist auch eine Geschichte des Gedächtnisses. Ich wollte zeigen, wie wir in Tschechien bestimmte Themen unter den Teppich gekehrt haben.

Katja Schickel: Woran entz√ľndete sich der Streit um das Buch?
Radka Denemarkov√°: Die Kontroversen entstanden, weil ich bestimmte Handlungen der Tschechen sehr pr√§gnant beschreibe. Was mich fasziniert hat, dass eine bestimmte Gruppe, also die Gruppe der deutschsprachigen Menschen, verschwunden ist, ab 1948 auch andere Gruppen verschwunden sind, und niemand hat etwas dagegen. Hunderte Jahre haben Tschechen und Deutsche miteinander gelebt, egal, wie kompliziert auch immer. Es gen√ľgten zehn Jahre zwischen 1938 und 1948 und alle sind verschwunden, entweder im Konzentrationslager, im Exil oder sie wurden vertrieben, aber niemand wollte und will dar√ľber sprechen. Es geht nicht mal haupts√§chlich darum, dass Gita Lauschmannov√° J√ľdin, eine deutschsprachige J√ľdin ist, es geht darum, dass einem Menschen Unrecht geschehen ist.

Katja Schickel: Warum sagen Leute, das ist ein schlechtes Buch oder die Autorin eine Nestbeschmutzerin?
Radka Denemarkov√°: Die erste Reaktion war, dass es zwar ein literarisch gut gemachtes Werk ist, aber diese Themen sind alt, die interessieren niemanden mehr, die Deutschen haben doch alles verursacht. Bisher war klar, wer Held und Opfer ist. Da ist das B√∂se und da ist das Gute. Aber Schwarz-Wei√ü gibt es nicht gibt, es ist viel komplizierter. Das ist der Grund f√ľr die Auseinandersetzung. Um das so zu schreiben, muss man es zuallererst anders sehen. Ich wollte, dass dieses Buch wie eine Kr√∂te im Hals ist, keine s√ľ√üe Nachspeise nach dem Abendessen. Es sollte ein literarisches Experiment sein, die Sprache musste auch experimentell sein. Es ist zugleich eine Modellsituation: das Leben einer Frau in der m√§nnlichen Welt - also sehr aktuell. Dar√ľber hinaus wollte ich wissen, warum Menschen so sind, sich Opfer suchen zu m√ľssen, und es ist egal, ob es ein einzelner Mensch ist oder eine Gruppe. Aggression hat verschiedene Stufen. Ich m√∂chte wissen, wie die Leute sind, was passiert ist, weil all das bleibt ja in der Luft, in der Atmosph√§re, in der Mentalit√§t. Man vergisst nie und nichts.

Katja Schickel: Wie kommen Sie zu den Figuren? Oder: Wie kommen die zu Ihnen?
Radka Denemarkov√°: Die Geschichte f√§ngt immer im Kopf an. Nat√ľrlich lese ich vorher viel. Und dann treffe ich eine Auswahl, w√§hle die Figuren, die ich beobachten m√∂chte. Die Geschichte ist fiktiv, aber um sie glaubw√ľrdig zu machen, m√ľssen historische Kulisse und alle Details stimmen, wenn man wirklich die Essenz der Zeit beschreiben will. Man braucht einen kalten Kopf und muss die Worte pr√§zise wie mit einer Pinzette hintereinander reihen.

Katja Schickel: Zum Umgang mit der Sprache: Einerseits eine Aneignung, man eignet sich nochmal oder sogar erstmalig die eigene Geschichte an. Aber es wird, durch die Art und Weise, wie Sie Sprache benutzen bzw. die beiden Gitas, die junge und die alte, auch eine Form von Distanz geschaffen. Der jungen Gita, die von sich sagt, sie trage schon die Greisin in sich, was man nach ihren Erlebnissen ja nachvollziehen kann, der wird eine Sprache in den Mund gelegt oder in die Gedanken, die manchmal auch ein bisschen altklug erscheint, nicht ¬īangemessen` sechzehn-j√§hrig. Die alte Sechsundsiebzig-J√§hrige wiederum hat manchmal wiederum einen derma√üen jugendlichen Jargon drauf, den man bei einer so distinguierten Frau nicht erwartet, auch einen schnoddrigen Sarkasmus. Ist es so, dass in dem Ma√üe, wie sich Geschichte angeeignet, eine eigene Sprache gefunden wird, auch eine Art von Distanz her muss, sonst kann man das alles gar nicht aushalten?
Radka Denemarkov√°: Genau, Gita sagt, als sie aus dem Lager kommt: Alle meine Kinderworte sind verschwunden, Sie ist eigentlich eine Erwachsene in der Haut eines Kindes, eines jungen M√§dchens. Und das ist nicht normal. Deshalb ist die Sprache, die sie benutzt, auch nicht normal. Dieses M√§dchen ist labil, sie sucht auch in der Sprache danach, wer sie ist und was sie machen soll. Als alte Frau, die das alles durchgehalten hat - und auf einmal die Rolle der zeitgen√∂ssischen Frau spielt - hat sie immer noch Hoffnung. Das ist das Positive in dem Roman, aber es ist eine literarische, k√ľnstliche Sprache und eine k√ľnstliche Form, die es mir erm√∂glichte, die Wahrheit oder die Essenz dieser Zeit zu zeigen und zu durchleben.

Katja Schickel: Ihr Motto ist: "Sich am Riemen rei√üen, nicht zusammenbrechen, nicht schreien!", sie versucht, die Form zu wahren. Das wird auch in der Struktur von Zeit durchgehalten: Es gibt Prolog, Epilog und dazwischen ihre R√ľckkehren, die im Grunde lediglich Stippvisiten sind. Sie sagt auch: "Nur weg hier, das ist mein Ziel!". Aber um das erreichen zu k√∂nnen, muss sie durch alle Schichten und Zeitebenen hindurchgehen. Formal ist das sehr strukturiert, aber diese Ebenen sind immer miteinander verwoben, weil Zeit nie so funktioniert, dass man sie einfach jeweils in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zerlegen k√∂nnte. Manchmal braucht man jedoch ein Korsett, einen Halt...
Radka Denemarkov√°: Genau. Es ist wie ein Haus. Da ist eine spannende Geschichte, eine √§u√üere Wand oder ein Zaun, und wenn man ins Haus geht, gibt es verschiedene weitere Geschichten und Gedanken. Es gibt Phasen oder Punkte im Leben, in denen sich ein Schicksal verdichtet. In diesen Zeiten wird dann alles in Zweifel gezogen, und wir m√ľssen das Leben von Anfang an neu denken. Und das passiert dieser Gita Lauschmannov√° ganz h√§ufig. F√ľr mich ist sie eine sehr starke Frau, die es immer wieder schafft. Nur eines schafft sie nicht: Sie begreift nicht, dass sie Energie und Zeit verschwendet, wenn sie immer wieder in dieses Dorf kommt, weil das keine Chance ist. Die neue Generation wird von denselben Eltern und Gro√üeltern erzogen, die immer wieder dieselben Klischees wiederholen.

Katja Schickel: F√ľr Antisemitismus gibt es keinen Grund, aber der Junge sprayt dann den Judenstern doch an die Wand, das ist eine Wiederholung, die er vermutlich relativ unbewusst vollzieht, aber er hat trotzdem sofort das Zeichen parat, und es zeigt, dass es in den K√∂pfen der Leute immer noch existiert und deshalb funktioniert.
Radka Denemarkov√°: Ja, und das ist sehr traurig, wo ist denn da eine Chance?

Katja Schickel: Gita muss feststellen, dass da Risse sind, die einfach nicht mehr zu kitten sind. Das ist das eigentlich Deprimierende. Aber sie versucht etwas, was ganz wichtig ist f√ľr sie pers√∂nlich als traumatisierte Person, n√§mlich durch eine Geschichte hindurch zugehen, aber auch f√ľr uns, weil wir solche Menschen brauchen, die uns die Vergangenheit erz√§hlen, um das Vergessene neu zu lernen. Diese Wahrhaftigkeit ist auch schwer auszuhalten. Man darf die Menschen nicht zu sehr erschrecken, nicht zu sehr konfrontieren. Das ist eine Erfahrung, die sie macht, und die nicht sehr tr√∂stlich ist.
Radka Denemarkov√°: Wenn Gita Lauschmannov√° im Jahre 2005 in dieses Dorf zur√ľckkehrt, ist es wie in einem antiken Drama, das mag ich sehr. Sie steht da eigentlich allein gegen den Chor oder in diesem Falle gegen das ganze Dorf, aber symbolisch gegen die Gesellschaft. Sie meint, dass sie schon alles wei√ü, sie hat sich an vieles erinnert, und am Ende stellt sie fest, dass ein Detail alles, was sie bisher geschrieben hat, ver√§ndern kann, dass z. B. ihr Vater das alles ganz anders erz√§hlen w√ľrde und all die anderen Figuren, die in ihrer Geschichte vorkommen. Es ist oft so, dass Menschen die wichtigsten Fragen der Familie, den Verwandten, den Freunden nicht stellen, weil im Alltag dazu keine Zeit oder kein Mut ist, aber diese Fragen werden deshalb auch nie beantwortet werden. Das sind die schwarzen L√∂cher in jedem Leben ‚Äď nat√ľrlich auch in der Geschichte und der jeweiligen Gesellschaft. Wenn man bestimmte Fragen nicht stellt, wird es gef√§hrlich, dann entstehen die Tabus, Klischees und Vorurteile.

Katja Schickel: Es gibt in Ihrer Generation andere Autorinnen und Autoren, die sich mit √§hnlichen Themen besch√§ftigen, vermutlich weil es eine zeitliche Distanz gibt, vielleicht auch, weil die Zeit reif daf√ľr ist, es gibt Interesse.
Radka Denemarkov√°: Ja, das ist meine Erkl√§rung, dass ich das Thema gew√§hlt habe, aber meine Hauptfrage ist, warum wiederholen sich diese Situationen in der Geschichte der Menschheit - und zwar √ľberall. Ich beschreibe nicht sachliche, politische Situationen, sondern was sie mit Menschen machen. Mich interessieren konkrete Menschen und Schicksale. Und man darf nie vergessen, wenn da Unrecht war. F√ľr mich ist die innere Welt der Person wichtig. Gita m√∂chte wissen, warum sie nicht ihr eigenes Leben leben kann. Was soll ein normaler Mensch machen, wenn ihm so etwas passiert wie meiner Figur. Es geht um die Wunde eines jeden Menschen. Und ich wollte in der fiktiven Figur verschiedene Schicksale verallgemeinern.

Katja Schickel: Fehlt Ihnen in Tschechien, dass zu wenig Fragen gestellt werden, was war denn, was ist geschehen, wie sind wir da wieder raus gekommen und welche Fehler haben wir gemacht, also wo haben wir auch versagt? Das hat nicht stattgefunden. Und das hei√üt, da ist immer noch der Deckel drauf, Mehltau √ľber allem. Ist das so?
Radka Denemarkov√°: Das ist eine gute Interpretation, darum drehten sich die Kontroversen. Ich habe eine Figur, die Deutsch spricht, immer in Tschechien geblieben ist, sie wurde nicht vertrieben, sie war nicht im Exil, sie wollte da bleiben, und davon gab es Einige, aber dar√ľber sprach und spricht man nicht.

Katja Schickel: Sie haben gesagt, Sie seien froh, dass Literatur nicht mehr die Funktion von Gewissen √ľbernehmen muss. Aber Sie wollen Ihr Thema pr√§sentieren und sagen: Jetzt besch√§ftigt euch mal damit! Das ist auch eine moralische Haltung, oder!?
Radka Denemarkov√°: Ich m√∂chte nicht strafen. Ich wollte bestimmte Situationen benennen, die Finger in die Wunden legen. Das ist wichtig, finde ich - und ist f√ľr die Kunst und auch f√ľr die Gesellschaft ganz gesund. Wenn wir so weiter machen, √§ndert sich nie etwas, dann k√∂nnen wir nichts diskutieren. Dann sind wir wie im Gef√§ngnis. Aber das m√∂chte ich nicht mitmachen. Dieses Thema zeigt, dass in der Luft etwas Kaltes ist, was auch mich pers√∂nlich nicht in Ruhe l√§sst. Ich sitze nicht am Schreibtisch und denke mir ein Thema aus, nein, mich interessiert wirklich der Raum, in dem ich lebe.

Katja Schickel: Gita Lauschmannov√° sagt: "Ja, ich werde weiter schreiben. Das Schreiben ist meine Rettungsweste."
Radka Denemarkov√°: (lacht) Ja, das ist mein Satz, Motto meines Schreibens.

Katja Schickel: Ich fand einen Satz am Ende des Buches, der Motto wie Res√ľmee sein k√∂nnte: "Mit verbundenen Augen hat sie sich r√ľckw√§rts bewegt, dann mutig die Augenbinde abgestreift." Diesen Mut zu haben, auf sich selbst zu vertrauen und nicht auf fremde Blicke und dann zu schauen, was wirklich ist...
Radka Denemarková: Ja, dieser Mut zur Wahrheit, das ist der größte Mut, den ich kenne.

Katja Schickel: Gespr√§ch mit Radka Denemarkov√° √ľber Ein herrlicher Flecken Erde - 23.09.09 in Prag, gek√ľrzte Fassung


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