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24.06.2018

Daria Donzowa - Den letzten beißt der Hund
Claire Horst

Unter ihrem Pseudonym hat die Autorin Agrippina Donzowa bereits 46 BĂŒcher veröffentlicht, dreimal war sie russische Schriftstellerin des Jahres. 72 Millionen Exemplare wurden bisher verkauft, ...



... und auch in Deutschland erschienen schon mehrere BĂ€nde.

In mittlerweile vier Krimireihen machen Donzowas HeldInnen Jagd auf MörderInnen, DiebInnen und organisierte Kriminelle. Tanja, die Hauptfigur des Romans "Den letzten beißen die Hunde", verbringt mit einigen Kindern, Hunden und andern Haustieren den Sommer in ihrer Datsche auf dem Land. Eines Morgens stĂŒrzt das Haus ĂŒber ihren Köpfen zusammen - die Folge des Neubaus einer riesigen Villa auf dem NachbargrundstĂŒck, wie sich spĂ€ter herausstellt.

ZunĂ€chst ist sie voller Wut auf die "Neureichen", die ohne RĂŒcksicht auf Sicherheitsbestimmungen gebaut haben, doch als der gutaussehende Herr von nebenan in seinem Sportwagen vorfĂ€hrt und sofort den Neubau der Datsche auf seine Kosten anordnet, ist sie schnell besĂ€nftigt.Die nĂ€chsten Wochen verbringen Tanja und ihr Anhang in seiner riesigen Villa, zusammen mit seiner unĂŒbersichtlichen Großfamilie, die hauptsĂ€chlich aus seinen Kindern aus verschiedenen Ehen und deren Kindern besteht.

Als in der Villa ein Mord geschieht - ihr WohltĂ€ter ist erschossen worden - stellt sich heraus, dass der Familienfrieden schon lange nur mit MĂŒhe zusammengehalten wird. Auf das umfangreiche Erbe des MillionĂ€rs sind alle scharf, und so haben die Familienmitglieder bald eine Schuldige ausgemacht. Tanja, die (wie Donzowa in weiteren BĂ€nden der Reihe erzĂ€hlt hat) schon umfangreiche Erfahrungen mit MordfĂ€llen gesammelt hat, ist mit dieser einfachen Lösung nicht zufrieden. Und so macht sie sich in bester Miss-Marple-Tradition auf die Suche nach den wahren Schuldigen.

Im Unterschied zu Agatha Christies meisterhaft erzĂ€hlten Krimis wirkt Donzowas Roman leider etwas konstruiert. Der im Titel angedeutete Hundebiss etwa ist derart an den Haaren herbeigezogen, dass die Auflösung des Falls ins MĂ€rchenhafte abgleitet. Anders als die Figuren in den Miss-Marple-Romanen, die psychologisch sehr genau charakterisiert sind, bleiben Donzowas Figuren blass und unscheinbar. Bei ihrer Beschreibung schreckt sie auch vor offensichtlichen Klischees nicht zurĂŒck. Ein alternder General ist natĂŒrlich ein "alter Haudegen", Blondinen sind schön und dumm, sĂ€mtliche Kinder sind lĂ€rmende Wildfange, und alle reichen MĂ€nner werden von finster aussehenden Bodyguards begleitet. Bester Krimi-Trash, der sich bei Regenwetter in ein paar Stunden durchlesen lĂ€sst.

Dennoch verrĂ€t das Buch jenseits der Stereotypen einige Wahrheiten ĂŒber das Leben in Russland. Wenn ein Anwalt sich Ă€rgert, an den einzigen unbestechlichen Polizisten geraten zu sein und seinen Mandanten nicht freikaufen zu können, wenn eine Kriminelle daran erkannt wird, dass sie das falsche Schminkköfferchen dabei hat (eine Blondine mit blauen Augen wĂŒrde nie grĂŒnen Lidschatten benutzen), verrĂ€t der Roman zwischen den Zeilen mehr, als die direkte Handlung aussagt.

Dabei fallen auch einige unangenehme Details der ErzĂ€hlweise auf. So stellen sich die Kinder ihren nie gesehenen, reichen Nachbarn als einen "Zwerg im Rollstuhl" vor, worauf der antwortet, das sei eine langweilige Fantasie: "Viel interessanter wĂ€re doch ein Neger mit einem Harem weißer Sklavinnen, findet ihr nicht?" Nicht nur rassistisches und diskriminierendes Denken, auch nationalistische Klischees fallen immer wieder auf. "So sind wir russischen Frauen. Erst haben wir Mitleid, und dann verlieben wir uns", klingt doch etwas zu allgemein.

Dass die Autorin ihre 46 Romane in nur 12 Jahren geschrieben hat, erklĂ€rt einige der logischen LĂŒcken und auch die oberflĂ€chliche Beschreibung ihrer Figuren. Ihr Erfolg ist sicherlich in der Unterhaltungsfunktion begrĂŒndet: Wohlhabende Heldinnen, deren einziges Problem darin besteht, nicht den Überblick ĂŒber ihre Hunde, Katzen und Kinder zu verlieren, lenken das vorrangig weibliches Lesepublikum wunderbar von den eigenen Problemen ab.

AVIVA-Fazit: "Den Letzten beißt der Hund" ist leicht verdauliche LektĂŒre fĂŒr einen gemĂŒtlichen Nachmittag auf dem Sofa. FĂŒr Fans von Hera Lind und Eva Heller und fĂŒr LeserInnen, die ĂŒber Klischees gern hinweglesen, wenn sie nur gut unterhalten werden - denn unterhalten kann die Autorin wirklich.

Zur Autorin: Darja Donzowa (eigentlich Agrippina Donzowa) wurde 1952 in Moskau geboren. Sie studierte Journalistik an der Moskauer Lomonossow-UniversitĂ€t, arbeitete zunĂ€chst als Übersetzerin und unterrichtete spĂ€ter Französisch und Deutsch. Seit 1998 schreibt sie Kriminalromane, mittlerweile sind es vier Krimi-Reihen. Sie hat bisher 46 BĂŒcher veröffentlicht, von denen insgesamt 72 Millionen Exemplare verkauft wurden. Darja Donzowa wurde dreimal in Russland Schriftstellerin des Jahres. 2002 und 2003 wurde jeweils eines ihrer BĂŒcher als "Bestseller des Jahres" ausgezeichnet. Darja Donzowa moderiert im russischen Radio eine Talkshow und hat im Fernsehen eine Rubrik. Ihre Kriminalromane dienten als Vorlage fĂŒr Hörspiele und Fernsehserien. Sie lebt mit ihrem Mann, ihren drei Kindern und ihren Hunden in Moskau. Im Aufbau Taschenbuch Verlag erschienen bisher ihre Romane "Nichts wĂ€scht weißer als der Tod" (2006), "Spiele niemals mit dem Tod" (2007), "Perfekt bis in den Tod" (2007), "Bis dass dein Tod uns scheidet" (2008), "Verlieb dich nie in einen Toten" (2009) und "Vögel, die am Abend singen" (2009). (Verlagsinformationen)

Darja Donzowa
Den Letzten beißt der Hund

Kriminalroman
Broschur, 368 Seiten
Aufbau Taschenbuch Verlag
Erschienen 2010
ISBN: 978-3-7466-2575-1
9,95 Euro

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