Chahdortt Djavann - Die Stumme - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
AVIVA-Berlin Literatur > Romane + Belletristik
22.06.2018

Chahdortt Djavann - Die Stumme
Evelyn Gaida

Ein schmales Buch mit harmlosem Cover, das an W√ľstennomaden denken l√§sst. Doch von der ersten Seite an zieht sich der W√ľrgegriff einer unentrinnbaren Verkettung tragischer und aufr√ľhrender ...



... Ereignisse immer enger zusammen, die sich in den zwei Worten des Titels zu verdichten scheinen: "Die Stumme".

Mysteriöse Post aus dem Iran

Die Widmung und die Vorbemerkung geh√∂ren bereits zum Romangeschehen - alles ist darauf ausgerichtet, diesem das Gepr√§ge eines Tatsachenberichts zu geben - was vollkommen gelingt. Eine nicht n√§her identifizierte Ich-Erz√§hlerin erh√§lt von einer Unbekannten einen mysteri√∂sen Brief aus dem Iran, der die Ankunft eines P√§ckchens ank√ľndigt. Zwei Seiten weiter finden sich die LeserInnen abrupt in eine vollkommen andere, aus europ√§ischer Sicht des 21. Jahrhunderts unvorstellbare und bedr√§ngende Realit√§t geworfen: Die letzten Aufzeichnungen der 15-j√§hrigen Fatameh, die in einem iranischen Gef√§ngnis der Vollstreckung ihres Todesurteils entgegenblickt, werden vollst√§ndig wiedergegeben. Fatamehs einziges Heft war der Inhalt des P√§ckchens. Djavanns Romankonstruktion entfaltet ihre Wirkung mit der Pr√§zision des Unaufhaltsamen.

Letztes Zeugnis einer Verurteilten

Die Aufzeichnungen des M√§dchens sind ebenfalls in berichterstattendem Ton abgefasst, der eine gewisse Distanz zum Geschehen schafft. Geschildert wird Fatamehs aktuelle Situation im Gef√§ngnis und was sie dorthin brachte. Gef√ľhle werden nicht ausgespart, auch nicht die heftigen und abgr√ľndigen, doch als Teil und Gegenstand des Berichts behandelt, wodurch der Eindruck subversiven Brodelns und emotionaler Erosion entsteht. Sie suche keine Best√§tigung, h√§lt Fatameh fest, sondern Verst√§ndnis.

Djavann simuliert glaubhaft die Sprache einer 15-J√§hrigen durch kleine stilistische Schnitzer und sprachliche Einfachheit. Fatamehs Ausf√ľhrungen sind sehr sparsam gehalten und dabei von gro√üer analytischer Pr√§gnanz - was vielleicht nicht nur auf ihr √§u√üerst begrenztes Schreibmaterial zur√ľckzuf√ľhren ist, sondern auch eine Besonderheit der Verfasserin zu sein scheint. Sie stellt sich als scharfe Beobachterin heraus, die mit einem Minimum an Worten und Beschreibungen die Charakteristik ihres gesellschaftlichen Umfelds, der sie umgebenden Beziehungskonstellationen und Menschen erfasst, oft mit bei√üender und unbestechlich entlarvender Ironie. Ihrem Alter ist Fatameh offenbar weit voraus, was angesichts ihres Hintergrunds und ihrer akuten Lage nicht verwundert. 15 Jahre sei sie alt und gleichzeitig so alt wie die Ewigkeit, schreibt sie √ľber sich selbst.

Fatameh und ihre Familie wohn(t)en im Armenviertel einer nicht n√§her spezifizierten iranischen Stadt, dessen Lebenswelt sich den LeserInnen durch die knappen, aber zielgenauen Informationen der Erz√§hlerin wie aus einzelnen, ungesch√∂nt sachlichen und einpr√§gsamen Momentaufnahmen zusammensetzt. Auf den Stra√üen seien nur M√§nner und Dealer zu sehen, Frauen w√ľrden sich unter keinen Umst√§nden, ganz gleich ob "verr√ľckt, stumm blind oder glatzk√∂pfig", ohne Kopfbedeckung zeigen. Fatameh ist eines der wenigen M√§dchen im Viertel, das zur Schule gehen darf oder kann, da den meisten Familien das Geld fehlt. Der Alltag der Heranwachsenden wird nicht v√∂llig vom Elend beherrscht: Ihre Kindheit bezeichnet sie r√ľckblickend als gl√ľcklich. Sie verg√∂ttert ihre Tante, liebt ihren Vater und bemitleidet ihre fromme und regeltreue Mutter. Schon auf den ersten Seiten ihrer Aufzeichnungen zeigt sie sich als wacher und kritischer Geist, der sich durch sein Andersdenken und Anderssein den sonstigen BewohnerInnen des Bezirks √ľberlegen f√ľhlt. Immer wieder scheinen auch Szenen der Freude am Einfachen und Schlichten auf: Am Geruch eines Fr√ľhlingstages, am Sonnenlicht, das beim Fensterputzen durch die Scheiben f√§llt oder an der Art, wie Fatamehs Tante ihr die Haare k√§mmt.

Die Stumme

Einem Menschen widmet Fatameh vergleichsweise ausf√ľhrliche, von gro√üer Liebe und Bewunderung zeugende Beschreibungen: Eben jener Tante, die im gesamten Roman nur zweimal als solche bezeichnet und ansonsten "die Stumme" genannt wird. Sie ist die Schwester des Vaters, die mit dessen Familie zusammenlebt und seit einem grauenvollen Kindheitstrauma kein Wort mehr gesprochen hat. Einerseits extrem psychisch versehrt und oft bodenlos schwerm√ľtig bis zur Grenze des Wahnsinns, ist ihr Schweigen andererseits Ausdruck einer unbeugsamen Rebellion und radikalen Verweigerung. Sie tr√§gt kein Kopftuch, sondern lange, schwarze Z√∂pfe, raucht "wie ein Pokerspieler", schminkt sich und schneidert Kleidungsst√ľcke in bunten Farben, durch die sich auch der Rest ihrer Familie von den anderen im Viertel Ans√§ssigen abhebt. Vor ihrem Verstummen war sie eine sehr gute Sch√ľlerin, wie auch ihre Nichte. Diese f√ľhlt sich ihr ohne Worte unaufl√∂slich verbunden. Das Schicksal der Stummen, das auf Umwegen auch Fatamehs Schicksal besiegelt, ist in diesem Roman gleichzeitig eine Tour der Enth√ľllung und der Gewalt gegen (eigenst√§ndig denkende und handelnde) Frauen, in deren Verlauf sich die totalit√§re Repression durch die Religionsdiktatur samt ihrer verheerenden Auswirkungen auf die Gesellschaft und die intimsten Lebensbereiche der Einzelnen in ihrer ganzen Perversion und Doppelmoral offenbart.

Islamistische Frauenpolitik

Am Vorgehen der Stummen und seinen Folgen stellt Djavann als Grundprinzip islamistischer Frauenpolitik heraus: Alle Arten von Zwang sind erlaubt und werden gef√∂rdert - Zwangsverheiratung, Vergewaltigung in der Ehe, Entm√ľndigung von Frauen und so fort - freie Entscheidung und Eigenverantwortlichkeit werden dagegen mit allen Mitteln bek√§mpft und auf das Sch√§rfste bestraft. Trotz demonstrativer Verdichtung, die manchmal Gefahr l√§uft, bei den LeserInnen √úberforderung hervorzurufen, ist die Darstellung sehr differenziert. Darin √§u√üert sich, neben der Kunst der Autorin, eine Humanit√§t und ein Einf√ľhlungsverm√∂gen, die bei jeder Romanhandlung oder -figur entscheidend sind: Auch Fatamehs Vater, den seine Tochter voller Mitleid als hilflos beschreibt, wird zum Opfer und steht unter Zwang, er bittet sein Kind als gebrochener Mann um Verzeihung. Fatameh h√§tte an seiner Stelle genauso handeln m√ľssen, schreibt sie trotz ihrer fatalen Lage. Vater und Onkel sind verh√§ltnism√§√üig liberal eingestellt, wogegen die Mutter und die b√∂swillig tratschenden Nachbarinnen mit "ohrenbet√§ubendem L√§rm" √ľber andere Frauen herziehen - und das Wesen der Stummen nicht ertragen k√∂nnen. Die Bigotterie, Dummheit und D√ľnkelhaftigkeit der Mutter Fatamehs sind es, die den Niedergang ihrer Familie einleiten und sie ins zerst√∂rerische Visier der religi√∂sen Autorit√§t r√ľckt. Diese wird im Roman umgekehrt ins Visier der politischen Essayistin und Aktivistin Djavann genommen, das sich als lakonischer Scharfblick von au√üerordentlicher Pr√§zision herausstellt: Unter dem islamistisch-diktatorischen Regime des Iran kann "gegen die Rache eines Mullahs, (‚Ķ), die Rache eines Heuchlers, der in seiner Ehre und seiner fr√∂mmelnden Selbstliebe gekr√§nkt war, (‚Ķ) selbst der allm√§chtige Gott nichts ausrichten", so die todgweihte Fatameh.

AVIVA-Tipp: Ein heftiges und ersch√ľtterndes Buch √ľber die Lebenssituation und das tragische Schicksal von zwei au√üergew√∂hnlichen iranischen Frauen und ihrer Familie, die zum Opfer nicht nur des islamistischen Regimes, sondern einer tief in die Gesellschaft eingedrungenen Indoktrination und Ideologie werden. Deren widersinnige Zerst√∂rungsmacht analysiert Chahdortt Djavann mit Scharfsinn und Einf√ľhlungsverm√∂gen hochverdichtet und dennoch vielschichtig, sodass der Roman die Gefahr umschifft, zum vor√ľbergehenden Schocker zu werden, und sowohl die Problematik als auch die LeserInnen drastisch zu treffen und zu ber√ľhren vermag.

Zur Autorin: Chahdortt Djavann, 1967 im Iran geboren, verbrachte ihre Kindheit und Jugend in Teheran. Djavann war zw√∂lf Jahre alt, als Khomeini 1979 im Iran die Macht ergriff, Terror und Gewalt in ihr Leben drangen und ihr Vater im Zuge der Islamischen Revolution verhaftet wurde. 1993 gelang es ihr, √ľber Istanbul nach Frankreich zu fliehen, wo sie Sozialwissenschaften studierte. Chahdortt Djavann ist Autorin mehrerer Sachb√ľcher und Essays √ľber die Gefahren des Islamismus. Nicht nur ihre schriftstellerischen Werke, die in Frankreich auf der Bestsellerliste landeten, sondern auch ihre aktive Beteiligung an der Kopftuchdebatte etablierte sie √ľber Frankreichs Grenzen hinaus zur anerkannten und vielzitierten Islam-Expertin. Chahdortt Djavann lebt heute in Paris.

Chahdortt Djavann
Die Stumme

La muette
Aus dem Französischen von Nathalie Mälzer-Semlinger
Goldmann Verlag, erschienen 08. Juni 2010
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 112 Seiten
ISBN: 978-3-442-31231-3
14,95 Euro

Weitere Informationen finden Sie unter:

www.randomhouse.de/goldmann

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

30 Jahre Berufsverbot und einj√§hrige Haftstrafe f√ľr iranische Journalistin und BOB-Preistr√§gerin Zhila Bani Jaghob

Azar Nafisi - Die sch√∂nen L√ľgen meiner Mutter. Erinnerungen an meine iranische Familie

Keine Geschäfte mit dem iranischen Regime

Nasrin Amirsedghi - Die Stellung der Frau im Gottesstaat Iran

Urgent Action - Politische Gefangene im Iran

Irans StudentInnen protestieren gegen Atompolitik

Die atomare Waffe des Iran sind seine MärtyrerInnen

Einreiseverbot f√ľr Mahmud Ahmadinedjad

Irans Präsident bezeichnet Holocaust als Mythos

Freiheit statt Islamische Republik

Gegendemonstration zum Al-Quds-Tag am 12.09.2009