Barbara Degen - Das Herz schlĂ€gt in RavensbrĂŒck. Die Gedenkkultur der Frauen - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
AVIVA-Berlin Literatur > Biographien
24.06.2018

Barbara Degen - Das Herz schlĂ€gt in RavensbrĂŒck. Die Gedenkkultur der Frauen
Claire Horst

Im Konzentrationslager RavensbrĂŒck waren 130.000 Menschen, zum großen Teil Frauen, interniert. Zu ihren Überlebensstrategien gehörte auch das Niederschreiben und kĂŒnstlerische Verarbeiten des...



... (Über)Erlebten.

Tagebucheintragungen und Briefe, Zeichnungen und Gedichte der Frauen von RavensbrĂŒck hat die Juristin und MitbegrĂŒnderin des Feministischen Rechtsinstituts e.V., Barbara Degen, zusammengestellt. Fotos der Inhaftierten tragen zusĂ€tzlich dazu bei, dass diese Frauen der Leserin nĂ€her rĂŒcken, dass sie der Auseinandersetzung mit ihnen nicht ausweichen kann. FĂŒr diese Eindringlichkeit ist auch Barbara Degens sehr persönliche Herangehensweise verantwortlich. Gleich zu Anfang erlĂ€utert sie ihre BeweggrĂŒnde zu diesem Buch. "Am Anfang stand die Lust auf Frauengeschichte. Von den GeschichtsbĂŒchern ... oft unsichtbar gemacht, marginal behandelt oder völlig ignoriert, gab es einen Ort in Deutschland, wo Frauen im Mittelpunkt standen, stehen mussten: RAVENSBRÜCK, ca. 80 km nördlich von Berlin."

Degen macht sich auf die Reise zurĂŒck zu diesen Frauen, die hier lebten und starben, begibt sich auf die Suche nach ihren Erlebnissen und ihrem VermĂ€chtnis. Diese Parallelstruktur, Degens eigene Texte, die den historischen Kontext herstellen, und die Originaltexte und -bilder der Frauen, bildet auch optisch den Rahmen fĂŒr das Buch: In den Haupttext sind Gedichte kursiv, TagebucheintrĂ€ge und Briefe blau eingeschoben, eine Randspalte enthĂ€lt Bilder und bibliografische Angaben.

Die Leserin pendelt so bestĂ€ndig zwischen der Perspektive der Nachgeboren und der betroffenen Frauen, kann in deren Erlebnisse eintauchen und sie reflektieren. Die ĂŒberlieferten Dokumente werden bei Degen zu Zeitzeuginnen. Sie verdeutlichen den Alltag der Frauen im KZ, ihre Ängste und ihre SolidaritĂ€t untereinander. Dabei dienen die Texte und Bilder als roter Faden, der durch eine umfassende Darstellung fĂŒhrt. Das Buch wird so zu einem Beitrag zur Gedenkkultur der Frauen, die kein Vergessen erlaubt.

In einem ersten Großkapitel stellt Barbara Degen den Alltag im Konzentrationslager dar. Überlebenskampf und Angst, Hunger und Tod durchziehen die hier versammelten Dokumente. Daneben aber scheinen immer wieder persönliche Beziehungen auf, die Erfahrung von SolidaritĂ€t und Liebe der Frauen untereinander. Auch die Rolle der TĂ€terInnen nimmt Degen durch die Augen der Inhaftierten in den Blick.

Das zweite Großkapitel beschĂ€ftigt sich mit der Zeit nach dem Kriegsende. Wie konnte es weitergehen nach den zerstörenden Erfahrungen des Nationalsozialismus? Die ĂŒberlebenden Frauen beteiligten sich als Zeuginnen an den Prozessen gegen die TĂ€terInnen und regten die Schaffung von GedenkstĂ€tten an. Zugleich blieben sie miteinander in Kontakt, erinnerten an die Ermordeten und bildeten so ein Netzwerk, das den Nationalsozialismus ĂŒberlebte.

Nicht nur zur eigenen Verarbeitung ihrer traumatischen Erlebnisse dient also den Frauen das Geschriebene und Gezeichnete. Wie Degen verdeutlicht, haben diese Frauen die Forschung zum KZ RavensbrĂŒck erst ermöglicht. Mithilfe ihrer Aufzeichnungen konnte die Auseinandersetzung mit dem Geschehenen beginnen, konnten TĂ€terInnen verfolgt und die Opfer gewĂŒrdigt werden. Degen zeichnet auch nach, wie die Frauen in ihren ĂŒber 20 HerkunftslĂ€ndern Einfluss auf den Umgang mit der Vergangenheit nahmen. So haben sie in der DDR und in der BRD GedenkstĂ€tten initiiert und mitgestaltet.

Der Anhang enthĂ€lt die Kurzbiographien aller erwĂ€hnten Frauen, ergĂ€nzt durch Fotos. So wird noch einmal deutlich, welches reiche Erbe hier zerstört wurde. Dichterinnen und Malerinnen, Wissenschaftlerinnen und Komponistinnen waren hier ebenso interniert wie "ganz normale" Frauen, von deren Gedanken und GefĂŒhlen wir heute noch beeindruckt sind. Literaturhinweise laden zur weiteren Forschung zu den Frauen ein.

Ihre eigene Auseinandersetzung mit den Schicksalen der Frauen hat Barbara Degen dazu angeregt, "ErzÀhlungen vom Leben und vom Tod" einzelner Frauen zu verfassen. Mit Bildern der lettischen Illustratorin Lilija Diner bieten sie einen poetischen Einblick in exemplarische Einzelschicksale.

Eine weitere hilfreiche Information stellt die "Zeittafel des Schreckens" dar, die den Nationalsozialismus aus weiblicher Sicht tabellarisch darstellt.

AVIVA-Tipp: "Das Herz schlĂ€gt in RavensbrĂŒck" versammelt nicht nur informative Dokumente, die in dieser Form noch nicht zusammengetragen worden sind. Es bietet auch einen eindringlichen Zugang zu den einzelnen Frauen, deren Werke Degen zusammengetragen hat. Informativ und aufrĂŒttelnd zugleich, ermöglicht das Buch einen neuen Zugang zu einem viel zu wenig beachteten Kapitel der deutschen Geschichte.

Zur Autorin: Dr. Barbara Degen ist Juristin und MitbegrĂŒnderin des Feministischen Rechtsinstituts e.V.

Barbara Degen
Das Herz schlĂ€gt in RavensbrĂŒck. Die Gedenkkultur der Frauen

378 Seiten
Verlag Barbara Budrich, erschienen im September 2010
Schriften aus dem Haus der Frauengeschichte
ISBN 978-3-86649-288-2
26,90 Euro

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Die Frauen von RavensbrĂŒck von Loretta Walz