Ruth Landshoff-Yorck - In den Tiefen der Hölle - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
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23.06.2018

Ruth Landshoff-Yorck - In den Tiefen der Hölle
Britta Meyer

Der bereits in den fĂŒnfziger Jahren geschriebene Kriminalroman ĂŒber einen geisteskranken Pariser Serienmörder und einen nicht minder gestörten Ermittler ist bis jetzt unveröffentlicht ...



...geblieben. Im AvivA Verlag wurde die ErzĂ€hlung der in die USA emigrierten jĂŒdischen Autorin nun zum ersten Mal herausgebracht.

Es ist das Paris der fĂŒnfziger Jahre, der Krieg und die Besatzung sind zwar vorĂŒber, aber in AtmosphĂ€re und Erinnerung der Stadt immer noch allgegenwĂ€rtig. Als in einem der stĂ€dtischen Parks eine junge Frau mit durchschnittener Kehle gefunden wird, ist sie nur eine Randnotiz der ĂŒblichen urbanen Gewalttaten, die niemanden mehr schockieren. Als jedoch eine zweite und dann eine dritte Frau Opfer des Mörders werden, schreit die Presse nach AufklĂ€rung und es muss dann doch gehandelt werden. Dr. Lorme, Leiter der psychiatrischen Abteilung der Pariser Polizei, wird damit beauftragt, ein Profil des TĂ€ters zu erstellen.

Der Doktor und seine adelige Gehilfin

Lorme ist ein abgeklĂ€rter, seines Berufes ĂŒberdrĂŒssiger Misantroph, dem die Menschen, deren verletzte Psyche er analysieren soll, nicht egaler sein könnten. Die Psychotherapie als Methode der Heilung und der Hilfe hat er irgendwann wĂ€hrend des Krieges als wirkungslose Flickschusterei an irreparabel geschĂ€digtem Leben abgetan. Die einzige Person, die er nicht vollkommen zu durchschauen glaubt, ist seine Assistentin Elianne, eine GrĂ€fin, die zum Spaß arbeitet. Dass diese ihren Job nicht durch Kompetenz, sondern "durch Charme und Verbindungen" bekommen hat, ist eins von zahllosen beilĂ€ufigen Details, bei denen sich einer Leserin unserer Zeit die Haare strĂ€uben. Die junge Assistentin richtet ihrem angehimmelten Chef gerne einen Imbiss an und hĂ€ngt scheu gesenkten Blickes bewundernd an seinen Lippen, wenn er sich ĂŒber Gesellschaft, Kriminologie und Psychoanalyse auslĂ€sst.

Elianne lernt auf einem ihrer StreifzĂŒge durch die zwielichtigeren Gebiete von Paris einen merkwĂŒrdigen Clochard kennen. Der hinterlĂ€sst mit seiner sinistren Freundlichkeit und seinen seltsam sauberen HĂ€nden einen so bleibenden Eindruck bei ihr, dass sie Lorme von ihm berichtet. Der Doktor, der bei seinen Nachforschungen mangels echtem Interesse an dem Fall nicht weiterkommt, beschließt einen Schuss ins Blaue. In der Hoffnung auf Informationen hinterlĂ€sst er fĂŒr den Landstreicher seinen Namen und Adresse am Quai der Seine. Ein verhĂ€ngnisvoller Fehler und der Anfang von Lormes ganz persönlicher Höllenfahrt...

AVIVA-Fazit: Landshoff-Yorcks abgehobener, mitleidloser Schreibstil lĂ€sst den Opfern keine WĂŒrde und fĂŒr die TĂ€ter kein VerstĂ€ndnis. Die Figuren handeln ganz innerhalb ihrer von Verachtung, Eigennutz und Nihilismus geprĂ€gten Welt, in der gedankenlose Grausamkeit nur eine logische Konsequenz der herrschenden Fressen-oder-gefressen-werden-MentalitĂ€t ist. Dies könnte seinen ganz eigenen kĂŒhlen Reiz entfalten, doch leider ist ihre Art des ErzĂ€hlens ebenso ermĂŒdend wie uninteressant. So bleiben selbst die Talfahrten in Lormes verdrehte Psyche farblos und eindimensional. Der Effekt ist, dass den Lesenden die BeweggrĂŒnde und das Schicksal jeder einzelnen Figur vollkommen gleichgĂŒltig bleiben.

Zur Autorin: Ruth Landshoff-Yorck, 1904 als Ruth Levy geboren, war die Nichte des Verlegers Samuel Fischer. Sie schrieb Feuilletons, veröffentlichte 1930 ihren ersten Roman "Die Vielen und der Eine". 1937 floh sie vor den Nazis nach Amerika und begann dort eine zweite literarische Karriere als Ruth L. Yorck. Sie schrieb Romane und TheaterstĂŒcke, verfasste RundfunkbeitrĂ€ge und kehrte erst Anfang der 1950er Jahre fĂŒr Kurzbesuche nach Deutschland zurĂŒck.

Ruth Landshoff-Yorck
In den Tiefen der Hölle

AvivA Verlag, erschienen im September 2010
Erstausgabe aus dem Nachlass
Hrsg. und mit einem Nachwort von Walter FĂ€hnders
Gebunden, 269 Seiten
ISBN 978-3-932338-44-1
19,50,- Euro
www.aviva-verlag.de