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20.06.2018

Interview mit Lorraine Lévy
Karin Effing, Sharon Adler

Die Regisseurin des Films "La premi√©re fois que jai eu 20 ans", beruhend auf dem autobiographischen Roman von Susie Morgenstern, spricht √ľber die Dreharbeiten,...



...was es bedeutet, im heutigen Frankreich J√ľdin zu sein und √ľber den Gerhard-Klein-Publikumspreis anl√§sslich des 12. Jewish Film Festivals in Berlin.


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Französisches Filmplakat von "La premiére fois que j’ai eu 20 ans", sowie Plakatmotiv des 12. Jewish Film Festivals Berlin
AVIVA-Berlin: Lorraine Lévy, zuerst einmal wollen wir Ihnen zum Gerhard-Klein-Publikumspreis auf dem 12. Jewish Film Festival gratulieren. Wir und das Publikum waren von Ihrem Film sehr begeistert.
Lorraine L√©vy: Vielen Dank! Ich bin dem Publikum in Berlin sehr dankbar daf√ľr. Vor allem wenn man bedenkt, dass der Film in Deutschland immer noch keinen Verleih gefunden hat...

AVIVA-Berlin: Was bedeutet die Wahl des Publikums f√ľr Sie pers√∂nlich?
Lorraine L√©vy: Es ist ein gro√üartiges Gef√ľhl! Ein Preis, der vom Publikum verliehen wird, erscheint mir immer wichtiger und aussagekr√§ftiger als ein Preis, der von einer professionellen Jury vergeben wird.

AVIVA-Berlin: Wie waren die Reaktionen auf Ihren Film in Frankreich?
Lorraine L√©vy: Wir haben Gl√ľck gehabt, da der Film vom Publikum und der Kritik gut aufgenommen wurde.

AVIVA-Berlin: Der Film beruht auf der Autobiographie von Susie Morgenstern. Wann haben Sie das Buch zum ersten Mal gelesen? Und wann haben Sie sich entschieden, daraus einen Film zu machen?
Lorraine L√©vy: Ich habe das Buch von Susie Morgenstern zuf√§llig entdeckt, bei einem Buchh√§ndler am Seine-Ufer. Ich habe mich sofort darin verliebt. Es beinhaltet alle Themen, die mir wichtig sind: die Schwierigkeit, seinen Platz im Leben zu finden, ein Pl√§doyer f√ľr die Differenz, die Liebe zum Jazz und den Sinn f√ľr Humor, der eine genauso scharfe Waffe ist wie die Intelligenz. Ich hatte Lust, es zum Ausgangspunkt meines ersten Films zu machen. Blo√ü zum Ausgangspunkt, denn ich wollte die Geschichte noch woanders hinbringen, eine Dramaturgie entwickeln, n√§her an mir, andere Figuren wie den Onkel J√©r√©my oder die Nachbarin Sahra.
Susie hat mir ihre Erlaubnis gegeben und mir alle Freiheit gelassen.

AVIVA-Berlin: Der Film hat eine auffallend gute Besetzung. Die wunderbare Marilou Berry in der Hauptrolle der Hannah Goldmann. Aber auch Catherine Jacob in der Rolle von Hannahs Mutter hat uns sehr beeindruckt.
Lorraine L√©vy: Ich habe w√§hrend des Drehbuchschreibens an Catherine Jacob gedacht. Sie ist eine fabelhafte Schauspielerin, die es versteht, Gef√ľhle mit Finesse und Subtilit√§t auszudr√ľcken. Ich habe ihr das Buch geschickt noch bevor ich mich nach einem Produzenten umgesehen habe. Dadurch, dass sie mir ihre Zusage gegeben hat, hat sie mich ermutigt, weiter zu gehen.
Marilou Berry kannte ich nicht. Sie hat vorher noch in keinem Film gespielt. Die Rolle der Hannah Goldmann war schwierig zu besetzen. Denn die jungen M√§dchen, die Theaterkurse besuchen sind eher zierlich und auf ihr √Ąu√üeres bedacht. Und Hannah ist da eben ganz anders. Ich habe viele junge Schauspielerinnen getroffen. Hier durfte mir auf keinen Fall ein Fehler unterlaufen, da der gesamte Film aus Hannahs Perspektive geschrieben und gefilmt ist. Als ich Marilou kennen gelernt habe, wusste ich sofort, das ist sie. Marilou war sch√ľchtern, es war ihr erstes Casting, aber sie hatte ein unmittelbares Verst√§ndnis f√ľr die Figur. Und bereits ein unglaubliches Talent.

AVIVA-Berlin: Haben Sie Susie Morgenstern einmal kennen gelernt?
Lorraine L√©vy: Selbstverst√§ndlich. Ich habe sie zun√§chst einmal getroffen, um ihr von meinem Projekt zu erz√§hlen. Schlie√ülich ist Susie eines Nachmittags bei den Dreharbeiten vorbeigekommen. Sie ist eine Frau, die ihren B√ľchern √§hnlich ist, gro√üz√ľgig, menschlich und extravagant.

AVIVA-Berlin: Wie ist es heutzutage in Frankreich, als J√ľdin zu leben?
Lorraine L√©vy: Ehrlich gesagt, ich f√ľhle mich gut. Aber ich kann Ihnen eines sagen, in Frankreich ist es gegenw√§rtig leichter Jude zu sein, als Araber.

AVIVA-Berlin: Der Film beschreibt unter anderen die antisemitische und frauenfeindliche Haltung im Frankreich der 60er Jahre. Wie sehen Sie die Situation heute, insbesondere nach dem grausamen Mord an Ilan Halimi?
Lorraine L√©vy: Der Mord an Halimi ist ein Alptraum. Er hat das Opfer aufgrund seines J√ľdisch-Seins ausgew√§hlt, denn "Juden haben Geld"! Das ist Antisemitismus in der prim√§rsten Form. Alle in Frankreich haben mit Emp√∂rung und Wut reagiert: die Regierung, die Intellektuellen, die Presse, alle, ob j√ľdisch oder nichtj√ľdisch. Es gab ebenso zahlreiche Demonstrationen als Zeichen der Unterst√Į¬Ņ¬Ĺtzung und Solidarit√§t gegen√ľber der Familie Halimi.
Der Rassismus und der Antisemitismus werden nie aufhören. In Frankreich wie an jedem anderen Ort. Man muss wachsam bleiben.

AVIVA-Berlin: Welche Rolle spielt ihr J√ľdischsein in Ihrem Leben?
Lorraine L√©vy: Ich bin keine praktizierende J√ľdin. Aber ich habe einen ausgepr√§gten Sinn f√ľr meine j√ľdische Identit√§t. Das ist eine Kraft, die mich tr√§gt. Eine Pflicht zur Erinnerung und ein Anspruch.

AVIVA-Berlin: Bitte erzählen Sie uns etwas zu Ihren nächsten Projekten.
Lorraine L√©vy: Ich habe das Drehbuch zu meinem n√§chsten Film beendet. Und ich hoffe im n√§chsten Sommer drehen zu k√∂nnen. Es ist eine Geschichte, die zwischen Paris und dem S√ľden Englands spielt. Er wird ganz anders sein als der erste Film, obwohl die Familie auch dort eine gro√üe Rolle spielt.

Übersetzung aus dem Französischen: Kathrin Hensen und Karin Effing