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24.06.2018

Unechte Juden, echte Probleme
Sergey Lagodinsky

J√ľdische Identit√§t in Deutschland. Ein Essay von Sergey Lagodinsky, ver√∂ffentlicht im Schweizer Magazin Tachles, jetzt auch auf AVIVA zu lesen



Unechte Juden, echte Probleme

Nach Jahren qu√§lender Suche hat sich der Schleier der Unwissenheit gel√ľftet. Endlich weiss ich, wer ich bin ‚Äď ein unechter Jude!

In meiner Naivit√§t suchte ich nach mir in mir selbst. Dabei h√§tte ja eigentlich ein Blick in meine Tageszeitung gen√ľgt. Anl√§sslich des Jahrestags der Reichspogromnacht erkl√§rt n√§mlich die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" im November 2006 ihren Lesern im Leitartikel, was zu den gr√∂ssten Herausforderungen der j√ľdischen Gemeinden in Deutschland geh√∂re: die Aufgabe, aus russischen Juden "echte Juden" zu machen. Diese eine Zeile gen√ľgte, um mir meine j√ľdische Authentizit√§t zu nehmen ‚Äď Seite eins, rechts unten, dort, wo man sonst √ľber Iran, die Bundeskanzlerin oder die Mehrwertsteuererh√∂hung schreibt.

Seitdem lebe ich in Deutschland als unechter Jude, immerhin eine Verbesserung im Vergleich zum b√ľrokratischen "Kontingentfl√ľchtling" oder dem abf√§lligen "Russen". Dem w√§re nichts weiter hinzuzuf√ľgen, w√§re da nicht dieses komische Gef√ľhl im Bauch. Zum einen klingt "unecht" irgendwie missbr√§uchlich: Was will ein unechter Jude in unserem echten Deutschland? Nat√ľrlich eine ungerechtfertigte Bereicherung! Das klingt nach Sozialhilfeerschleichung und Betrug. Kurzum: "unecht" klingt nach ¬ß263 StGB, und das ist nicht sexy. Zum anderen klingt "unecht" wie "ungleich". Was haben denn unechte Juden in unseren echten j√ľdischen Gemeinden eigentlich zu melden? So wenig wie m√∂glich, bitte sch√∂n!

Mit diesem mulmigen Gef√ľhl im Bauch fragte ich mich, was denn der FAZ-Redakteur genau im Kopf hatte, als er diese eine Zeile schrieb. Nat√ľrlich hatte er das im Kopf, was alle im Kopf haben, wenn sie in Deutschland √ľber Juden reden ‚Äď n√§mlich ein bestimmtes Judenbild. Danach m√ľssen deutsche Juden nicht nur wie Albert Einstein denken, wie Heinrich Heine dichten, oder zumindest wie Ignaz Bubis mit Immobilien handeln, sie m√ľssen vor allem glauben. Das mit Einstein und Bubis bereitet mir weniger Sorgen als das mit dem Glauben.

Antireligiöse Erziehung

In der Sowjetunion, wo ich, wie 90 Prozent aller "deutschen" Gemeindemitglieder, aufgewachsen bin, wurde man nicht nur areligi√∂s, sondern antireligi√∂s erzogen. Religion wurde √§hnlich einer drogenbedingten Halluzination mit dem skeptischen Blick eines Suchttherapeuten betrachtet. Und wenn man sie nicht als das Opium f√ľr das Volk behandelte, so zumindest wie einen Joint oder (etwas poetischer) wie ein M√§rchen.

War Religion durch die Erziehung und das kulturelle Umfeld einmal diskreditiert, so musste man nach anderen Referenzpunkten f√ľr das eigene J√ľdischsein suchen. Entgegen gel√§ufiger Meinung tat man dies durchaus freiwillig, h√§ufig gerne, und bezog sich dabei auf zahlreiche Referenzen. Wie Anna Shternshis von der Universit√§t Toronto zeigt, war zum Beispiel in den dreissiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Kultur der jiddischen Sprache ein derartiger Identit√§tspunkt. Danach kam eine Mischung aus Familiengeschichten, j√ľdischem Humor, dem Stolz und Interesse an Kunst und Literatur von und √ľber Juden, sowie das grenz√ľberschreitende Spiel "Welche Prominenten sind eigentlich Juden?", was in der Sowjetunion, wo die Prominenz ihre j√ľdische Identit√§t nur selten √∂ffentlich thematisierte, einen besonderen Reiz darstellte.

Nun mag diese Identit√§t skurril oder abenteuerlich erscheinen, sie war und bleibt aber eine echte und eine j√ľdische. Vor allem war sie weder lediglich "negativ" (durch Ausgrenzung bestimmt) noch "traurig" (durch Fremdkonstruktion verunstaltet). Ganz im Gegenteil: Man lebte diese Identit√§t h√§ufig mit Stolz, W√ľrde und Freude aus. Nur drehte sie sich nicht um das religi√∂se, sondern um das ethnische Selbstverst√§ndnis, wonach das j√ľdische Volk in erster Linie ein Volk ist und auch ohne die Religion seine Identit√§t behalten konnte.

Kontinuitätsfunktion

Mit dieser ethnisch-j√ľdischen Identifikation kamen die ehemals sowjetischen Juden nach Deutschland. Das erste, was sie hier erfuhren, war eine krude Dekonstruktion ihres j√ľdischen Selbst. Beteiligt daran sind sowohl die nichtj√ľdische Mehrheitsgesellschaft als auch die nichtrussisch-st√§mmigen Gemeindemitglieder. F√ľr sie alle steht n√§mlich fest, dass nur ein religi√∂ser Jude ein guter Jude sei. Alle anderen sind es nicht. Alle anderen sind deshalb unecht. Die Leidtragende in diesem Wettlauf zwischen Religion und Ethnie ist die j√ľdische Zukunft in Deutschland. Denn traditionell erf√ľllte die Religion eine doppelte Funktion: einerseits schweisste sie die Juden um ihre Gemeinde herum zusammen, andererseits sicherte sie das Fortbestehen dieser Gemeinden √ľber Generationen hinweg. Mit der Einwanderung a(nti)religi√∂ser sowjetischer Juden geraten aber die Konsolidierungsfunktion der religi√∂sen Identit√§t und ihre Kontinuit√§tsfunktion in ein unerwartetes Spannungsverh√§ltnis. Immer noch ist Religion f√ľr die zuk√ľnftige Sicherung j√ľdischer Existenz in Deutschland unentbehrlich. Doch statt auch in der Gegenwart zentrifugal zu wirken, also die j√ľdischen Menschen hin zu den Gemeinden zu bringen, ist die Wirkung der Religion in der Gegenwart genau umgekehrt. Die Betonung des ausschliesslich Religi√∂sen, verbunden mit der Abwertung des ethnisch-j√ľdischen, st√∂sst die Einwanderer weg von den Gemeinden. Dies mag bedauerlich sein, aber eine Identit√§t kann man nicht wie Handschuhe wechseln, sie haftet einem an und jeder Versuch, sie gewaltsam zu √§ndern, endet in einem passiven Widerstand der Seele. In diesem Falle im Fernbleiben von Gemeindestrukturen.

Der Einwanderungscharakter der j√ľdischen Gemeinden in Deutschland hat uns also einen Identit√§tsbruch des Judentums in Deutschland beschert. Dieser stellt uns vor ein schwieriges Dilemma, was die Zukunftssicherung der Gemeinde betrifft: Setzt man auf S√§kularit√§t, gef√§hrdet man die Zukunft der Gemeinden, denn ein s√§kulares Judentum kann nur schwer √ľber Generationen hinweg √ľberleben. Betont man das Religi√∂se, gef√§hrdet man aber den Bestand der Gemeinde, man verliert heute schon einen Grossteil derer, deren Zukunft man erst sichern m√∂chte ‚Äď eine grosse lebendige Gemeinschaft von Menschen, die ihre vorhandene Identit√§t fr√∂hlich und freiwillig ausleben. Damit stehen wir vor einer schwierigen Alternative: Mitgliederstarke s√§kulare Gemeinden heute oder kleine religi√∂se Gemeinden morgen?

Religiöse Erwachsenenbildung

Was also tun? Wenn keine Alternative befriedigend ist, hilft wie immer ein Mittelweg. Dieser m√ľsste in einer Mischung zwischen der akzeptierten Ethnizit√§t einerseits und einer intellektuellen Religiosit√§t andererseits bestehen. Das erstere best√ľnde in einer Akzeptanz der mitgebrachten j√ľdischen Identit√§t ehemaliger sowjetischen Juden. Man soll aufh√∂ren, diese Identit√§t als unecht, als negativ, als minderwertig zu bezeichnen. Es gibt keine minderwertigen Identit√§ten, erst recht nicht, wenn eine Identit√§t die √ľberwiegende Mehrheit der Gemeinde ausmacht.

Es heisst aber nicht, dass man durch das Ethnische das Religi√∂se ausblenden muss. Religi√∂se Erwachsenenbildung ist der Schl√ľssel zur zukunftsgewandten j√ľdischen Existenz. Diese muss aber anspruchsvoll und p√§dagogisch geschickt stattfinden. Auch wenn Einwanderer mit Akzent sprechen, bringen sie grosse intellektuelle Kapazit√§ten mit. Man darf also die Sprache der religi√∂sen Bildung nicht an die Sprache der Einwanderer anpassen, sondern an ihre intellektuelle F√§higkeiten und ihren Bildungsgrad. Bisher hat man n√§mlich versucht, den Zuwanderern, wie Kindern, das Judentum in einer M√§rchensprache zu vermitteln. Man kann sich mittlerweile vor theatralischen Chanukka-Auff√ľhrungen kaum retten, doch was vermittelt man Menschen √ľber die philosophischen, literarischen und real-geschichtlichen Hintergr√ľnde ihrer Religion? Diese anspruchsvolle Herangehensweise findet nicht statt. Stattdessen spricht man zu erwachsenen und gebildeten Menschen in einer M√§rchensprache, die ja das bei ihnen schon ohnehin vorhandene Bild der Religion als M√§rchen best√§tigt. Man muss also verst√§rkt in die Erwachsenenbildung investieren, die auf intellektuelle Religiosit√§t zielt, neue moderne Religionsformen thematisiert, die gegenw√§rtige Relevanz von religi√∂sen Themen hervorhebt. Nicht zu niedrig ansetzen, lieber zu hoch!

Die Grundlage f√ľr akzeptierte Ethnizit√§t wie f√ľr intellektuelle Religiosit√§t ist dieselbe: Ein respektvoller Umgang mit j√ľdischen Einwanderern sowohl von Seiten der j√ľdischen Alteingesessenen als auch von Seiten der nicht j√ľdischen Mehrheitsgesellschaft ist f√ľr beides bestimmend. Nur wenn man mit Respekt miteinander spricht, einander hilft und voneinander lernt, werden alle erkennen, dass wir in einer Welt leben, in der es echte Probleme, aber schon lange keine unechten Identit√§ten gibt. Auch dann nicht, wenn die ¬ęFrankfurter Allgemeine Zeitung¬Ľ uns das Gegenteil weismachen will.

¬© 2001-2007 tachles J√ľdisches Wochenmagazin.

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