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22.06.2018

Ungehorsam. Der Debutroman von Naomi Alderman
Sarah Ross

Die Wahl-New Yorkerin Ronit kehrt nach dem Tod ihres Vaters in die Londoner, orthodoxe j├╝dische Gemeinde ihrer Kindheit zur├╝ck. Dort trifft sie ihre Jugendliebe Esti wieder.



Naomi Alderman hat mit ihrem Roman "Ungehorsam" ein gro├čartiges Debut hingelegt. Mit viel Verstand, Witz und Esprit l├Ąsst die Autorin die Lebensart des weltoffenen New York mit der Abgeschiedenheit des orthodoxen Judentums, sowie die bewegte Vergangenheit und die verwirrende Gegenwart zweier Frauen aufeinander prallen. Alderman erz├Ąhlt die Geschichte der erfolgreichen, New Yorker Investmentbankerin Ronit, die nach dem Tod ihres Vaters, dem gro├čen Rabbi Krushka, wieder in ihre Heimat zur├╝ckkehrt. Ronit wei├č, dass sie dort auf die bedingungslose Enge der orthodoxen j├╝dischen Gemeinde Hendon im Nordwesten Londons treffen wird, der sie vor einigen Jahren entflohen ist. Was sie jedoch nicht wei├č, ist, dass sie auch ihrer Jugendliebe Esti wieder begegnen wird. Unweigerlich sehen beide Frauen sich mit den Entscheidungen ihrer Vergangenheit konfrontiert: Als es um die grundlegende Frage ging, ob man sich mit einem Leben in Isolation und in einer Welt, in der f├╝r Auflehnung gegen die Norm kein Platz ist, arrangieren kann, haben die Freundinnen v├Âllig unterschiedliche Wege beschritten.

Die Rebellin Ronit entschied sich gegen ihre "Superwahnsinnsspitzenreligion" und f├╝r ein Leben als, in jeder Hinsicht, unabh├Ąngige Karrierefrau in Manhattan. Bis zu dem Tag, an dem sie die Nachricht vom Tode ihres Vaters erhielt, hatte Ronit allenfalls w├Ąhrend einer Sitzung bei Dr. Feingold hin und wieder einen Gedanken an ihr ehemaliges Dasein als orthodoxe J├╝din, ihre Freundin Esti und Cousin Dovid, mit denen sie die Kindheit verbrachte, zugelassen. Doch nun ist sie gezwungen, zur Trauerfeier an den erinnerungsschwangeren Ort und zu den Menschen zur├╝ckzukehren, ├╝ber die sie ohne einen deutlich sarkastischen Unterton in ihrer Stimme nicht im Stande ist zu sprechen: "F├╝r ein Weilchen nach London fliegen, ein bisschen Familiennippes einsammeln, meinen Cousin Dovid und seine Frau besuchen, und wieder ab nach Hause". Doch dies soll einfacher gesagt als getan sein, da nicht nur das "unausweichliche, un├╝berwindliche, unl├Âsbare Problem" mit ihrer Shtetel-inkompatiblen Garderobe Ronits Weltordnung durcheinander bringen soll.

Kaum ist Ronit mit einer gro├čen Auswahl an hochgeschlitzten R├Âcken und ihrem unb├Ąndigen Drang zu provozieren bei Dovid in Hendon angekommen, ist sie auch schon wieder versucht zu fl├╝chten. Nie h├Ątte sie erwartet, dass Esti, ihre erste gro├če Liebe, Dovids Frau geworden ist. Nachdem sie in die USA gegangen war, hatte Esti Ronits Cousin geheiratet ÔÇô den m├Âglichen Nachfolger von Rabbi Krushka. Ronit, Esti und Dovid sind fortan im Strudel der Erinnerungen und in den gegenw├Ąrtigen Herausforderungen gefangen: W├Ąhrend Dovid glaubt, der Aufgabe als Gemeinderabbiner nicht gewachsen zu sein, hat Esti nie aufgeh├Ârt, Ronit zu lieben w├Ąhrend diese sich eingestehen muss, dass sie zwar ihr Judentum, nicht aber ihre j├╝dische Identit├Ąt abgestreift hat.

Alderman betrachtet die undurchdringliche Welt der Orthodoxie sowohl aus der Sicht des Insiders als auch aus der des Outsiders. So beginnt jedes Kapitel mit einem religi├Âsen Kommentar und der Beschreibung des Geschehens in der j├╝dischen Gemeinde Hendon seit dem Tod des gro├čen Rav Krushka. Dies wird im darauf folgenden von der Protagonistin Ronit kommentiert, die mit der traditionellen Glaubenswelt ihrer Familie hadert. Diesen Kampf zwischen Konformit├Ąt und Individualit├Ąt setzt die Autorin nicht nur in der Verwendung zweier unterschiedlicher Druckbilder und Sprachstile um, sondern auch in einer sehr gelungenen und verfeinerten Skizzierung der Charaktere. Dass die Autorin sowohl mit einer guten Portion Humor, Ironie und Gelassenheit als auch mit viel Sach- und Menschenverstand an dieses Thema herantreten kann, mag nicht zuletzt daran liegen, dass sie selbst in der orthodoxen Gemeinde Hendon aufgewachsen ist und auch heute dort wieder lebt.

AVIVA-Tipp:
Naomi Alderman erz├Ąhlt in ihrem Debutroman "Ungehorsam" die Geschichte zweier Frauen, die einmal miteinander die Liebe entdeckten, dann aber v├Âllig verschiedene Lebenswege w├Ąhlten. W├Ąhrend Ronit dem orthodoxen Judentum den R├╝cken kehrte, entschied sich Esti f├╝r das streng geregelte Leben in ihrer Gemeinde. Aldermans Buch ist eine zeitgem├Ą├če Erz├Ąhlung ├╝ber die Vereinbarkeit und Vielf├Ąltigkeit von Liebe und Glauben in einer Welt voller kontr├Ąrer Moral- und Sexualvorstellungen, die f├╝r Au├čenstehende nur schwer verst├Ąndlich ist. W├Ąhrend die Autorin einerseits mit der traditionellen j├╝dischen Glaubenswelt streng ins Gericht geht, r├Ąumt sie auf der anderen Seite einen gro├čz├╝gigen und gerechten Raum f├╝r Erkl├Ąrungen ein. Somit ist "Ungehorsam" nicht nur ein sehr ausgewogener Roman, sondern ohnehin ein brillantes, souver├Ąnes und im h├Âchsten Ma├če unterhaltsames Buch.


Zur Autorin:
Naomi Alderman
ist Absolventin der Oxford University. Sie hat als Lektorin und Spieledesignerin gearbeitet, mehrere Jahre davon in New York. Heute lebt sie in der orthodoxen Gemeinde Hendon im Nordwesten von London, in der sie aufgewachsen ist. F├╝r Ungehorsam, ihren ersten Roman, wurde sie mit dem Orange Award for New Writers ausgezeichnet.


Naomi Alderman
Ungehorsam

Originaltitel: Disobedience
Aus dem Englischen von Christiane Buchner und Miriam Mandelkow
Berlin Verlag, erschienen Februar 2007
Gebunden, 240 Seiten
19,90 Euro