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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 29.06.2012

Reisen in Burma - Von Bettina Flitner und Alice Schwarzer
Ulrike Wagener

Burma, umgeben von Bangladesh, Thailand, Laos und den Riesen Indien und China, war lange isoliert. Dieser Band schickt uns auf eine fotografische Reise durch das sich langsam öffnende Land und...



...lässt uns informativ und bilderreich am Weg der beiden reisenden Frauen und ihren Erlebnissen teilhaben.

Die Fotografin Bettina Flitner und die Journalistin Alice Schwarzer haben Burma, das heutige Myanmar, in den vergangenen zwölf Jahren vielfach bereist. Hier entstand nach "Frauen mit Visionen - 48 Europäerinnen" ihre zweite gemeinsame Publikation. Zwei Fotografien von den Autorinnen selbst, positioniert vor einem Spiegel, dienen als Rahmen des Bandes. Damit erinnern sie an die Symbolik der Spiegelreflexion, die im Buddhismus, Burmas verbreitetster Religion, mit der Existenz des Menschen verglichen wird.

Im Spiegel ihrer Fotografien beleuchtet Bettina Flitner die Existenz der Menschen in Burma, ihr Land, ihre Kultur und, eng verkn√ľpft damit, ihre Religion. Wie fast immer sind die Arbeiten der Fotografin seriell angelegt. Doch ist der Rahmen diesmal weiter gesteckt. Neben Aufnahmen der Menschen, die f√ľr sie immer noch im Mittelpunkt stehen, √ľberrascht die heute Einundf√ľnfzigj√§hrige mit sehnsuchtsvollen Landschaftsaufnahmen. Dabei ger√§t sie jedoch zeitweise in Gefahr, die politische Situation Burmas romantisch zu verkl√§ren.

Schwarzers Texte helfen dies zumindest ansatzweise zu verhindern. In der kurzen soziopolitischen Einf√ľhrung "Burma im Wandel" beschreibt sie den Weg zur √Ėffnung des Landes, die Machtinteressen der westlichen Welt und Chinas an dem interessant gelegenen Land und den Einfluss der Medien auf die burmesische Kultur.
Die Fotografien sind gr√∂√ütenteils aus dem bunten Alltag des s√ľdostasiatischen Landes gegriffene Eindr√ľcke der "Touristin" Bettina Flitner. Und letztlich ist dieser Band der nur teilweise pers√∂nliche, fotografisch-journalistische Reisebericht der beiden Frauen. Es fehlt auch nicht der obligatorische Schnappschuss mit "locals", die entweder gespannt in die Kamera blicken oder angespannt wegschauen. Die einzig L√§chelnden, nat√ľrlich, die Reisenden.

Fast schon idyllisch inszeniert die Fotografin problematische Sujets: Ein gr√ľn gekleidetes M√§dchen, das vor einem Haufen gr√ľner Plastiks√§cke an einer antik scheinenden N√§hmaschine sitzt und dieselben zusammenn√§ht. Eine Frau, die in einem Meer von Plastik versinkt, in tausenden Sieben, Sch√ľsseln und K√∂rben, die sie zum Kauf anbietet. Wundersch√∂ne Fotografien, die f√ľr ein fotografisches Essay einen Tick zu unkritisch sind und einen Tick zu sehr verkl√§ren.
Doch da es hier ja ums Reisen gehen soll und nicht um politische Problemstellungen kann manch eine das wohl verzeihen. Schwarzers Texte sind eine Mixtur aus Information und anekdotenreicher Unterhaltung. "Nat√ľrlich" geht sie auch auf die Lage der Frauen in Burma ein: "Die Burmesinnen geh√∂ren zwar rein rechtlich zu den emanzipiertesten Frauen im asiatischen Raum, und die Cheeroot-qualmenden H√§ndlerinnen sind beeindruckend selbstbewusst. Dennoch sind Frauen den Sitten nach nur relative Wesen: die Tochter von... oder Ehefrau von... Auch eine studierte Burmesin oder gar berufst√§tige muss warten, bis sie geheiratet wird, damit sie das Elternhaus verlassen kann."

Auch das im Buddhismus vorherrschende Ungleichgewicht zwischen den Privilegien der Mönche und denen der Nonnen, spricht sie an. Ihre Kritik an der Institution der Mönche, die keiner Arbeit nachgehen und vom Rest der Bevölkerung, auch der ärmsten, mitversorgt werden, ist berechtigt. Doch ist dies nicht das größte Problem des Landes, das trotz beginnender Liberalisierung und Demokratisierung gegenwärtig Schauplatz schwerer ethnisch-religiöser Unruhen ist.

Unreflektiert schw√§rmt Schwarzer von dem sie zu Tr√§nen r√ľhrenden Auftritt der "Ex-RebellInnen". Was aus der Rebellion geworden ist und wie sich Menschen f√ľhlen die ihr Morgens das Fr√ľhst√ľck servieren und abends f√ľr sie tanzen spielt f√ľr sie keine Rolle. Ihre von Beginn an etwas herablassende Art √ľber die BurmesInnen zu sprechen, spitzt sich dann zu, wenn sie √ľber ein kleines Caf√© in der Flugzeughalle spricht: "So ganz haben sie es eben noch nicht drauf, die Burmesen."
Vielleicht haben die Autorinnen aber auch einfach Pech, dass ihr harmonischer Bildband ausgerechnet zu Zeiten blutiger Unruhen zwischen Buddhisten und der muslimischen Minderheit Rohingya im Bundesland Rakhine erscheint.

AVIVA-Fazit: Wundersch√∂ne, pittoreske Fotografien, die Lust darauf machen, selbst nach Myanmar zu fahren, verbunden mit den pers√∂nlichen Eindr√ľcken von Alice Schwarzer. Ein fotografisch ansprechender Reiseband, doch l√§sst er einen kritischen Blick hinter die Kulissen vermissen.

Zu den Autorinnen: Bettina Flitner, geboren 1961, machte eine Ausbildung zur Filmcutterin beim WDR in Köln bevor sie von 1986-1992 ein Studium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin absolvierte. Seit 1986 arbeitet sie als freie Fotografin. Bekannt geworden ist sie mit ihren international ausgestellten Fotoessays , ihren Installationen im öffentlichen Raum und ihren Porträts.

Alice Schwarzer, geboren 1942, ist Autorin und Publizistin, sowie Gr√ľnderin der Zeitschrift Emma. Seit den 1970er Jahren gilt sie in Deutschland als die Symbolfigur f√ľr die weibliche Emanzipation. Bekannt ist sie vor allem durch ihre feministischen Texte und die Biografien √ľber Marion D√∂nhoff, Romy Schneider und Simone de Beauvoir bis hin zu ihrer eigenen 2011 erschienenen Autobiographie "Lebenslauf". √úber Burma schrieb sie schon 2008 in der FAZ erstmals einen politischen Kommentar, der unter anderem im Spiegel heftig diskutiert wurde.


Bettina Flitner und Alice Schwarzer
Reisen in Burma

Erschienen im Dumont Buchverlag, Juni 2012
Hardcover, 160 Seiten, ca. 100 farbige Abbildungen30 x 24 cm
ISBN: 978-3-8321-9424-6
34,95 Euro


Weitere Infos zu Bettina Flitner und Alice Schwarzer unter:

www.bettinaflitner.de

www.aliceschwarzer.de

www.emma.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

"Frauen mit Visionen - 48 Europäerinnen", mit Fotos von Bettina Flitner und Texten von Alice Schwarzer

"Frauen die forschen" - Fotos Bettina Flitner, herausgegeben von Dr. Jeanne Rubner

Alice im Männerland

Alice Schwarzer ‚Äď Lebenslauf

Friedensnobelpreis f√ľr Aung San Suu Kyi

Christiane Neudecker - Nirgendwo sonst

Amy Tan - Der Geist der Madame Chen

Weitere Informationen zum Thema:

www.spiegel.de

www.tagesschau.de

Feministin im Nonnenornat von Andrea Freund (FAZ)

Alice Schwarzer √ľber Burma (FAZ)

Buecher > Art + Design Beitrag vom 29.06.2012 AVIVA-Redaktion 





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