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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 05.08.2009

Edith Devries - Nicht mit zu hassen, mit zu lieben bin ich da. Eine j├╝dische Kindheit zwischen Niederrhein und Theresienstadt
Iella Peter

Die Autorin ├╝berlebte als Kind mit ihren Eltern die Haft in Theresienstadt und gew├Ąhrt in ihrem beeindruckenden Buch, aus der Perspektive kindlicher und jugendlicher Erinnerungen, Einblick in...



...das wechselvolle Schicksal ihrer Kindheit.

Bis Heute wissen nicht viele, dass in dem Konzentrationslager Theresienstadt, ein Durchgangslager f├╝r den Weitertransport in Vernichtungslager wie Auschwitz, zehntausende Menschen durch Hunger und Krankheit starben. Edith Devries musste mit ihren Eltern drei Jahre ihrer Kindheit in dieser H├Âlle verbringen.

Aufgewachsen ist sie in Weeze, einem kleinen Ort am Niederrhein. Ihr Vater Max Devries, auch in Weeze geboren, war ein stolzer Veteran des 1. Weltkriegs. Er und Julie Devries, geb. Hartoch heirateten 1934. Die Autorin beschreibt die Heirat der beiden als "gewiss keine Liebesheirat". Denn Max Devries hatte eine Beziehung zu einer Nicht-J├╝din, musste aber auf Anraten des damaligen Weezer B├╝rgermeister Heitmeyer von dieser Abstand nehmen, um nicht den Vorwurf der Rassenschande auf sich zu ziehen.

Bereits ein Jahr nach der Hochzeit, 1935, wurde Edith geboren. Das kleine M├Ądchen war das Ein und Alles ihrer Mutter und wuchs in einem geborgenen und liebenden Umfeld auf. Ihre Familie war im Dorf sehr geachtet und das einvernehmliche Zusammenleben zwischen Christen und Juden selbstverst├Ąndlich. Nur wenige Weezer B├╝rger zeigten Ressentiments gegen die Familie Devries.

Als am 09. November b>1938 die Synagogen in den Nachbarst├Ądten brannten blieb es in Weeze relativ ruhig. Vereinzelt wurden aber auch hier Juden verhaftet, ins KZ-Dachau gebracht, bedroht und aufgefordert, schnellstm├Âglich das Land zu verlassen. Den Geschwistern von Ediths Vater wurde bewusst, dass sie Deutschland verlassen mussten und es gelang ihnen die Flucht. Familie Devries blieb in der tiefen ├ťberzeugung, dass der Familie eines solch verdienten Soldaten und Patrioten, wie Max Devries es war, nichts geschehen k├Ânne.

Der Schock war deshalb umso gr├Â├čer, als am 13. Juli 1942 der Weezer B├╝rgermeister Heitmeyer unter Tr├Ąnen, wie Devries sehr ber├╝hrend in ihrer Autobiographie erz├Ąhlt, der Familie die Mitteilung ├╝ber die bevorstehende Deportation nach Theresienstadt ├╝berbrachte.

Von der Ankunft und dem Leben in Theresienstadt berichtet die damals Siebenj├Ąhrige in eindrucksvollen Bildern. In ihrem Buch beschreibt die Autorin die Wohnst├Ątte, in welcher das M├Ądchen mit ihrer Mutter und weiteren 160 bis 180 Frauen lebte, als "unser Haus". Sie berichtet von der bedr├╝ckenden Realit├Ąt aus der Sicht eines Kindes. Wenn sie beispielsweise von den lustig h├╝pfenden Fl├Âhen in ihrer Essensschale oder anderen absurden Situationen erz├Ąhlt, gewinnt sie diesen, trotz des Elends, noch etwas Positives ab.

Bis zur Befreiung am 08. Mai 1945 blieb die Familie Devries, zwar r├Ąumlich voneinander getrennt, in Theresienstadt und wurde nicht wie so viele andere nach Auschwitz weitergeschickt. Die Geschwister Julie Devries` aber waren von den Nazis ermordet worden.

Im September 1945 kehrte das junge M├Ądchen mit ihren Eltern zur├╝ck nach Weeze. Krampfhaft wurde versucht, wieder ein Leben in normalen Bahnen zu f├╝hren. Doch der Verlust ihrer Geschwister belastete Ediths Mutter sehr. Im Buch wird beschrieben wie sie immer ein schlechtes Gewissen bekam, sobald sie sich mit anderen Menschen am├╝sierte und lachte. F├╝r die zehnj├Ąhrige Edith war das schwer zu ertragen.

Edith Devries holte die verlorenen Schuljahre nach und machte eine Ausbildung als Kinderg├Ąrtnerin. Nach einer ersten missgl├╝ckten Liebe lernte sie Adi kennen. Einen jungen Mann, der im Holocaust seine Eltern und Geschwister verloren hatte. 1958 verlobten sich die beiden. Jahre sp├Ąter begann Edith Devries als Zeitzeugin in Schulen von ihrer verlorenen Kindheit zu sprechen und Sch├╝lerInnen f├╝r das Thema Holocaust zu sensibilisieren.

Mit ihrer einfachen, kindlichen Art zu schreiben ist es Edith Devries und ihrer Tochter Ruth Bader gelungen, ein wichtiges Buch gegen das Vergessen der Geschehnisse des "Dritten Reiches" zu verfassen. Die detaillierten Aufz├Ąhlungen der Namen von Tanten, Onkel, Br├╝dern und den anderen Verwandten in den ersten Kapiteln des Buches sind ziemlich verwirrend f├╝r die LeserIn. Doch nur so werden sie in der Erinnerung wieder zu realen Menschen und sind nicht irgendwelche namenlosen Toten. Manchmal ist das Buch ein wenig stockend geschrieben, aber das nimmt ihm nichts von seinem Charme. Denn diejenigen, die noch das Schrecken miterlebt haben, werden immer weniger und ihre Zeugnisse, egal ob stilistisch einwandfrei geschrieben oder nicht, sind dadurch umso wichtiger.

AVIVA-Tipp: Ein ber├╝hrendes Buch, das durch seine einfache Lesart besticht. Edith Devries gew├Ąhrt der LeserIn mit ihrem sehr pers├Ânlichen Werk tiefe Einblicke in ihre bewegte Lebensgeschichte, um so, wie der Titel schon offenbart, dem gro├čen Ziel eines w├╝rdevollen und sensiblen Umgangs mit der Thematik "NS-Zeit" ein St├╝ck n├Ąher zu kommen.

Zur Autorin: Edith Devries, 1935 am Niederrhein geboren, war ab Mitte der 1950er Jahre Leiterin der j├╝dischen Kinderg├Ąrten in K├Âln, D├╝sseldorf und M├╝nchen. Seit ├╝ber drei├čig Jahren berichtet sie dar├╝ber hinaus in Schulen und Vereinen vom Schicksal ihrer Familie. Das vorliegende Buch entstand in Zusammenarbeit mit ihrer Tochter Ruth Bader. Sie wurde 1967 geboren und wuchs ebenfalls im Heimatort ihrer Mutter auf. 1997 wanderte sie nach Australien aus.
Weitere Infos und Kontakt finden Sie unter: www.edithdevries.de

Edith Devries
Nicht mit zu hassen, mit zu lieben bin ich da. Eine j├╝dische Kindheit zwischen Niederrhein und Theresienstadt.

Books on Demand, erschienen 2008
Broschur, 220 Seiten
ISBN: 978-3837060812
Preis: 12,95 Euro


Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Terezin ÔÇô Theresienstadt. Anne Sofie von Otter, Daniel Hope und Bengt Forsberg vertonten Werke aus dem Ghetto Theresienstadt, die einen Einblick geben in den Versuch der Verfolgten, dem Leid f├╝r kurze Zeit durch die Musik zu entfliehen.

Eva Erben. Mich hat man vergessen. Die Erinnerungen des j├╝dischen M├Ądchens Eva Erben an das Ghetto Theresienstadt, KZ und Todesmarsch sind kaum vorstellbar. Vierzig Jahre nach ihrer Flucht erz├Ąhlte sie der Schulklasse ihres Sohnes was damals geschah.

Eva M├Ąndl-Roubickova. Langsam gew├Âhnen wir uns an das Ghettoleben - Ein Tagebuch aus Theresienstadt

Buecher > Jüdisches Leben Beitrag vom 05.08.2009 AVIVA-Redaktion 





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