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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 13.06.2012

Louise de Vilmorin - Madame de
Ulrike Wagener

Anlässlich des 110. Geburtstags der französischen Autorin erschien ihr bekanntestes Werk in der deutschen Übersetzung von Patricia Klobusiczky. Madame de, eine obskure Liebesgeschichte innerhalb...



...der gesellschaftlichen Strukturen des französischen Adels.

Nachdem 2010 bereits "Julietta" dank der brillanten √úbersetzung ebenfalls von Patricia Klobusiczky wiederentdeckt wurde, erschien j√ľngst die wohl bekannteste Erz√§hlung Louise de Vilmorins, "Madame De".

"Quer durch alle Zeitalter verleiht die Liebe den Ereignissen, die sie ber√ľhrt, unmittelbare Gegenwart."

Mit diesen Worten beginnt Louise de Vilmorin ihren ber√ľhmten Roman "Madame de". Ihre einfache und etwas altmodische, dochsehr poetische Sprache zieht die LeserInnen schnell in ihren Bann. Schon der Titel l√§sst vermuten, dass wir uns in den Kreisen befinden, denen auch die Autorin entstammt, dem Adel. Bis auf das bezeichnende "von" bleibt der Name von Madame de ungewiss. Madame und Monsieur de werden so austauschbar und k√∂nnen als blo√üe Verk√∂rperung einer leicht karikierten und ironisierten Adelsehe gelten.

Falscher Stolz verleiten Madame de dazu, ihrem Mann stets eine falsche Auskunft √ľber die Kosten ihrer Anschaffungen zu geben. Eines Tages ist sie hoch verschuldet und entschlie√üt sich dazu, das Hochzeitsgeschenk ihres Mannes, herzf√∂rmige Ohrringe aus Brillanten zu verkaufen. Doch damit ist das Problem keinesfalls gel√∂st.
Louise de Vilmorin entwirft einen recht einfach gestrickten Handlungsstrang, der sich zu einer Odyssee der Ohrringe ausw√§chst. Madame de verstrickt sich in L√ľgen √ľber den Verbleib ihrer Ohrringe und versetzt ihren Gatten, dessen Juwelier ihn l√§ngst ins Vertrauen gezogen hat, in gro√üe Wut.

Die simplen Handlungsmuster verraten eine Menge √ľber die Konventionen des Adels. Niemand traut sich, die eigene Meinung laut zu √§u√üern. Der Schein muss gewahrt werden. Emotionen bleiben unter Verschluss.
Statt seine Frau zur Rechenschaft zu ziehen, pflegt Monsieur de seinen Zorn und schenkt die zur√ľck erstandenen Ohrringe seiner Geliebten, die eine Reise nach S√ľdamerika antritt. Auch diese Dame st√ľrzt sich in Geldsorgen, verkauft die Brillanten in der Ferne, wo sie ein europ√§ischer Botschafter auf dem Weg in die europ√§ische Heimat entdeckt.

"Nat√ľrlich" ist dieser Botschafter Franzose, und da die Welt des Adels klein ist, lernt er bald Madame de kennen. Es beginnt eine subtile Liebesgeschichte voller Missverst√§ndnisse, Intrigen und verletzten Eitelkeiten. Denn wo eine Geliebte des Monsieur nicht der Rede wert ist, ist es gleichzeitig unm√∂glich, sich eine Liebesgeschichte der Madame de vorzustellen.

Diese Konventionen hinterfragt die Schriftstellerin auf unterhaltsame Art und Weise. Die aristokratische Ehe wird genauestens seziert und schlussendlich als gesellschaftlich akzeptiertes Konstrukt ohne jeglichen emotionalen Wert entlarvt. Anders als ihre Ehe l√§sst Madame de die Beziehung zu dem Botschafter in Jugendlichkeit erbl√ľhen. In seiner Abwesenheit f√ľhlt sie sich vollkommen bedeutungslos. "Sie suchte nach dem Sinn ihres Lebens und fand in Gedanken nur ein Gesicht." Das Verhalten der sonst bedachten Madame de nimmt in ihrer Verliebtheit m√§dchenhafte, naive, fast alberne Z√ľge an.

Als der Botschafter ihr die wohlbekannten Brillantherzen zum Geschenk √ľberreicht, ist sie Tr√§nen ger√ľhrt. "Das Gl√ľck schafft Ungl√ľck, indem es √Ąngste weckt", stellt der Botschafter in weiser Voraussicht fest. Als Madame de ihrem Mann erkl√§rt, sie h√§tte die verloren geglaubten Ohrringe wiedergefunden, ist dieser √ľber die erneute L√ľge emp√∂rt.
Die drei Figuren, geleitet von Emotionen in einer emotionslosen Welt, steuern ungebremst auf die Eskalation zu. Und so endet der Roman auch. Dramatisch.

AVIVA-Tipp: "Madame de" ist eine Liebesgeschichte voller Poesie, doch ohne jeden Kitsch. Mal sanft und anr√ľhrend, mal provokant und spitz versetzt Louise de Vilmorin ihre heutigen LeserInnen in die ferne Welt der franz√∂sischen Aristokratie. Doch die Thematik und ihre sehr lyrische, blumige Sprache verm√∂gen auch oder gerade heute noch zu bezaubern.

Zur Autorin: Louise L√©ve√™cque de Vilmorin wurde am 4. April 1902 in Verri√®res-le-Buisson bei Paris geboren. Als Teil eines aristokratisch gepr√§gten Umfelds gelang es ihr fr√ľh, sich als Frau und K√ľnstlerin zu emanzipieren und im Stammschloss der Vilmorin f√ľhrende K√ľnstlerInnen ihrer Zeit zu versammeln. W√§hrend ihres Literaturstudiums begegnete sie Antoine de Saint-Exup√©ry und verlobte sich mit ihm. Ihr langj√§hriger Lebensgef√§hrte Andr√© Malraux regte sie zum Schreiben an, und in der Folge entstanden nicht nur die Histoire d¬īaimer, sondern auch die Romane Julietta, La lettre dans un taxi und Les belles amours sowie mehrere Gedichtb√§nde. Bekannt wurde sie vor allem mit ihrem Roman Madame de, 1953 von Max Ophuls verfilmt. Die Schriftstellerin starb am 26. Dezember 1969 in ihrem Geburtsort.

Zur √úbersetzerin: Patricia Klobusiczky, geboren am 3. April 1968 in Berlin, studierte Literatur√ľbersetzen an der Heinrich-Heine-Universit√§t in D√ľsseldorf, arbeitet lange Jahre als Lektorin f√ľr den Rohwolt Verlag und ist seit 2006 freie √úbersetzerin, Moderatorin und Lektorin.

(Quelle: Verlagsinformationen)

Louise de Vilmorin
Madame de

Aus dem Franz√∂sischen neu √ľbersetzt von Patricia Klobusiczky
Erschienen im Dörlemann Verlag, April 2012
Gebunden, 128 Seiten
ISBN 9783908777748
15,90 Euro

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Louise de Vilmorin - Julietta





Buecher > Romane + Belletristik Beitrag vom 13.06.2012 AVIVA-Redaktion 





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