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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 14.03.2014

Sarah Schmidt - Eine Tonne f├╝r Frau Scholz
Claire Horst

Eine Mittvierzigerin, die im McJob ihrer Studienzeit h├Ąngengeblieben ist und im letzten unsanierten Altbau der Gegend wohnt, ohne FreundInnen oder interessante Hobbys ÔÇô das klingt nicht besonders aufregend. Weil die Autorin aber Sarah Schmidt hei├čt, entsteht...



... aus diesem Plot eine hochkomische und intelligente Erz├Ąhlung, deren ProtagonistInnen zu den sympathischsten der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur geh├Âren.

Nina Krone verbringt ihre Arbeitstage damit, in einem heruntergekommenen Fotostudio Passbilder oder Bewerbungsfotos zu machen. Ihre einzige Gesellschaft dabei ist ihr Chef Karl, der sie mit den langweiligen Erkenntnissen zur Erforschung seiner Vorfahren nervt.

Genervt ist Nina auch von ihrem Bekanntenkreis. Weder interessiert sie sich f├╝r die Erf├╝llung, die andere Menschen in ihrer Arbeit finden, noch kann sie mit ihrer gro├čartigen Wohnungseinrichtung protzen. Bis auf Busen-B├Ąrbel, die allerdings als Kunstsammlerin st├Ąndig in der Welt herumreist und nur zu Stippvisiten nach Berlin kommt, haben Nina und ihr Partner Fritz kaum noch enge FreundInnen.

Ninas Blick auf das eigene Leben ist gepr├Ągt von Sarkasmus und Selbstironie:
"Das Haus steht wie ein m├╝rbe gewordener Fels zwischen anderen mit frisch gestrichenen Fassaden und ausgebauten Dachgeschoss-Eigentumswohnungen. [...] Die Journalisten bestaunen uns, als w├Ąren wir vom Aussterben bedrohte Tiere. Mit einer Mischung aus Bewunderung und Mitleid schauen sie in den Hinterhof, der h├Ąsslich, eng und lichtlos ist. [...] Es fehlen nur dreckige Kinder in Sch├╝rzen und mit nackten F├╝├čen, die einen Leierkastenmann mit einem ├äffchen oder einen Scherenschleifer mit Kaiser-Wilhelm-Schnauzbart umringen, um das nostalgische Bild zu komplettieren."

Obwohl Nina keinerlei Bed├╝rfnis hat, an ihrem Lebensentwurf etwas zu ├Ąndern, obwohl sie Fritz liebt, ihre beiden, sehr unterschiedlichen, Kinder erfolgreich gro├čgezogen hat und von den Selbstoptimierungsstrategien vieler Gleichaltriger h├Âchstens irritiert ist, hat sich etwas verschoben. Irgendetwas st├Ârt, nervt, passt nicht mehr zusammen. Ihre Tag- und Nachttr├Ąume drehen sich nur noch um Katastrophen, die zu allem ├ťberfluss nicht "besonders niveauvoll sind [...], sie haben keinen franz├Âsischen Esprit, orientieren sich nicht am expressionistischen Stil, nein, ich bin eine billige Vorabend-Soap-Regisseurin, und da existiert nur die Holzhammerszene: Von einer Sekunde auf die andere ist mein Leben ver├Ąndert. ┬┤Als nichts mehr so war wie zuvor┬┤ lautet der Titel meiner schnell produzierten Serie."

Aus reiner Langeweile oder um sich selbst als gutherzige Person zu inszenieren, beginnt sie, der immer unfreundlichen, fast achtzigj├Ąhrigen Frau Scholz aus der Wohnung unter ihrer die Kohlen hochzutragen. Und obwohl die beiden Frauen sich mit gegenseitiger Abneigung begegnen, beginnt eine merkw├╝rdige Freundschaft aus Anblaffen, Zur├╝ckweisung und Schnapstrinken. Frau Scholz wird irgendwann zur Ratgeberin zu Ninas Lebensfragen: Dass Ninas Sohn Rafi mit seinem unsympathischen Hipsterfreund Ben und zwei unbekannten Lesben aus einer Siegess├Ąule-Anzeige ein Kind gro├čziehen will, dass ihre Tochter Ella sich von immer wechselnden Firmen als Dauerpraktikantin ausbeuten l├Ąsst, getrieben von dem Wunsch, ganz nach oben zu kommen, f├╝r diese Probleme ist Frau Scholz eine passende Gespr├Ąchspartnerin.

Und ihre Kommentare helfen gegen Ninas nagende Selbstzweifel: Vielleicht h├Ątte sie lieber eine n├Ârgelnde Mutter sein sollen, eine, die den Kindern Gelegenheit zum Rebellieren gibt, anstatt mit ihnen zu kiffen und die Abende mit Busen-B├Ąrbel und einer Nase Koks zu verbringen? Frau Scholz, die gern vom "Rudelbumsen" in den Sechzigern erz├Ąhlt, ist nicht dieser Meinung.

Anders als andere Leseb├╝hnen-Autor_innen setzt Sarah Schmidt ihre Pointen nie um der Pointe willen, sondern nutzt sie, um ihre Protagonistin vor dem Absturz in die totale Verzweiflung ├╝ber sich selbst lachen zu lassen. Nina Krone ist eine Erz├Ąhlerin wie keine andere: Den Tod der eigenen Mutter, deren Schweigen ├╝ber den Missbrauch an der Tochter, die unaufgearbeitete Familiengeschichte, all das scheint nur zwischen den Zeilen durch, ist aber weder Anlass f├╝r ihre aktuelle Sinnkrise, noch wird es von Nina verleugnet.

Und obwohl sie, wie Fritz ihr vorh├Ąlt, st├Ąndig mit sich selbst und ihren ├╝blen Vorahnungen besch├Ąftigt ist, wird sie nie zu einer egozentrischen, lamentierenden und resignierten Figur. Nina bereut nichts und wird damit zu einer positiven Heldin: Sie hat nichts verpasst und ist v├Âllig frei von den Erwartungen, denen viele Menschen meinen, gerecht werden zu m├╝ssen, ob als KarrieristInnen, perfekte Eltern oder Lebensk├╝nstlerInnen. Und wenn ihr Leben langweilig scheint, na und? Nina wei├č, was sie will und braucht. Depressive Phasen geh├Âren dazu und werden von ihr gemeistert.

AVIVA-Tipp: Sarah Schmidts Roman l├Ąsst die Leserin abwechselnd aufjaulen vor Mitgef├╝hl angesichts idiotischer ZeitgenossInnen und laut lachen ├╝ber den Alltagskrampf der Protagonistin. Dass auch Nina Krone nicht vor eigenen Vorurteilen gefeit ist, macht sie zu einer besonders glaubw├╝rdigen Figur. Schade, dass es dieses zerbeulte Hinterhaus mit seinen nicht weniger zerbeulten BewohnerInnen nicht wirklich gibt.

Zur Autorin: Sarah Schmidt wurde 1965 in Dinslaken am Niederrhein geboren und zog 1976 mit der Familie nach Westberlin. Dort ging sie durch die harte Schule von Schmargendorf, Sch├Âneberg, Wedding und Neuk├Âlln, seit 1981 ist sie Kreuzbergerin aus ├ťberzeugung. Seit 1994 arbeitet sie als Autorin und seit 1995 ist sie Stammmitglied beim "Fr├╝hschoppen", der ersten Leseb├╝hne Deutschlands. ├ťber viele Jahre hinweg war sie die einzige Frau auf Berlins Leseb├╝hnen. 2003 erhielt sie ein AutorInnenstipendium im Rowohlt-Ledig House, New York.
Sie ver├Âffentlicht regelm├Ą├čig Texte in Anthologien und Zeitschriften. 2006 hatte ihr Theaterst├╝ck ├╝ber Billie Holiday, "Strange Fruit", Premiere. (Verlagsinformationen)

Die Autorin im Netz: www.sarah-schmidt.de

Sarah Schmidt
Eine Tonne f├╝r Frau Scholz

Verbrecher Verlag, erschienen im M├Ąrz 2014
Hardcover, 224 Seiten
Preis: 19,00 Euro
ISBN: 978-3-943167-78-8


Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Sarah Schmidt - Bad Dates

Dann machen wir┬┤s uns eben selber, der Deb├╝troman von Sarah Schmidt




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