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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 14.09.2009

Radka Denemarkov√° - Ein herrlicher Flecken Erde
Katja Schickel

Der Roman, f√ľr den die Autorin 2007 mit dem tschechischen Literaturpreis ausgezeichnet wurde, wirft einen kompromisslosen Blick auf die verdr√§ngte deutsch-tschechische Nachkriegsgeschichte.



Gita Lauschmannov√° kehrt heim, ersch√∂pft, voll banger Hoffnung. Sie √∂ffnet vorsichtig die T√ľr des Hauses, alles ist noch da, schmerzhaft vertraut, sogar der Hut des Vaters im Flur, als h√§tte der ihn aus ungewohnter Nachl√§ssigkeit einfach einmal vergessen; aber am Tisch sitzt ein unbekannter Mann, und eine ebensolche Frau f√ľllt seinen Teller mit Linsensuppe: "Lauter fremde Leute" ‚Äď so nannte Louis F√ľrnberg ein Gedicht, das die R√ľckkehr der √úberlebenden und Emigranten beschreibt.

Die tschechische Schriftstellerin Radka Denemarkov√° hat eine ganz eigene suggestive und emotionale Form gefunden, das Ausgeliefertsein, die Hilf- und Ausweglosigkeit der deutsch-tschechischen J√ľdin Gita, den Horror der Gewalterfahrungen und ihren Kampf um Recht und Gerechtigkeit zu erz√§hlen.

Die neuen Herren im Dorf, nebst ihren Frauen, haben sofort neue Verh√§ltnisse geschaffen und allen Besitz unter sich aufgeteilt. Eine verschworene Gemeinschaft, die gegen "den Feind" von Au√üen, also alle Deutschen, auch die deutschsprachigen Juden, zusammen h√§lt. Das Unrechtm√§√üige und Amoralische ihrer Handlung kann nur mit unm√§√üiger Rohheit und Kaltbl√ľtigkeit durchgesetzt werden. Das M√§dchen Gita, das in Auschwitz war, wird als Nazi, als dreckige Deutsche beschimpft, grausam misshandelt und entkommt, sozusagen ein zweites Mal, nur knapp dem Tod. Bis zum Zeitpunkt der Deportation aller Familienangeh√∂rigen wei√ü das Kind nicht, dass es j√ľdisch ist. Man ist assimiliert, spricht Deutsch und Tschechisch, die Kinder besuchen tschechische Schulen, die Eltern w√§hlen in der 1. Republik die tschechische Staatsb√ľrgerschaft.

Nach dem Krieg erinnert man sich umgehend daran, dass die Familie j√ľdisch und deutschsprachig, also deutsch, war und denunziert sie bei den neuen staatlichen Organen, die die vorauseilende Enteignung sofort legitimieren. Bereits Anfang der 1950er Jahre versucht Gita √ľber eine Teilr√ľckgabe zu verhandeln. Sie m√∂chte das Haus, fr√ľher von allen liebevoll "das Schl√∂sschen" genannt, zur√ľck haben. Das Fabrikgeb√§ude, die Werkst√§tten und die Schnapsbrennerei sollen in staatlichem Besitz bleiben k√∂nnen.

Vor allem geht es ihr um die Rehabilitierung ihres Vaters. Man begegnet ihr mit unverhohlenem Hass, flankiert von antisemitischen und nationalistischen Parolen, verh√∂hnt sie erneut als Nazi und bekr√§ftigt die Vorw√ľrfe gegen ihren Vater.

2005, nach der Rehabilitierung der Familie, beschlie√üt Gita, diese Geschichte nach 60 Jahren zu Ende zu bringen. Nun hat sie es haupts√§chlich mit der S√∂hne- und T√∂chtergeneration zu tun, die ihr ebenfalls mit Ressentiments und Vorurteilen begegnet und die unangenehme "deutsche Alte", die seit Kriegsende als Tschechin in Prag lebt, so schnell wie m√∂glich wieder los werden will. Wie sie √ľberhaupt hat √ľberleben k√∂nnen, wenn sonst keiner √ľberlebt hat, ob sie vielleicht gar nicht in einem Lager gewesen sei, das sind so Fragen, die die ehrenwerten Gemeinde besch√§ftigen. Nebenbei wird ihre Unzurechnungsf√§higkeit diskutiert, Gier, Neid, und Falschheit konstatiert, von denen sie sich leiten lie√üe, die klassischen Projektionen also.

Gita Lauschmannov√° will durch diese Geschichte hindurch gehen, nicht weil sie Eigentum f√ľr sich reklamieren m√∂chte, sondern weil sie, zeitlebens mit Traumata, mit Schuld- und Schamgef√ľhlen k√§mpfend, diejenigen, die bisher keine Verantwortung f√ľr ihr Tun √ľbernommen haben, konfrontieren will. Es gef√§llt ihr, sie in Aufregung zu versetzen. Sie tut dies mit wunderbar bissiger Lakonie und koketter Schnoddrigkeit, also mit hei√üem Herzen und kaltem Verstand, mit einem endlich einmal gen√ľsslich eingestandenen Hass auf die Verursacher ihres Schmerzes, zu denen eben nicht nur die Nazi-Deutschen, sondern auch TschechInnen geh√∂ren. Vor allem aber mit dem Mut einer Frau, die zu viel erlebt hat, als dass sie weiter stellvertretend fremde Belange ausfechten m√∂chte.

AVIVA-Tipp: Radka Denemarkov√° verf√ľgt √ľber einen au√üergew√∂hnlich luziden Sprachschatz, einen Reichtum an √ľberraschenden, poetischen wie surrealen, Bildern, mit denen sie essenzielle k√∂rperliche wie seelische Zust√§nde beschreiben kann. Sie zeigt die Wunden und den Schmerz, scharf und pr√§zise - und dass Vergangenheit nicht einfach vergeht.- Am Ende hei√üt es: "Worte k√∂nnen viel √úbles anrichten. Verhindern k√∂nnen sie nichts." - Das k√∂nnen nur Menschen.

Zur Autorin: Radka Denemarkov√°, 1968 geboren, studierte Germanistik und Bohemistik in Prag, arbeitet u.a. als √úbersetzerin, Dramaturgin und freie Journalistin f√ľr Printmedien und das Fernsehen. F√ľr diesen Roman, ihren zweiten, der gerade verfilmt wird, erhielt sie 2007 den h√∂chsten tschechischen Literaturpreis "Magnesia Litera".

Radka Denemarkov√°
Ein herrlicher Flecken Erde

Originaltitel: Penize od Hitlera
Aus dem Tschechischen von Eva Profousov√°
Deutsche Verlags-Anstalt, erschienen September 2009
Gebunden, 304 Seiten
ISBN: 978-3-421-04404-4
19,95 Euro

Buecher > Romane + Belletristik Beitrag vom 14.09.2009 AVIVA-Redaktion 





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