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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 01.06.2012

Semiha Stubert - Afiyet Olsun. Die wunderbaren Rezepte meiner t├╝rkischen Familie
Claire Horst

Wundersch├Ân wie alle Kochb├╝cher aus dem Haus Gerstenberg, stellt dieses Buch nicht allein die Kochrezepte in den Mittelpunkt, sondern l├Ądt zum Bl├Ąttern und Schm├Âkern ein. Dabei vermittelt es...



... nicht nur Kochanleitungen, sondern eine ganze Kochkultur.

Semiha Stubert, die bei ihren Gro├čeltern am anatolischen Taurusgebirge aufgewachsen ist, berichtet voller W├Ąrme von der Kochkunst ihrer Gro├čeltern, Tanten und Onkel. Der Geruch von frischem Brot, von Tomaten aus dem eigenen Garten oder von gerade zerriebener Minze bringt jeweils eigene Kindheitserinnerungen mit sich und l├Ąsst die Autorin vom Leben in Anatolien erz├Ąhlen. Voller sanfter Melancholie erz├Ąhlt sie vom Freiluftherd ihrer Gro├čmutter, von Hochzeiten auf dem Land und dem Opferfest. Die Rezepte, die sie mit diesen Ereignissen verbindet, reichen von simplen Suppen und Eint├Âpfen ├╝ber kompliziertere wie Manti (den t├╝rkischen Ravioli) bis zu raffinierten Nachspeisen, etwa Helva, Baklava und Kadayif. Varianten bietet die Autorin dann an, wenn das Originalrezept Fleisch enth├Ąlt. ├ťberhaupt ist die Mehrzahl der Rezepte vegetarisch, was bei der t├╝rkischen K├╝che keine Selbstverst├Ąndlichkeit ist.

Sympathischerweise zeigt Stubert trotz ihrer erkl├Ąrten Begeisterung f├╝r stundenlanges Kochen gro├čes Verst├Ąndnis f├╝r eher faule ZeitgenossInnen und weist immer darauf hin, wenn alternativ ein Fertigprodukt verwendet werden kann. Denen, die es ganz ernst meinen, weist sie trotzdem den Weg zu selbstgemachten Nudeln, handgerolltem Bl├Ątterteig und hausgebackenen Simit.

Weil es sich bei "Afiyet Olsun" eben nicht nur um eine Rezeptsammlung handelt, sondern um eine bebilderte Kindheitserinnerung, gliedert es sich in einzelne Kapitel auf, die die Autorin mit begleitenden Texten einleitet. Darin erz├Ąhlt sie von den Besuchen ihrer in Deutschland lebenden Eltern, die nat├╝rlich mit den Lieblingsgerichten begr├╝├čt wurden, von den Geschwistern aus Deutschland, die ihre Sikma mit Nutella statt mit K├Ąsef├╝llung bekamen, und von Picknicken am Fluss ÔÇô nat├╝rlich inklusive Beschreibung der Salate, die ihr "Baba" (Vater) dann zubereitete.

So ist dieses Kochbuch vieles in einem: eine Liebeserkl├Ąrung an die eigene Familie, eine Ode an das Kochen und Essen im Allgemeinen, eine R├╝ckschau auf die Kindheit und ein wenig auch Kulturgeschichte. Wenn Stubert von den verschiedenen Jahreszeiten im Dorf berichtet (alle Zutaten wurden im eigenen Garten geerntet oder auf dem lokalen Markt erworben), wird ihre Liebe zum Essen sp├╝rbar und macht Appetit auf die beschriebenen und von Claudia Lieb wunderbar bebilderten Rezepte.

Ein bisschen Nostalgie ist zu sp├╝ren, wenn Stubert die K├╝chenger├Ąte ihrer Gro├čmutter beschreibt oder sich an gem├╝tliche Kaminabende erinnert, die der Gro├čvater mit Erz├Ąhlungen von den Schattentheaterfiguren Hacivat und Karag├Âz oder vom klugen Nasreddin Hoca f├╝llte. Aber auch die Informationen kommen nicht zu kurz: So ist dem Buch ein Glossar angeh├Ąngt, das nicht nur Zutaten, sondern auch Festtage und Verwandtschaftsbezeichnungen erl├Ąutert.

Die Illustrationen von Claudia Lieb machen das Buch zu einem kleinen Kunstwerk. Grafische Elemente, die an die ber├╝hmten t├╝rkischen Iznik-Kacheln erinnern, gro├čformatige Landschaften und Darstellung von Alltagsszenen wechseln sich ab mit Collagen aus Printelementen und ÔÇô nat├╝rlich ÔÇô Zeichnungen von Lebensmitteln. Die Zeichnungen sind verspielt und klar zugleich. So gelingt es der Illustratorin, Ethno-Klischees zu vermeiden und dennoch die T├╝rkei auf jeder Seite hervorscheinen zu lassen.

AVIVA-Tipp: "Afiyet Olsun" hei├čt auf Deutsch "Guten Appetit", und Appetit macht das Buch wirklich. Beim Bl├Ąttern bekommt die Leserin nicht nur Lust aufs Kochen und Essen, sondern w├╝rde am liebsten sofort die Koffer packen und in eins der abgelegenen Bergd├Ârfer fahren, von denen die Autorin berichtet. Zum Gl├╝ck sind die Rezepte zum gro├čen Teil so unkompliziert, dass die Lust darauf sich auch beim Nachkochen h├Ąlt. Und wer nicht so gern kocht, kann es immer noch als Hingucker f├╝r die K├╝che benutzen. Sehr verdient wurde "Afiyet olsun" mit dem dritten Platz des Gourmand World Cookbook Awards 2012 ausgezeichnet.

Zur Autorin: Semiha Stubert, geb. 1969 in Eregli-Konya, T├╝rkei, studierte in M├╝nchen und ist Juristin und Mediatorin. Sie verbrachte ihre Kindheit bei den Gro├čeltern in Anatolien und lernte dort das Kochen. Mit ├╝ber 30 Jahren Kocherfahrung zeigt sie hier die Feinheiten der t├╝rkischen K├╝che. Zur Zeit lebt sie in Oslo. (Verlagsinformationen)
Semiha Stubert im Netz: www.semilicious.com

Zur Illustratorin: Claudia Lieb hat in M├╝nster und an der Hochschule f├╝r Angewandte Wissenschaften in Hamburg Kommunikationsdesign studiert. Sie lebt in M├╝nchen und arbeitet dort in einer Ateliergemeinschaft als Illustratorin und Grafikerin. Im Gerstenberg Verlag erschien von ihr 2009 "Die wunderbaren Reisen des Marco Polo". (Verlagsinformationen)
Claudia Lieb im Netz: www.claudialieb.de

Semiha Stubert
Afiyet Olsun! Die wunderbaren Rezepte meiner t├╝rkischen Familie

Gerstenberg Verlag, erschienen 2011
Flexibler Einband, mit zahlreichen Illustrationen, 176 Seiten
ISBN 978-3-8369-2642-3
19,95 Euro

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