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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 11.09.2011

Winterreise - Die Premiere im Deutschen Theater. Vorstellungen noch bis 26. Oktober 2011
Marie Heidingsfelder

In der Inszenierung von Elfriede Jelineks j├╝ngstem St├╝ck begeisterten die f├╝nf Darstellerinnen um Regisseur Andreas Kriegenburg das Publikum mit drei Stunden polyphoner Sprachgewalt. Ein...



... mitrei├čendes, aufw├╝hlendes und pers├Ânliches St├╝ck zu den Kl├Ąngen von Schuberts Liederzyklus.


Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh┬┤ ich wieder aus

Im fahlen, mal gelben, mal blauen Licht der B├╝hne breitet sich eine verschwenderisch bl├╝hende Wiese aus, die scheinbar au├čerhalb von Raum und Zeit liegt und nicht das Gef├╝hl von Idylle, sondern von Unwirklichkeit vermittelt. Fremdartig wirkt das Klavier inmitten der Blumen und fremd wirken trotz ihrer Rucks├Ącke und Wanderschuhe auch die f├╝nf Frauen, die in langen Kleidern durch die Wiese streifen und Schnee ├╝ber sich und die Landschaft verteilen. So beginnt Elfriede Jelineks Winterreise, ihre innere Wanderschaft zu den Erinnerungen ihrer Kindheit, zu den Fragen von Zeit und Verg├Ąnglichkeit und schlie├člich ironisch zu sich selbst, die doch seit Jahren immer die gleiche Leier dreht.

Ungewohnt pers├Ânlich verhandelt Jelinek in ihrem preisgekr├Ânten St├╝ck nicht nur die schwierige Beziehung zu der ebenso geliebten wie gehassten Mutter und die Schuld, den psychisch kranken Vaters in ein Irrenhaus abgeschoben zu haben, sondern schl├Ągt auch den Bogen zu den Wirren der politischen und medialen Gegenwart: Eine Gegenwart, in der Opfer als zu laut empfunden werden und in der soziale Netze die M├Âglichkeit st├Ąndiger emotionaler Bindung und Selbstsch├Âpfung suggerieren.

"Ich wandere nicht mehr gerne, weil ich auch nicht mehr gern aus dem Haus gehe. Jetzt muss ich also sozusagen im Schreiben wandern. Im St├╝ck ist das ein Wandern von hinten nach vorn, wenn man das so sagen kann. Das, was gewesen ist, auch das, was mich seit meiner Kindheit gequ├Ąlt hat, kommt jetzt an. Es ist lang gewandert, und nun ist es bei mir angekommen, als das Fr├╝here, das im Ankommen geborgen w├Ąre, wenn Literatur Psychoanalyse sein k├Ânnte, was sie aber nicht ist."

In seiner Inszenierung gelingt es Regisseur Andreas Kriegenburg ├╝berzeugend, mit der "Winterreise" ein St├╝ck auf die B├╝hne zu transportieren, dessen Text als achtteilige, wortgewaltige Prosa erschien und weder Rollen, noch B├╝hnenraum, noch Regieanweisungen vorgibt: In einem vielstimmigen Wechsel teilen sich Judith Hofmann, Annette Paulmann, Maria Schrader, Anita Vulesica und Susanne Wolff den Text auf. ├ťbergangslos verk├Ârpern sie mal die Stimmen der Autorin, mal stilisierte Gemeinpl├Ątze, mal Vater, mal Mutter. Sie fiebern, fallen einander ins Wort, streiten oder reden im Chor, ohne dass die Konzentration in Verwirrung zu kippen droht - eine brillante Darstellung, deren szenisches Spiel die Sprache noch unterstreicht: St├Ąndig k├Ąmpfen die f├╝nf Schauspielerinnen mit ihrer Umgebung und sich selbst. Sie schneiden die Blumen, suchen einen Platz, laufen auf der Stelle, fesseln sich ans Klavier, halten sich an aneinander, werfen sich um, bestrafen sich und f├╝hren einander durch den Raum. Ein best├Ąndiges Anlaufen gegen sich selbst, die Zeit und die Umst├Ąnde, das die d├╝ster-existentialistischen Kl├Ąnge von Schuberts Original genau so aufnimmt, wie die immer um Sprache ringende Elfriede Jelinek, f├╝r die der Wanderer vor allem ein Fl├╝chtiger ist: "Er geht nicht, um irgendwohin zu kommen, er geht, um fortzukommen"

AVIVA-Tipp: Dem Ensemble des Deutschen Theaters gelingt es auf beeindruckende Art und Weise, die Winterreise als Zustand von Isolation und Fremdheit zu transportieren. Ein gro├čartiges B├╝hnenbild, brillante Schauspielerinnen, Jelineks Sprachwitz und die Musik von Franz Schubert machen die Inszenierung der "Winterreise" - wie auch die im Januar erschienene literarische Vorlage - zu einem eindeutigen Tipp.
"W├╝├čten wir, wie wichtig es einmal werden wird, wir w├╝rden stehenbleiben und es genie├čen, doch das geht nicht. Vorbei ist vorbei"

Zur Autorin: Elfriede Jelinek wurde 1946 in der ├Âsterreichischen Steiermark geboren und lebt heute zur├╝ckgezogen in Wien und M├╝nchen. Unter dem Druck der ehrgeizigen Mutter erhielt sie bereits als Kind Klavier-, Gitarren-, Fl├Âten-, Geigen- und Bratschenunterreicht und wurde mit 13 am Konservatorium der Stadt Wien aufgenommen. In Folge eines psychischen Zusammenbruchs zog sie sich nach der Matura f├╝r ein Jahr in die Isolation zur├╝ck und begann in jener Zeit mit dem Schreiben. 1968 schrieb sie ihren ersten Roman "bukolit" in der Tradition der Wiener Gruppe, dem weitere folgten, bevor ihr 1983 mit "Die Klavierspielerin" der internationale Durchbruch gelang. Ihr literarisches Werk umfasst neben Prosa auch Theaterst├╝cke, Lyrik, Essays, ├ťbersetzungen und H├Ârspiele und ist trotz heftiger Kritik und psychischer Zusammenbr├╝che der Autorin vielfach preisgekr├Ânt. 2004 erhielt sie den Nobelpreis f├╝r Literatur und z├Ąhlt zu den bedeutendsten Schriftstellerinnen der Gegenwart.

Die hervorragende Internetseite der Autorin finden Sie unter:
www.elfriedejelinek.com

Winterreise
Regie: Andreas Kriegenburg
B├╝hne: Nikolaus Frinke
Kost├╝me: Andrea Schraad
Dramaturgie: Meike Schmitz
Besetzung: Judith Hofmann, Annette Paulmann, Maria Schrader, Anita Vulesica, Susanne Wolff

Vorstellungen:

18. September 2011, 19.00 Uhr
01. Oktober 2011, 20.00 Uhr
03. Oktober 2011, 19.00 Uhr
26. Oktober 2011, 19.00 Uhr

Weitere Informationen und Karten f├╝r die ├╝brigen Vorstellungen finden Sie unter:
www.deutschestheater.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Elfriede Jelinek - Ein Portrait (2006)

"Bambiland" von Elfriede Jelinek

"Winterreise" ein Roman von Am├ęlie Nothomb


Kultur Beitrag vom 11.09.2011 Marie Heidingsfelder 





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