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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 10.07.2012

Mein Sommer mit Mario - Ein Film von Julia Solomonoff
Dana Strohscheer

Jorgelina ist eifers├╝chtig auf ihre gro├če Schwester. Fr├╝her haben sie jedes Geheimnis miteinander geteilt. Doch seit Luciana "die Sache" hat, will sie nicht mehr mit Jorgelina herumtoben, ...



... sondern schminkt sich lieber, tuschelt mit ihrer Freundin vor dem Spiegel und interessiert sich pl├Âtzlich f├╝r Jungs. Alles Dinge, die Jorgelina nicht verstehen kann und will.

So kommt es, dass die beiden Schwestern das erste Mal die Sommerferien getrennt verbringen. W├Ąhrend Luciana mit ihrer Mutter an den Strand f├Ąhrt, verlebt Jorgelina mit ihrem Vater den Sommer auf einem Bauernhof in der Weite der argentinischen Pampa.

Hier beginnt die Regisseurin Julia Solomonoff die Geschichte einer Freundschaft jenseits g├Ąngiger Konventionen zu erz├Ąhlen. Denn auf der Ranch lebt Mario, Sohn des Besitzers und ein wenig ├Ąlter als Jorgelina. Er arbeitet so hart wie kaum ein anderer, obwohl er noch ein halbes Kind ist. Der ebenso drahtige wie schm├Ąchtige blonde Junge muss immer wieder beweisen, dass er genauso zum Mann taugt wie alle anderen im Dorf.

Nach anf├Ąnglicher Zur├╝ckweisung entwickelt sich zwischen der neugierigen, willensstarken Jorgelina und dem scheuen Mario eine freundschaftliche Verbindung. Sie reiten gemeinsam aus und Mario wird wieder ein wenig zu dem Kind, das er eigentlich noch ist. Nur Baden gehen will Mario trotz der gro├čen Hitze nicht. Auch eindringliche Bitten Jorgelinas stimmen ihn nicht um.

Sp├Ąter beobachtet ihn die Kamera in seinem Verschlag in der Scheune, in der er sein Bett und seine pers├Ânlichen Dinge untergebracht hat. Nach einem harten Arbeitstag kn├Âpft Mario sein Hemd auf und wickelt sich, von der Kamera abgewandt, langsam einen Verband von der Brust. Ab diesem Moment stehen f├╝r die Zuschauenden viele Fragen im Raum: Wer ist Mario wirklich? Macht sie/ er sich selbst zu etwas anderem, oder soll sie/ er anders sein?

Auch Jorgelina kommt Marios Geheimnis auf die Spur. Eines Tages entdeckt sie einen Blutfleck auf Marios Sattel, einen weiteren an der Hose. Auf Nachfragen bekommt sie keine Antwort. Aus Sorge berichtet Jorgelina ihrem Vater, der Arzt ist, von der "Verwundung". Er untersucht Mario und stellt fest, dass Mario biologisch gesehen ein M├Ądchen ist, deren Geschlecht bei der Geburt falsch bestimmt wurde. Bereits seit einem halben Jahr bekommt Mario seine Regel und traut sich mit niemandem dar├╝ber zu sprechen, aus Angst, sowohl vor einer unheilbaren Krankheit, als auch vor dem eigenen Vater. Denn instinktiv hatte Mario erkannt, dass die Entwicklungen des eigenen K├Ârpers nicht mit dem Bild eines jungen Mannes ├╝bereinstimmen.

Was die Zuschauenden bereits bef├╝rchteten, wird nun wahr: Marios Vater sucht, nachdem er ├╝ber dessen "Zustand" Bescheid wei├č, die Schuld f├╝r das "Desaster" bei dem Kind selbst und verpr├╝gelt es. Daraufhin verschwindet Mario. Jorgelina macht sich gro├če Vorw├╝rfe, dass sie ihren Freund verraten hat. Als ihr Vater ihr erkl├Ąren will, was Marios "Problem" ist, h├Ąlt sie sich demonstrativ die Ohren zu. Stattdessen setzt sie alles daran, ihn zu finden und bringt Mario schlie├člich dazu, sich selbst zu akzeptieren, was zu den ber├╝hrendsten Szenen des Films geh├Ârt.

Am Ende der Ferien ist Jorgelina nicht mehr so klein und naiv wie am Anfang der Ferien - so hat dieser Sommer auch sie ver├Ąndert.

Die Figur der Jorgelina ist v├Âllig frei von heteronormativen Urteilen ├╝ber andere. In ihrer kindlichen Unschuld bricht sie immer wieder mit "g├Ąngigen" Verhaltensweisen - was darf ein Junge, was darf ein M├Ądchen. Auf die Aussage Marios "Ich bin nicht normal." antwortet Jorgelina v├Âllig selbstverst├Ąndlich "Ich bin auch nicht normal!"

So zeigt Solomonoff neben Marios Selbstfindung auch den Mut eines kleinen M├Ądchens, sich gegen d├Ârfliche Gemeinschaftsstrukturen zu stellen und pers├Ânliche Freundschaften nach eigenen Ma├čst├Ąben aufzubauen. So einfach und doch so kompliziert ist es. Ein gro├čes Plus dieses von Pedro Almod├│var produzierten Independentfilms ist es, dass all diese Themen eher beil├Ąufig behandelt werden. Er kommt mit wenigen Worten aus, eher die Mimik und Gestik der jungen, hervorragenden LaiendarstellerInnen geben dem Film seine entscheidende Tiefe.

AVIVA-Tipp: Ein leiser Film ├╝ber das Erwachsenwerden, ├╝ber erste eigene Geheimnisse und dar├╝ber, wie Kinder lernen, sich durchzusetzen. In der Weite der argentinischen Landschaft angesiedelt, erz├Ąhlt "Mein Sommer mit Mario" nicht nur eine ungew├Âhnliche Coming of age-Geschichte, sondern zeigt, wie vorurteilsfrei Kinder Freundschaften schlie├čen, wenn sie denn d├╝rfen und wie fatal duale Geschlechtszuschreibungen sich auf Menschen auswirken.

Zur Regisseurin: Julia Solomonoff: wurde 1968 in Buenos Aires geboren. Sie ist Schauspielerin, Produzentin und Film- und Fernsehregisseurin. Dar├╝ber hinaus schreibt sie Drehb├╝cher. 2004 war sie erste Regieassistentin bei dem Film "Die Reise des jungen Che" (USA 2004). Im Jahr 2005 f├╝hrte sie dann bereits selbst Regie bei dem argentinischen Film "Ahora". "Mein Sommer mit Mario" kam 2009 in die argentinischen Kinos und wurde von der Kritik vielbeachtet. Solomonoff lebt in Buenos Aires und arbeitet momentan an Fernsehdokumentationen.

Mein Sommer mit Mario
Originaltitel: El ├║ltimo verano de la Boyita
Argentinien/ Spanien/ Frankreich 2009
Buch und Regie: Julia Solomonoff
DarstellerInnen: Guadalupe Alonso, Nicolás Treise
Verleih: GMfilms
Bildformat: PAL
Sprache: Kastilisch (Spanisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Start: 16. M├Ąrz 2012
FSK: Freigegeben ab 12 Jahren
Laufl├Ąnge: 88 Minuten
Bestellnummer (EAN): 426 0065 5239 13
15,99 Euro
www.gmfilms.de

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