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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 14.09.2012

Parada - Eine Kom├Âdie von Srdjan Dragojevi├Ž
Laura W├Âsch

"Parada" ist ein Film ├╝ber Homophobie und Gewalt in Serbien. Gelacht werden darf trotzdem: Mit der ├ťbertitelung "Kom├Âdie" erteilte der Regisseur dem Publikum die Legitimation zum Am├╝sement.



"Ich bin heterosexuell" schreit eine alte Dame den M├Ąnnern entgegen, die gerade das LGBT-Plenum zur geplanten Belgrader Gay Pride mit Pr├╝geln und Schlagst├Âcken zerschlagen. Das Publikum im Kinosaal schmunzelt. Ansonsten ist Homophobie in Serbien als Thema kein gro├čer Br├╝ller, eher ein Grund zum Verzweifeln. Erst im Jahr 2011 wurde die geplante Gay Pride in Belgrad, aus Angst vor zu gro├čen gewaltt├Ątigen Ausschreitungen, von Innenminister Ivica Dacic verboten. Nicht etwa, weil sich die Regierung dagegen aussprach, sondern weil mensch Angst vor der Zerst├Ârungswut und dem Gewaltausma├č der rechtsextremen Szene hatte. Dass sich die Exekutive au├čer Stande sah, die DemonstrantInnen zu sch├╝tzen, weist aber auch darauf hin, dass die serbische Politik die Debatte um Schwulen- und Lesbenrechte nicht als ausreichend relevant empfand. Dass aber Homophobie ein massives Problem darstellt, bewies die erste Gay Pride in Belgrad 2001, bei der Homo-, Lesben, Bi- und Transsexuelle von der Hooligan- und rechtsradikalen Szene so brutal angegriffen wurde, dass die Parade abgebrochen werden musste. 2010 wiederholte sich dieses schreckliche Szenario. Etwa 1200 Demonstrierende mussten von etwa 5000 Polizeikr├Ąften vor eben so vielen Hooligans aus dem ganzen Land, besch├╝tzt werden. Das gelang allerdings nur teilweise.

Trotz dieses sehr blutigen Hintergrunds drehte der serbische Regisseur Srdjan Dragojevi├Ž eine Kom├Âdie, in der er sich mittels stereotyper Geschlechterrollen und karikaturartigen, ├╝berzeichneten Figuren dem problematischen Thema ann├Ąherte. Dabei bedient er sich einiger Klischees: Serbische Kriegsveteranen, ein schwuler Wedding-Planer, der kosovarische Drogenschmuggler, die ehemalige blonde Stripperin als Gangsterbraut, ein schwuler Tierarzt mit rosarotem Mini-Cooper - gemeinsam fahren sie darin durch das ehemalige Kriegsgebiet, um ein geeignetes Security-Team f├╝r die geplante LGBT-Parade zusammenzustellen.

Regisseur Dragojevi├Ž ist ├╝berzeugt, dass dies der einzige Weg war, das serbische Publikum in die Kinos zu bringen. Mit Erfolg: Mit 600.000 Menschen, die den Film in den ehemals jugoslawischen L├Ąndern gesehen haben, wurde der Film zu einem Kassenschlager. Ungew├Âhnlich f├╝r ein Land, in dem 20 Prozent der B├╝rgerInnen, laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstitut Cesid, sogar bereit w├Ąren, Gewalt gegen Homosexuelle zu unterst├╝tzen oder zu rechtfertigen. 53 Prozent sind sogar ├╝berzeugt, dass restriktive Ma├čnahmen gegen Homosexualit├Ąt von Seiten des Staates durchaus legitim w├Ąren. Und weil der Regisseur als ausgebildeter Psychotherapeut genau dieses Publikum ansprechen wollte, hat er auf homoerotische Handlungen verzichtet. "Mit einer schwulen Kussszene h├Ątte ich den normalen Homophoben vom Balkan niemals ins Kino gekriegt."

Als der kom├Âdienhafte Road-Movie gegen Ende in einer Gewaltszene m├╝ndet, die in etwa die Geschehnisse der Gay Pride 2010 nachbilden sollen, bleibt einem/einer erstmals das Lachen im Hals stecken. Hier kulminieren strukturelle rechtsextreme und homophobe Gewalt und eine Mentalit├Ąt des Zu- und gleichzeitigen Wegschauens. So hinterl├Ąsst der Film letzten Endes im ZuschauerInnenraum ein Vakuum, in dem Platz f├╝r Reflexion entsteht. Ob durch den Film eine Art Selbstreflexion in der serbischen Bev├Âlkerung stattgefunden hat, wird sich bei der n├Ąchsten Gay Pride 2012 noch herausstellen.

AVIVA-Tipp: Sich dem Thema Homophobie satirisch anzun├Ąhern, war ein sehr mutiges Experiment des serbischen Regisseurs Srdjan Dragojevi├Ž. Mittels humoristischer ├ťberzeichnung stereotyper Rollenbilder ist es ihm jedoch ├╝berzeugend gelungen, Klischees nicht nur aufzuzeigen, sondern sie derma├čen durch den Fleischwolf zu drehen, dass neue Bilder, zumindest f├╝r die L├Ąnge eines Kinofilms, auf einmal m├Âglich erscheinen.

Zum Regisseur: Srdjan Dragojevi├Ž nahm nach seiner Ausbildung als Psychotherapeut 1987 das Studium der Film- und Fernsehregie an der mazedonischen Universit├Ąt der K├╝nste auf, an der er seinen zweiten Hochschulgrad als Filmregisseur und Drehbuchautor erlangte. 1992 machte er im Alter von 29 Jahren mit seinem Deb├╝t "Mi Nismo Andeli" im serbischen Kino auf sich aufmerksam. Es folgten Auszeichnungen auf internationalen Filmfestivals, darunter f├╝r den Film "D├Ârfer in Flammen" (1995) auf dem Sao Paulo International Filmfestival und dem Filmfestival Stockholm. Als Mitglied der Sozialistischen Partei Serbiens setzt er sich nicht nur in seinen Filmen f├╝r Menschenrechte ein. Mit "Rane" reiste er f├╝r diverse Festival-Vorf├╝hrungen, u. a. beim San Francisco International Film Festival durch die USA. Als Miramax ihn unter Vertrag nahm, zog er im Juli 1999 mit seiner Familie nach Los Angeles. Innerhalb der folgenden zwei Jahre pendelte er zwischen New York und Los Angeles. Da er jedoch die k├╝nstlerische Freiheit, die er f├╝r seine Filme suchte, dort nicht fand, verschlug es ihn 2001 wieder nach Serbien. Mit seinem neuestem Film "Parada" feierte er Riesen-Erfolge im gesamten Balkanraum. Auch auf der Berlinale 2012 wurde der Film zum Hit und mit dem Panorama Publikumspreis ausgezeichnet. (mm filmpresse)

Parada
Serbien/ Kroatien/ Mazedonien/ Slowenien 2012
Regie & Drehbuch: Srdjan Dragojevi├Ž
Verleih: Neue Visionen Filmverleih GmbH
Laufl├Ąnge: 115 Minuten
Kinostart: 13. September 2012
Homepage zum Film: www.parada-film.de

Kultur Beitrag vom 14.09.2012 AVIVA-Redaktion 





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