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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 21.03.2013

Die Ganze Wahrheit ... was Sie schon immer ├╝ber Juden wissen wollten
AVIVA-Redaktion

Die Ausstellung im J├╝dischen Museum Berlin bricht vom 22. M├Ąrz bis 1. September 2013 Klischees auf und bezieht die BesucherInnen dabei ausdr├╝cklich mit ein. Von "Juden in Vitrinen" ├╝ber Kunst, ...



Alltagswelt und Religion ÔÇô anhand von Fragestellungen aus unterschiedlichen Bereichen und Lebenswelten wird j├╝disches Leben spielerisch, humorvoll und dabei tiefsinnig erfahrbar gemacht.

30 Fragen f├╝hren die BesucherInnen ab dem 22. M├Ąrz durch die Ausstellung "Die ganze Wahrheit ÔÇŽ was Sie schon immer ├╝ber Juden wissen wollten".

"Woran erkennt man einen Juden? Wie wird man Jude? Sind die Juden besonders gesch├Ąftst├╝chtig? Darf man ├╝ber den Holocaust Witze machen? Glauben Juden an den Satan? Warum lieben alle die Juden? Warum mag keiner die Juden?"

Das sind nur einige der Fragen von BesucherInnen an ein J├╝disches Museum und Fragen, die Erwachsene und Sch├╝lerInnen an das Judentum stellen. Sie wurden ├╝ber Monate aus der F├╝lle wiederkehrender Fragen in Foren, G├Ąsteb├╝chern des Museums und aus Erfahrungen der MuseumsmitarbeiterInnen ausgew├Ąhlt.

Blick in die Ausstellung: Die ganze Wahrheit ÔÇŽ was Sie schon immer ├╝ber Juden wissen wollten
┬ę J├╝disches Museum Berlin, Foto: Linus Lintner


Dreiklang aus Frage, Objekt und Zitat

Die Fragen werden jeweils mit einer Installation "beantwortet", die Objekte, Zitate und Texte miteinander in Beziehung setzt. Eine eindeutige oder gar "richtige" Antwort bekommen die BesucherInnen nicht, sondern je nach SprecherIn oder AkteurIn unterschiedliche Perspektiven. Insgesamt pr├Ąsentiert die Schau 180 Objekte aus Religion, Alltagswelt und zeitgen├Âssischer Kunst, die einen Einblick in j├╝disches Denken, innerj├╝dische Identit├Ątsdebatten und das Verh├Ąltnis zur nichtj├╝dischen Umwelt geben.

"Juden in Vitrinen"

Zu der Frage "Gibt es noch Juden in Deutschland?" pr├Ąsentiert die Ausstellung ein h├Âchst ungew├Âhnliches ┬┤Exponat┬┤. Zu ausgew├Ąhlten Zeiten wird ein j├╝discher Gast in einer Vitrine Platz nehmen und ÔÇô wenn gew├╝nscht ÔÇô auf Fragen und Kommentare der BesucherInnen reagieren. Damit wird ein Fehdehandschuh aufgegriffen, den KritikerInnen J├╝discher Museen ihren Gr├╝ndungsinitiatoren vor die F├╝├če warfen. Der Vorwurf wurde ge├Ąu├čert, J├╝dinnen und Juden k├Ânnten als Schauobjekte missbraucht werden und der Neugierde von VoyeurInnen ausgesetzt sein. Andere wiederum verglichen die exponierte Rolle der Juden in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten, die vielen als Symbol f├╝r Millionen Ermordeter galt, mit Objekten einer Ausstellung. Der Journalist Richard C. Schneider beispielsweise kommentierte 2001 nach Er├Âffnung des J├╝dischen Museums Berlin seine eigene Position als Jude mit dem Satz: "Ich bin ein lebendiges Ausstellungsst├╝ck. Leute, die in meiner Person zum ersten Mal in ihrem Leben einem Juden begegnen, reagieren oft irritiert. [ÔÇŽ] Pl├Âtzlich werde ich betrachtet wie in einer Vitrine, wie ein seltenes Exemplar unter Glas, das man eigentlich nicht kennt, aber zu kennen glaubt. [ÔÇŽ]." Auf der Suche nach der "ganzen Wahrheit" haben BesucherInnen nun die Gelegenheit, sich dieser Irritation zu stellen.

Unorthodoxer Umgang mit provokativen Fragen

Die Frage "Wer ist ein Jude?" beantwortete Israels erster Premierminister David Ben Gurion 1951 selbstironisch mit der Bemerkung: "F├╝r mich gilt jeder als Jude, der meschugge genug ist, sich selbst einen zu nennen." W├Ąhrend kurz nach der Staatsgr├╝ndung Israels jeder als Jude anerkannt wurde, der sich dazu bekennen mochte, stehen heute liberale Auslegungen orthodoxen Vorstellungen streitbar gegen├╝ber. Das wahnhafte Bed├╝rfnis nach wissenschaftlich ├╝berpr├╝fbaren Provenienzkriterien hat neue Gesch├Ąftsmodelle bef├Ârdert, die durch den genetischen Nachweis der Herkunft die m├╝hevolle Aneignung von kulturellem Wissen ├╝berfl├╝ssig zu machen scheint. Ein f├╝r die Ausstellung beauftragter DNA-Test eines professionellen Anbieters, der mit der Behauptung "Genetisch geh├Âren die Juden zu den faszinierendsten V├Âlkern der Erde. [ÔÇŽ]" f├╝r sich wirbt, verspricht per Zertifikat, Haplogruppe, Urvolk und Ursprungsregion genetisch nachweisen zu k├Ânnen.
Ebenfalls in der Ausstellung mit ihrem DNA-Nachweis vertreten ist die Programmdirektorin des J├╝dischen Museums Berlin, Cilly Kugelmann.

W├Ąhrend die unterschiedlichen j├╝dischen Gemeinschaften damit besch├Ąftigt sind, zu kl├Ąren, wen sie in ihre Reihen aufnehmen wollen, sind sich Nichtjuden oft nicht ganz sicher, mit wem sie es zu tun haben. In einem Raum mit der Fragestellung "Jude oder nicht?" flanieren BesucherInnen durch einen Gang mit 12 gro├čformatigen Portraits von historischen und aktuellen Ber├╝hmtheiten, ├╝ber deren j├╝dische Identit├Ąt mensch sich nicht ganz sicher sein kann...

Bild zur Frage: Jude oder nicht? Marilyn Monroe auf dem Cover des Modern Screen Magazine, November 1956
┬ę J├╝disches Museum Berlin, Foto: Jens Ziehe


Der Umgang mit der Frage "Sind die Juden auserw├Ąhlt?" zeigt, dass mit dem Konzept der Auserw├Ąhltheit keineswegs eine ├ťberlegenheit der Juden ├╝ber andere V├Âlker und Gruppen gemeint ist. Die Pr├Ąsentation einer geschm├╝ckten Tora-Rolle gibt die Richtung vor, in den Worten von Leonard Fein: "How odd of God to choose the Jews. / But how on earth could we refuse? ÔÇŽ"

Momente der fraglichen Gewissheit

Mit M├╝nzen d├╝rfen BesucherInnen abstimmen, ob sie Juden f├╝r besonders gesch├Ąftst├╝chtig, intelligent, sch├Ân oder tierlieb halten. Am Ende der Ausstellung wird offenbart, zu welchem Ergebnis die Abstimmung gekommen ist.

Nicht zuletzt wird auch die sensible Frage aufgeworfen: "Darf man ├╝ber den Holocaust Witze machen?" Ausschnitte aus US-Comedy-Serien zeigen, dass in den USA Witze m├Âglich sind, die in Deutschland nur Oliver Polak wagt. Ob dabei Grenzen ├╝berschritten werden oder gelacht werden kann, soll jede/r BesucherIn f├╝r sich entscheiden.

Die Zitate und Exponate zur Frage "Steht Deutschland in einer besonderen Beziehung zu Israel?" werden zum Panoptikum deutsch-israelischer Beziehungen: So stehen neben einem Staatsgeschenk f├╝r Bundespr├Ąsident Joachim Gauck auch das ber├╝hmte Luxemburger Abkommen von 1952 mit den Unterschriften der Au├čenminister Konrad Adenauer und Moshe Scharett. Einen Kontrast dazu bilden die Exponate von "Masterchef" Tom Franz, der ├╝ber Nacht zum ber├╝hmtesten Deutschen in Israel wurde, als er sich gegen eine arabische Krankenschwester und eine orthodoxe Hausfrau im Kochduell durchsetzte.

Bild zur Frage: Steht Deutschland in einer besonderen Beziehung zu Israel? Sara Tal (Miss Israel) und Marina Orschel (Miss Germany)
┬ę J├╝disches Museum Berlin, Foto: Jens Ziehe


"Woran erkennt man einen Juden?"

Eine Installation f├╝hrt BesucherInnen unter 70 j├╝dischen Kopfbedeckungen hindurch und entlang: Schtreimel, Borsalino, Miznefet, Kippa mit Mercedesstern oder mit Angry Birds ÔÇô orthodox, witzig oder kommerziell, Eingeweihten erschlie├čen sich viele Nuancen sofort. Einige j├╝dische Kopfbedeckungen sind historisch aus Kleiderordnungen entstanden und k├Ânnen bis heute auch als Zeichen religi├Âser wie ideologischer und politischer Identifikation und Zugeh├Ârigkeit gelesen werden. Andere sind diskrete Signale einer nach au├čen demonstrierten Zusammengeh├Ârigkeit.

"Ask the Rabbi"

Eine lebensgro├če Filminstallation gibt den BesucherInnen einen interessanten Einblick in allt├Ągliche und nicht allt├Ągliche Fragen zum Judentum. Sieben in Deutschland amtierende Rabbiner antworten auf unterschiedlichste Fragen zum Umgang mit religi├Âsen Gesetzen im Alltag: Kann man ohne Beschneidung Jude sein? Kann man aufh├Âren, Jude zu sein? Was bedeuten Jesus und Mohammed f├╝r das Judentum?

"Frage des Monats"

Die "Die ganze WahrheitÔÇŽ was Sie schon immer ├╝ber Juden wissen wollten" greift mit Witz, Gelassenheit und Provokation viele aktuelle und gesellschaftliche Debatten auf, stellt Gegenfragen und sensibilisiert f├╝r stereotype Bilder sowie Denkmuster. Im Epilog der Ausstellung werden die BesucherInnen aufgefordert, ihre Fragen und Kommentare an eine Wand zu kleben ÔÇô die n├Ąchsten BesucherInnen reagieren, kommentieren oder hinterfragen das Gepostete. Bis September wird daraus die aktuelle "Frage des Monats" ausgew├Ąhlt und in einem Videoblog kommentiert.


AVIVA-Tipp: Die Ausstellung regt zum genauen Hinschauen und zum Nachdenken ├╝ber Klischees an, denen J├╝dinnen und Juden tagt├Ąglich und immer wieder in den unterschiedlichsten Situationen ausgesetzt waren und sind. Das Konzept der Ausstellung "Die Ganze Wahrheit ... was Sie schon immer ├╝ber Juden wissen wollten" beruht auf Provokation, gepaart mit feinsinnigem Humor. Neben den Erkenntnissen will sie aber auch vor allem eines: Spa├č machen. Konzept gelungen ÔÇô don┬┤t miss!

Zur Ausstellung erscheint das JMB Journal 2013/Nr. 8 und kann zu einem Preis von vier Euro erworben werden.

Die Ausstellung des J├╝dischen Museums Berlin entstand in Kooperation mit dem J├╝dischen Museum Hohenems und mit freundlicher Unterst├╝tzung der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin.

Im Blog des J├╝dischen Museums Berlin k├Ânnen Sie einen Blick hinter die Kulissen der Sonderausstellung unter www.jmberlin.de/blog werfen.

Ausstellungsdauer:
22. M├Ąrz bis 1. September 2013

Museumsticket: 7 Euro, erm. 3,50 Euro

Mehr Infos zur Ausstellung unter: www.jmberlin.de
J├╝disches Museum Berlin, Altbau
Lindenstr. 9-14
10969 Berlin




(Quelle: J├╝disches Museum Berlin)

Kultur Beitrag vom 21.03.2013 AVIVA-Redaktion 





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