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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 27.09.2014

Land der Wunder - Ein Film von Alice Rohrwacher. Kinostart 2. Oktober 2014
Helga Egetenmeier

Als originellster Wettbewerbsfilm in Cannes 2014 mit dem Gro├čen Preis der Jury ausgezeichnet, f├╝hrt Regisseurin und Drehbuchautorin Alice Rohrwacher in poetischen Bildern, verbunden mit...



... kurzen aggressiven Dialogen, zu einer abgelegen lebenden Bienenz├╝chterfamilie im l├Ąndlichen Umbrien.

Eigentlich sollte auf dem gro├čen, alten Bauernhof eine gl├╝ckliche Gemeinschaft wohnen, doch es will keine Harmonie aufkommen, vielleicht gab es sie auch noch nie. Die Familie steht kurz davor, ihre Lebensgrundlage zu verlieren, denn die Imkerei wirft nicht gen├╝gend ab, um die geforderten Investitionen einer neuen EU-Richtlinie umzusetzen.
Dazu kommt, dass der cholerische Vater seine vier T├Âchter ver├Ąngstigt und die schweigsame Mutter nur selten, fl├╝sternd oder franz├Âsisch sprechend, interveniert.

Der Verlust des Hofes w├Ąre jedoch auch eine M├Âglichkeit f├╝r die T├Âchter und ihre Mutter diesen arbeitsintensiven und freudlosen Ort verlassen zu k├Ânnen. Doch es ist ihr Zuhause, in dem es ebenfalls z├Ąrtliche Momente gibt, die selbst den tonangebenden Vater einschlie├čen.

Die ├älteste und gro├če Schwester

Der Mittelpunkt der Familie ist die ├Ąlteste Tochter Gelsomina. Von Kamera und Regie perfekt in Szene gesetzt und dabei wunderbar anzuschauen ist Maria Alexandra Lungu in ihrer ersten Filmrolle. Sie spielt ihre Figur der zwischen allen Familienmitgliedern stehenden ├Ąltesten Tochter und gro├čen Schwester mit einer markantern Ruhe und dezent eingesetzter Mimik.

Vom Vater als Nachfolgerin in die Imkerei eingef├╝hrt, erh├Ąlt sie bei seiner Abwesenheit die volle Verantwortung f├╝r die Honigproduktion. Diese Macht gegen├╝ber ihren Schwestern belastet sie zugleich, da jeder kleine Fehler den v├Ąterlichen Zorn hervorrufen kann. Als er des Geldes wegen den straff├Ąlligen und schweigsamen Jugendlichen Martin zur Re-Integration aufnimmt, muss die Vierzehnj├Ąhrige auch f├╝r ihn die Verantwortung ├╝bernehmen.

Blickwinkel und Orte

Die Kamera von H├ęl├Ęne Louvart verbirgt immer wieder und verf├╝hrt dazu, weiter als den Bildausschnitt sehen zu wollen, und dann, langsam, erlaubt sie endlich den verdeutlichenden Blick. Eine Insel, eine Grotte, die Bienenk├Ąsten und immer wieder der einsam gelegene Hof, sind gef├╝hlvoll eingefangen, die Bilder wirken weder laut noch gehetzt. Dennoch fehlt h├Ąufig die erkl├Ąrende Weite, so dass Orte und Gesten unklar bleiben und ein beklemmendes Gef├╝hl hinterlassen.

Gelsominas Kunstst├╝ck, aus der Enge ihres Mundes eine Biene heraus spazieren zu lassen, kennt nur der ihr langsam vertraut gewordene Martin. Um bei dem TV-Spektakel "Land der Wunder" das Preisgeld f├╝r ihre Imkerei zu gewinnen, wendet Gelsomina ihren Bienentrick an. Fast m├Âchte die ZuschauerIn zur├╝ckweichen und wird sich dabei erleichtert der Distanz durch die Kamera bewusst, doch die Biene scheint ungef├Ąhrlich, krabbelt in Gro├čaufnahme aus dem Mund und l├Ąuft ├╝ber das Gesicht.

AVIVA-Tipp: Es gibt sie noch, die Filme, in denen Sprache nicht dominiert, sondern verst├Ârt und minimale Dialoge fast ein Eingreifen provozieren. Alice Rohrwacher wagt sich mit ihrer Hauptdarstellerin Maria Alexandra Lungu in eine m├Ąrchenhafte Familiengeschichte, die patriarchale Sprachmacht gegen weibliche Sprachlosigkeit stellt und dennoch von der Sehnsucht nach einem sch├Ânen gemeinsamen Leben getragen wird. Keine einfache Kost und gerade deshalb bleibt sie nachhaltig.

Zur Regisseurin: Alice Rohrwacher wurde 1981 in Fiesole als Tochter eines deutschen Vaters und einer italienischen Mutter geboren und studierte in Turin und Lissabon. Sie wirkte 2005 als Drehbuchautorin, Kamerafrau und Cutterin bei dem Dokumentarfilm "Un piccolo spettacolo" von Pierpaolo Giarolo mit, 2006 realisierte sie ihren ersten Film als Regisseurin der Dokumentation "Checosamanca". Ihr Spielfilmdeb├╝t "F├╝r den Himmel bestimmt" wurde 2011 in Cannes gezeigt, sie erhielt daf├╝r den italienischen "Nastro d┬┤Argento" f├╝r die Beste Nachwuchsregie.

Zu den HauptdarstellerInnen:
Maria Alexandra Lungu
spielt bei "Land der Wunder" in ihrem ersten Film, vor zwei Jahren wurde sie als Elfj├Ąhrige im Casting daf├╝r ausgew├Ąhlt.
Alba Rohrwacher, geboren 1979 in Florenz und Schwester der Regisseurin, studierte Schauspiel in Rom. F├╝r "Tage und Wolken" erhielt sie 2008 den wichtigsten italienischen Filmpreis, den "Davidi di Donatello", als Beste Nebendarstellerin. Als Beste Hauptdarstellerin gewann sie ihn ein Jahr sp├Ąter f├╝r ihre Rolle in "Il Papa di Giovanna". Sie spielte 2009 an der Seite von Tilda Swinton in "I Am Love", 2010 war sie in "Was will ich mehr" auf der Berlinale zu sehen
Sam Louwyck, belgischer Schauspieler und T├Ąnzer, 1966 in Br├╝gge geboren, spielte u.a. in "Bullhead", der 2011 auf der Berlinale lief.

Zur Kamerafrau: H├ęl├ęne Louvart schloss 1985 am Pariser Louis-Lumiere Coll├ęge ihre Ausbildung ab sie f├╝hrte die Kamera, zusammen mit J├Ârg Widmer, bei Wim Wenders 3D-Film "Pina - tanzt, tanzt, sonst sind wir verloren" und war bereits bei Alice Rohrwachers Film "F├╝r den Himmel bestimmt" f├╝r die Kamera verantwortlich.

Auszeichnungen: Gro├čer Preis der Jury im Wettbewerb von Cannes 2014, CineVision Award des Filmfests M├╝nchen 2014

Land der Wunder
Le meraviglie
Italien, Schweiz, Deutschland 2014
Regie und Drehbuch: Alice Rohrwacher
Kamera: H├ęl├Ęne Louvart
DarstellerInnen: Maria Alexandra Lungu, Sam Louwyck, Alba Rohrwacher, Sabine Timoteo, Agnese Graziani, Luis Huilca Logono, Eva Morrow, Monica Belucci, u.a.
Verleih: Delphi
Laufl├Ąnge: 110 Minuten
Kinostart: 2.10.2014

Weitere Informationen unter:
www.landderwunder.de

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Kultur Beitrag vom 27.09.2014 Helga Egetenmeier 





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