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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 03.12.2017

Miss Kiet┬┤s Children. Kinostart 7.12.2017. Regie Petra Lataster-Czisch und Peter Lataster. Ausgezeichnet mit dem KINOKINO PUBLIKUMSPREIS DOK.fest M├ťNCHEN
Helga Egetenmeier

Miss Kiet bringt ihren Schulkindern nicht nur Rechnen und Schreiben bei, sondern auch gleich ihre neue, die niederl├Ąndische Sprache. F├╝r ein Jahr begleitete das renommierte Dokumentarfilmpaar Petra Lataster-Czisch und Peter Lataster die Sch├╝ler*innen der Willkommensklasse in einem kleinen holl├Ąndischen Dorf und schuf damit einen klugen Beitrag zur aktuellen Fl├╝chtlings- und Integrationsdebatte.



"In a primary school in a Dutch village Miss Kiet teaches a class of migrant children. Among them are refugees from war zones". Nach dieser kurzen Einblendung zu Beginn bleibt die Kamera nur noch Beobachterin. Kein weiterer Text und keine Stimme aus dem Off ordnet die Bilder ein, allein die Gespr├Ąche der Kinder untereinander und mit ihrer Lehrerin Miss Kiet liefern die inhaltliche Verortung.

Die Grundschullehrerin Kiet Engels ist eine Lehrerin, wie es sich Sch├╝ler*innen nur w├╝nschen k├Ânnen. Sie bringt den Kindern nicht nur geduldig Schreiben und Rechnen bei, sondern auch soziale Verhaltensweisen und eine neue Sprache. Dabei bleibt sie einf├╝hlsam und strukturierend und zeigt ihre Zuneigung f├╝r jede*n Einzelne*n.

Haya, Leanne und Jorj - Schulkinder und Fl├╝chtlingskinder

Im Klassenzimmer sind die Zuschauer*innen durch den Blick der Kamera immer auf Augenh├Âhe mit den zwischen sechs und zehn Jahre alten Kindern. Verst├Ąrkt ├╝ber den ruhigen Schnitt zwischen den langen Szenen wird so die Kinoleinwand zum Klassenraum. Darin konzentrieren sich die Filmemacher*innen auf die Portr├Ąts von drei Sch├╝ler*innen. Und so erh├Ąlt Miss Kiet, die immer mit anwesend ist, nur eine Nebenrolle, die jedoch keinesfalls ihre Arbeit schm├Ąlert.

Langsam lernen die Zuschauer*innen die drei Kinder kennen und k├Ânnen wahrnehmen, wie sie sich unterscheiden. Da ist die durchsetzungsf├Ąhige Haya, die der neu hinzugekommenen j├╝ngeren Leanne eigentlich helfen m├Âchte und sie damit jedoch in ihrer Freiheit beschneidet. Und da ist der einsam und aggressiv wirkende Jorj, der seinem j├╝ngeren Bruder kaum von der Seite weicht.

Haupts├Ąchlich im Klassenzimmer, jedoch auch w├Ąhrend der Pausen auf dem Hof, den Sportstunden und den ├ťbungen f├╝r eine Auff├╝hrung zeigt die Dokumentation die Kinder in Interaktion und beim Spielen. F├╝r Miss Kiet ist dabei der Pausenhof ein wichtiger Ort, an dem "ihre" Kinder die Dorfkinder treffen k├Ânnen. Dort bem├╝ht sie sich, ihnen ├╝ber die Sprachh├╝rde hinweg zu helfen, damit sie sich trauen, Kontakt aufzunehmen.

Das Dokumentarfilm-Ehepaar Petra Lataster-Czisch und Peter Lataster

"Miss Kiet┬┤s Children" erinnert an die beeindruckende dokumentarische Studie "Chamissos Schatten" von Ulrike Ottinger. Der Film tr├Ągt ebenfalls die Ruhe und Tiefe einer Langzeitbeobachtung, f├╝r das sich das Filmteam Petra Lataster-Czisch und Peter Lataster ein Schuljahr lang Zeit genommen hat. Fast zu kurz erscheint der Dokumentarfilm angesichts der ├╝berm├Ą├čigen L├Ąnge heutiger Blockbusterfilme, er h├Ątte sich gern noch eine Stunde mehr Zeit nehmen d├╝rfen.

Petra Lataster-Czisch und Peter Lataster arbeiten als Filmteam seit 1989 zusammen. Ihre seit 1991 fast j├Ąhrlich realisierten Filme - lange und kurze Dokumentarfilme, sowie Tanzfilme - wurden mehrfach international pr├Ąmiert. Zu den Aktuellen geh├Âren "The Need to Dance" (2014), der die Arbeit und den schwierigen Weg des fl├Ąmisch-marokkanischen Choreographen Sidi Larbi Cherkaoui zu einem weltweit bekannten T├Ąnzer dokumentiert und der 2013 erschienene "Awake in a Bad Dream", der drei Frauen, die an Brustkrebs erkranken, begleitet. 2012 fokussierten sie sich in "WE" auf den Blick und dessen Bandbreite: wie ein Vater sein Neugeborenes anschaut bis zum absch├Ątzenden Blick auf die Nase eines afrikanischen Menschen durch einen Wei├čen. "Jerome, Jerome" erschien 2011 als ein liebevolles, humanistisches Werk ├╝ber einen autistischen und geistig behinderten Jungen, dessen Alltag der Film zwei Tage lang ohne Kommentar begleitet. Davor erstanden bereits zw├Âlf weitere Dokumentationen des Filmpaares.

AVIVA-Tipp: "Miss Kiet┬┤s Children" ist ein herausragend unaufgeregter und erkenntnisreicher Dokumentarfilm ├╝ber die M├Âglichkeiten der Integration als Prozess, der nicht erzwingt und vereinnahmt, sondern versteht und vermittelt. Und auch ein Film f├╝r die Liebe zu den Kindern dieser Welt.

Auszeichnung
DOK M├╝nchen 2017: Publikumspreis

Zu dem Dokumentarfilmer*innenpaar Petra Lataster-Czisch und Peter Lataster
Die Autorin und Regisseurin Petra-Lataster-Czisch, geboren 1954 in Dessau und der Kameramann Peter Lataster, geboren 1955 in Amsterdam, bilden seit 1989 ein Filmteam.
2001 gr├╝ndeten sie ihre Produktionsfirma Lataster-Films. 2012 w├╝rdigte sie das International Documentary Filmfestival Amsterdam mit einer Retrospektive und das Niederl├Ąndische Institut f├╝r Bild und Ton brachte eine DVD-Box mit ihren s├Ąmtlichen Filmen heraus.
Petra Lataster-Czisch wuchs in der DDR auf, studierte Drehbuchschreiben und Filmwissenschaften und ging 1981 in die Niederlande. 1990 ver├Âffentlichte sie eine Sammlung von Lebenserinnerungen unter dem Titel "Eigentlich rede ich nicht gern ├╝ber mich - Lebenserinnerungen von Frauen aus dem Spanischen B├╝rgerkrieg 1936-1939". ├ťber einen Zeitraum von 25 Jahren machte sie 20 Filme. 1994 gewann sie die Auszeichnung als Best Dutch Feature Documentary auf dem Nationalen Filmfestival f├╝r ihren ersten Film "Tales of a River" ├╝ber die Ver├Ąnderungen des Lebens der Menschen nach der Wende in ihrer Geburtsstadt Dessau.

"Miss Kiet┬┤s Children" wurde mit dem KINOKINO PUBLIKUMSPREIS DOK.fest M├ťNCHEN 2017 ausgezeichnet.

Mehr Infos unter: www.latasterfilms.nl

Miss Kiet┬┤s Children
Originaltitel: De Kinderen van Juf Kiet
Niederlande 2016
Regie: Petra Lataster-Czisch und Peter Lataster
Kamera: Peter Lataster
Schnitt: Mario Steenbergen
Sprache: holl├Ąndisch, arabisch, UT: deutsch
Verleih: d├ęj├á-vu film
Laufl├Ąnge: 114 Minuten
Kinostart: 07.12.2017
Mehr Infos unter: www.dejavu-film.de

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Kultur Beitrag vom 03.12.2017 Helga Egetenmeier 





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