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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 24.06.2009

Alle Anderen
Anna Opel

Schonungslos nah zeigt der zweite Film der Regisseurin Maren Ade ein modernes Liebespaar beim schwierigen Balanceakt zwischen Hingabe und Selbstbehauptung. Birgit Minichmayr erhielt den Silbernen..



... B√§ren f√ľr ihr exzellentes Spiel

Liebe ‚Äď jenseits von Rollen

Dieser Film bannt durch seine differenzierte und immer fragende Darstellung einer Liebesbeziehung, in der beide Partner Liebe jenseits aller Rollenklischees suchen. Gitti (Birgit Minichmayr) gesteht Chris (Lars Eidinger) im gemeinsamen Urlaub immer wieder unpr√§tenti√∂s, scheu, ehrlich ihre Liebe. Sie braucht eine Antwort, bekommt sie aber nicht ‚Äď bis zum Blackout, der in einem Moment gr√∂√üter Spannung den Film beendet.
Beide Liebende sind dominant und nachgiebig, doch Gitti ist Chris in ihrer Klarheit und ihrem Selbstbewusstsein √ľberlegen. Die Spannung zwischen den beiden ist trotz sommerlicher Hitze und leichter Bekleidung nicht grob sexualisiert. Er grabbelt sie nicht an, sie bezirzt ihn nicht, konfrontiert ihn nicht mit ihrer Entt√§uschung, ihren Erwartungen. Keine gegenseitigen Besitzanspr√ľche, stattdessen Spiel, leichtf√ľ√üige Zitate, ernste Gespr√§che. Die Zuschauerin ist mittendrin, w√§hrend die beiden versuchen, sich kennen zu lernen und die Regeln und Rahmen eines m√∂glichen Miteinander ausloten.

Alles neu ‚Äď und doch bekannt

Unter der klugen und bed√§chtigen Regie Maren Ades wird der Abstand zwischen Individuum und Rolle fast sichtbar. Beide SpielerInnen zeigen sich in einzelnen Momenten r√ľckhaltlos offen dem Gegen√ľber, auch uns, dem Publikum. Die Grenzen zwischen Rolle und DarstellerIn werden thematisiert und gleichzeitig verwischt. Das beobachten zu k√∂nnen, ist in der emotionalen Intensit√§t schlicht umwerfend.
Erschreckend, die un√ľberbr√ľckbare Distanz zwischen zwei Personen, f√ľr die Liebe allenfalls eine wackelige Br√ľcke sein kann. Erschreckend auch, wie sich, trotz aller Reflexion und Bewusstheit, das Bild von der hingebungsvoll liebenden Frau und dem nach au√üen indifferenten m√§nnlichen Part wieder einstellt.

Die anderen als Katalysatoren

Ohne sich auf eine Handlung oder einen Plot zu st√ľtzen, gelingt der jungen Regisseurin Maren Ade das authentische Bild eines Paares aus der Kreativbranche. Das fragile Gleichgewicht zwischen den beiden ger√§t ins Wanken, als Chris einem ehemaligen Studienkollegen begegnet, der inzwischen Karriere gemacht hat. Der selbstgewisse Hans (Hans-Jochen Wagner) und seine, sich in ihrer Rolle als werdende Mutter pudelwohl f√ľhlende Sana (Nicole Marischka), bieten sich als Zerrspiegel und Katalysatoren der eigenen Identit√§tsthematik bestens an.

W√§hrend Gitti und Chris sich selbst und einander noch tastend suchen, haben Hans und Sana das Format ihres Beziehungslebens im st√§ndigen ironischen Rekurs auf traditionelle Rollen gefunden und grinsen aus ihren Schablonen heraus. Da k√∂nnen seine st√§ndigen machohafte Bemerkungen √ľber Kochk√ľnste ihrerseits gro√üz√ľgig weggekichert werden und jeder wei√ü allzu genau, wo er steht.
W√§hrend die selbstbewusste Gitti Hans¬ī g√∂nnerhaften Bemerkungen gegen√ľber ihrem Freund kritisiert, f√ľhlt Chris sich von dessen Selbstbewusstsein angestachelt, Selbstzweifel endlich √ľber Bord zu werfen und distanziert sich von Gitti. Sie versucht, sich an die neue Marschroute anzupassen und √ľberfordert sich dabei. Zwischen den Liebenden ger√§t einiges gef√§hrlich ins Rutschen.

Offensives Fragen

Der Schluss bleibt offen, Maren Ade l√§sst vieles ungesagt und unentschieden. Auch darin beweist sie Klugheit und eine sympathische Komplizenschaft mit ihrem Publikum. Sie wei√ü auch nicht mehr. Aber sie erz√§hlt eine offensiv fragende und anr√ľhrende moderne Liebesgeschichte. Der zum Niederknien nostalgische und dankenswerterweise v√∂llig unironisch eingesetzte Soundtrack (Cat Stevens! Herbert Gr√∂nemeyer!) spielt die dritte Hauptrolle.

AVIVA-Tipp: "Alle Anderen" ist stark in den glasklaren Dialogen, wie in den Szenen, in denen Ungesagtes zwischen den ProtagonistInnen vibriert. Die gro√üe N√§he zu den beiden HauptdarstellerInnen macht den Film zum √ľberw√§ltigend subtilen Portr√§t einer Generation, die √ľberholte Rollenbilder reflektiert und √ľberwiegend ablehnt. Das bleibt mutig und aufregend, weil sie offenkundig (noch?) keinen Ersatz an der Hand hat.

Der Film sowie Hauptdarstellerin Birgit Minichmayr wurden auf der diesj√§hrigen Berlinale mit zwei Silbernen B√§ren ausgezeichnet und auf dem Buenos Aires Filmfestival mit dem FIPRESCI KritikerInnenpreis sowie dem Preis f√ľr die Beste Regie geehrt.

Alle Anderen
Deutschland 2008
Buch und Regie: Maren Ade
DarstellerInnen: Birgit Minichmayr, Lars Eidinger, Hans-Jochen Wagner, Nicole Marischka
Verleih: Prokino
Lauflänge: 119 Minuten
Kinostart: 18. Juni 2009

Kultur Beitrag vom 24.06.2009 AVIVA-Redaktion 





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