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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 11.07.2009

Alter und Schönheit von Michael Klier, Ab 10. Juli 2009 auf DVD
Anna Opel

Drei MĂ€nner und eine Frau auf der Suche nach der verlorenen Zeit vertreiben sich dieselbe in melancholischer Leichtigkeit am Pool eines todkranken Freundes. Großes Kino!



Der drohende Krebstod eines Freundes bringt eine Gruppe versprengter Extremindividualisten nach langer Zeit am Krankenbett zusammen. Harry mit dem trockenem Humor (Henry HĂŒbchen), der sich zwischen Frau und Geliebter und sowieso nicht entscheiden kann, Justus (Burghart Klaußner), personifiziertes Kind im Mann, das allen gleich die neue Uhr mit dem ewigem Kalender zeigen muss und der sorgenvolle KĂŒmmerer Bernhard (Armin Rohde). Der todkranke Manni (Peter Lohmeyer) liegt schon halb entrĂŒckt in seinem edlen Hospiz unter herbstfarbener BettwĂ€sche, sein Lebenstraum, der silberne Ferrari steht verheißungsvoll vor der TĂŒr.

Wisst ihr noch, damals diese Nacht nach dem Unfall, gerade noch mal dem Tod entwischt, das war die schönste seines Lebens, sagt Manni zwischen lauter hilflosen Kontaktversuchen der Freunde. Mit ihnen hat er sie verbracht, ĂŒber die Zukunft redend, in der nun alle angekommen sind. Und sie sind erfolgreich, ĂŒberwiegend verheiratet mit Kindern, teilweise mit Geliebten ausgestattet – aber keineswegs glĂŒcklich. Sehnsucht nach dem echten und wahren GefĂŒhl ist geblieben, Hunger nach Euphorie, GrĂ¶ĂŸe, Geschwindigkeit.
Justus schenkt Manni gleich die neue Uhr, ihr ewiger Kalender wird ihn bald an einen anderen Ort geleiten. Im Diesseits hegt er einen letzten Wunsch: Rosi noch mal sehen, sich mit ihr versöhnen.

Aus dem Krankenzimmer entkommen sprinten die MĂ€nner zum Ferrari, um als erster den Platz am Steuer zu ergattern und schwĂ€rmen aus, die geheimnisvolle Schöne suchen. Zwischendurch schlagen sie ihr Lager in Mannis geschmackvollem Bungalow auf. Legen alte Platten auf. Jeder noch in seinem eigenen Film. Justus und Harry hantieren unentwegt mit dem Handy, Bernhard ĂŒberlegt, wie er Manni die letzten Tage schön machen, ihn nach Hause holen könnte.

In Michael Kliers neuem Film "Alter und Schönheit" kommt erst AtmosphĂ€re auf, als Rosi (Sybille Canonica), das heimliche Zentrum der Freunde, sich nach langem Zögern ĂŒberreden lĂ€sst, das zerknautschte Bett zu verlassen um ihrem Ex die letzte Ehre zu erweisen. Langsam und nicht zuletzt durch Rosis schweigsame, schmerzlich flĂŒchtige PrĂ€senz wird aus vier Leuten, die jeder fĂŒr sich die Möglichkeit von GlĂŒck aus den Augen verloren haben, so etwas wie ein Zusammenhang. Melancholische Leichtigkeit, ein Sinn fĂŒr die Magie der Gegenwart kommen auf. Und jeder zieht jetzt fĂŒr sich Bilanz des eigenen Lebens. Rosi streift auf der Suche nach ihren Erinnerungen durch das Anwesen und findet ihre Liebesbriefe an Manni.

Die FreundInnen lungern am Pool herum, schauen einen alten Film, in dem Manni seine verrĂŒckte Autoleidenschaft schildert. Bekifft und gelöst liegen sie irgendwann als KnĂ€uel auf Mannis Bett. Als Bernhards forsche Frau vorbeischaut, um nach dem Rechten zu sehen, rĂ€umt Bernhard beilĂ€ufig mit den Halbheiten seiner Existenz auf. Ob dieser Heldenmut ĂŒber die Ausnahmesituation im Schoß der Freunde hinaus Bestand haben wird?

Die StĂ€rke dieses Film liegt in einer seltsam spröden BrĂŒchigkeit, einer HintergrĂŒndigkeit, die weder die tödliche Krankheit als Thema hat, noch das verfehlte Leben, sondern den Mangel an Sinn und Gemeinschaft im Leben der sogenannten "Erwachsenen". Die Figur der Rosi bringt mit traurigen Blicken und federndem Gang einen Moment in die Gruppe, der Transzendenz ĂŒberhaupt erst ermöglicht. Deutlich ist zu spĂŒren, wie sich der Regisseur bemĂŒht hat, vor allem anderen den Moment des Innehaltens zu gestalten und zwar ohne jedes Pathos. In diesem Anliegen war er durchaus erfolgreich, manchmal vielleicht auf Kosten eines durchgĂ€ngigen Esprits. So hilflos, offen und frei die Freunde werden, als sie aus ihrem tĂ€glichen Tun gerissen sind, so richtungslos und trotzdem charmant wirkt manchmal die filmische ErzĂ€hlung.

AVIVA-Tipp: Ein ungewöhnlich epischer Film, der sich mit Starbesetzung, die durch unterspanntes, dabei hochdifferenziertes Spiel ĂŒberzeugt, von der BanalitĂ€t des Alltags abstĂ¶ĂŸt um mit heiterer Melancholie in ĂŒberzeitliche SphĂ€ren einzudringen. Immer wieder ĂŒberraschend und gut: wenn die leicht derangierte, schöne, zarte Sibylle Canonica als Rosi ihr Schweigen bricht, die samtene Stimme erhebt, um dann doch was zu sagen. Immer zu wenig und bis auf eine Ausnahme nie das, was die anderen hören wollen.

Alter und Schönheit
Deutschland 2007
Regie: Michael Klier
DarstellerInnen: Henry HĂŒbchen, Burghart Klaußner, Armin Rohde, Sibylle Canonica, Peter Lohmeyer
Laufzeit: 93 Minuten
X Edition
Verleih: Warner Home Video Germany. VÖ: 10. Juli 2009
Altersfreigabe: ohne
Bildformat: 16:9 (1,85:1), Tonformat/Sprache: Dolby Digital 5.1 – Deutsch, Untertitel: Englisch; Untertitel fĂŒr HörgeschĂ€digte: Deutsch
Bonusmaterial:
Audiokommentar von Regisseur Michael Klier, Kurzfilm "Ferrari", Interviews, Trailer

Mehr Informationen zum Film finden Sie unter:
www.alterundschoenheit.x-verleih.de

Kultur Beitrag vom 11.07.2009 AVIVA-Redaktion 





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