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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 23.02.2010

Ajami - ein Film von Yaron Shani und Scandar Copti
Nadja Grintzewitsch

Das Spielfilmdeb√ľt eines pal√§stinensischen Christen und eines israelischen Juden verkn√ľpft meisterhaft die Schicksale von f√ľnf jungen Menschen im multikulturellen Schmelztiegel von Tel Aviv-Jaffa.



Bereits mehrfach auf internationalen Festivals ausgezeichnet, war das Drama in 2010 auch f√ľr den Oscar nominiert. 65 L√§nder hatten in diesem Jahr einen Film in der Kategorie bester nicht englischsprachiger Film eingereicht. Mitglieder der Academy of Motion Picture Arts and Sciences haben daraus eine Shortlist ausgew√§hlt. F√ľnf Werke gingen ins Rennen um den wichtigsten Filmpreis der Welt. Leider wurde Ajami nicht ausgezeichnet.

In dem armen, haupts√§chlich arabisch gepr√§gten Viertel Ajami in Tel Aviv leben MuslimInnen, arabische ChristInnen, J√ľdinnen und Juden eng beieinander. Bereits in einer der ersten Szenen wird deutlich, wie angespannt die Situation ist, Gewaltausbr√ľche geh√∂ren zur Tagesordnung. Friedlich schraubt der etwa 15-j√§hrige Yahya an einem gelben Auto herum, als sich zwei M√§nner auf einem Moped n√§hern und ihn am helllichten Tag niederschie√üen. Er ist der erste Tote in einer blutigen Auseinandersetzung zwischen zwei verfeindeten Clans in Ajami. Es stellt sich heraus, dass Yahya nicht einmal in diesen Streit verwickelt war, sondern einer Verwechslung zum Opfer fiel. Der Mordanschlag galt dem 19-j√§hrigen Familienoberhaupt Omar (Shahir Kabaha), dessen Onkel den Fehdehandschuh warf, indem er einen Schutzgelderpresser erschoss.

Wieviel ist ein Menschenleben wert?

Verzweifelt l√§sst Omar ein Treffen mit dem m√§chtigen arabischen Gegnerclan organisieren. Unterst√ľtzt wird er hierbei von Abu Elias (Youssef Sahwani), einem einflussreichen pal√§stinensischen Christen, mit dessen Tochter Omar eine heimliche Liebesbeziehung hat. Tats√§chlich kommt eine Aussprache zustande, die in eine zivile Gerichtsverhandlung m√ľndet. Aus dieser Szene wird ersichtlich, dass es den Machern von "Ajami" vor allem darauf ankam, die Realit√§t zu dokumentieren. Das Gefeilsche um materielle Entsch√§digung wird genauestens dokumentiert: Der islamische Richter legt schlie√ülich ein Schuldgeld von 35.000 Dinar fest, welches Omars Familie als Preis f√ľr die Zeugungsunf√§higkeit des angeschossenen Schutzgelderpressers zahlen muss. Eine horrende Summe, die nicht aufzubringen ist und Omar in die Beschaffungskriminalit√§t abrutschen l√§sst.

Auch den 16-j√§hrigen Malek (Ibrahim Frege) besch√§ftigen immense Geldsorgen. Um die 75.000 Doller teure Knochenmarktransplantation seiner leuk√§miekranken Mutter zu finanzieren, arbeitet er als pal√§stinensischer Fl√ľchtling illegal in Abu Elias¬ī Restaurant. Herzergreifend die Szene, in der ihm die Bettl√§gerige per Videobotschaft zum Geburtstag gratuliert. Die Zeit dr√§ngt, denn seine Familie kann die Krankenhauskosten nicht l√§nger bezahlen. Guten Kontakt hat er zu seinem Arbeitskollegen Binj (gespielt von Regisseur Scandar Copti), der ungeachtet des Widerstandes seiner arabischen Freunde mit seiner israelischen Geliebten nach Tel Aviv ziehen m√∂chte. Binj pflegt enge Kontakte zur Drogenszene und besitzt die F√§higkeit, aus einem gew√∂hnlichen Apfel eine Bong zu basteln. Sein Bruder hat aus einer Lappalie heraus einen israelischen Juden erstochen und befindet sich auf der Flucht, nicht ohne ihm vorher 200 Gramm der Droge Crystal im Wert von 150.000 Schekel zu hinterlassen.

Nach einer durchzechten Nacht stirbt Binj, zun√§chst unter unbekannten Umst√§nden. Omar und Malek geraten mehr oder weniger per Zufall in den Besitz der Drogen und deren Verkauf scheint f√ľr sie das viel versprechende Ende aller Geldprobleme zu sein. Doch bei dem arrangierten Treffen mit zwielichtigen Gestalten in einem Parkhaus fallen unerwartet Sch√ľsse. Welche Rolle spielt dabei der von Rachegedanken geplagte israelische Polizeioffizier Dando (Eran Naim), der erst vor kurzem seinen ermordeten Bruder begraben musste?

Die Ereignisse √ľberschlagen sich, die Handlung wird aufgrund von unterschiedlichen Zeitebenen, R√ľckblenden und Perspektivwechseln immer un√ľbersichtlicher. Die Zersplitterung der Szenen wirkt hierbei gewollt, als sei es die einzige M√∂glichkeit, der vertrackten Situation gerecht zu werden. Dazu tr√§gt auch ma√ügeblich das konsequent hebr√§isch-arabische Sprachwirrwarr bei. Nach und nach erlangen die ZuschauerInnen den √úberblick wieder, vermeintlich bedeutungslose Szenen erhalten einen neuen Sinn. Die Aufl√∂sung dieses gordischen Knotens kommt symbolisch gesehen durch einen ebenso √ľberraschenden wie tragischen Schwerthieb zustande.

AVIVA-Tipp: "Ajami" ist eine Komposition aus Krimi und shakespeareschem Drama, vermengt mit einem Schuss Romantik und Familiengeschichte. Er h√§lt von Anfang bis Ende ein hohes Spannungsniveau und ist einer der hei√üesten Anw√§rter auf den Oscar. Besondere Authentizit√§t erlangt der Film durch die Auswahl von ortsans√§ssigen LaienschauspielerInnen, die in nur zehn Wochen auf ihre Rolle vorbereitet wurden. "Ajami" spiegelt einen Teil der israelischen Gesellschaft wider, der in der √Ėffentlichkeit sonst wenig Beachtung findet: T√ľr an T√ľr wohnende arabische Christen und Muslime.

Ajami
Israel/Deutschland 2009
Regie: Scandar Copti, Yaron Shani
DarstellerInnen: Shahir Kabaha, Ibrahim Frege, Fouad Habash, Ranin Karim, Eran Naim, Youssef Sahwani, Tami Yerushalmi u.a.
Verleih: Neue Visionen
DF und OmU (Arabisch und Hebräisch mit deutschen Untertiteln)
Lauflänge: 120 Minuten
Kinostart: 11. März 2010

Der Film im Netz: www.neuevisionen.de und www.ajami-film.de

"Ajami" ist eine israelisch-deutsche Koproduktion. Deutscher Produzent ist Thanassis Karathanos von der Twenty Twenty Vision. Gefördert wurde der Film vom medienboard Berlin-Brandenburg, dem World Cinema Fund und ZDF/arte.

Kultur Beitrag vom 23.02.2010 AVIVA-Redaktion 





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