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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 12.05.2010

Off and Running - An American Coming of Age Story
Nadja Grintzewitsch

Nicole Oppers neuestes Werk ist eine sensible Dokumentation ├╝ber die schwierige Identit├Ątsfindung einer 16-j├Ąhrigen Afro-Amerikanerin, die aufgrund ihrer Herkunft und ihrer unkonventionellen...





...Familienkonstellation in Zwiespalt mit sich selbst ger├Ąt.

Avery hat bereits mehrere Auszeichnungen f├╝r ihre herausragenden sportlichen Leistungen errungen. In einer der ersten Szenen sieht man die Protagonistin in ihrem Zimmer. Unz├Ąhlige Medaillen h├Ąngen an den W├Ąnden, Pokale stehen auf den Regalbrettern. Denn Averys gro├če Leidenschaft ist das Laufen - und so gewinnt sie einen Wettkampf nach dem anderen.

Auch Averys Familie ist alles andere als gew├Âhnlich. Als Kleinkind wird sie von Travis Cloud, einer j├╝disch-amerikanischen Architektin, adoptiert. Ihre Mutter lernt die israelische Emigrantin Tova Klein kennen und lieben, welche ihrerseits Adoptivsohn Rafi mit in die Beziehung bringt. Gemeinsam adoptiert das Paar noch ein weiteres Kind: Samuel, genannt Zay-Zay, ein drolliger Junge koreanischer Abstammung.

Diese Situation f├╝hrt dazu, dass Avery und ihre Geschwister mit zwei M├╝ttern aufwachsen. Ihre amerikanische Mutter nennt Avery "Mama", ihre israelische "Ima" - das hebr├Ąische Wort mit der gleichen Bedeutung. Liebevoll werden die Kinder von den beiden intelligenten, sanften Frauen aufgezogen und beh├╝tet. Die Familie bezeichnet sich selbst scherzhaft als die "United Nations", lebt nach j├╝dischem Brauch, z├╝ndet an Chanukka gemeinsam Kerzen an. Alles scheint harmonisch zu sein.

Doch Avery leidet darunter, dass sie die einzige Schwarze in ihrer Familie ist. Zwischendurch werden Klassenfotos ihrer j├╝dischen Grundschule eingeblendet, auf denen sie stets heraussticht. ├ťber die Adoptionsvermittlung nimmt sie schlie├člich Kontakt zu ihrer leiblichen Mutter auf. Sie erf├Ąhrt, dass sie vier Geschwister hat. Ihre beiden Adoptivm├╝tter unterst├╝tzen sie auf der Suche nach der eigenen Identit├Ąt, reagieren wie immer nachsichtig, geduldig.

Doch Avery wird von ihrer leiblichen Mutter erneut zur├╝ckgesto├čen. Diese antwortet nur sporadisch, meist mit monatelangen Pausen dazwischen, scheint sich f├╝r das Leben ihrer Tochter nicht zu interessieren. Als Averys gro├čer Bruder Rafi schlie├člich das Haus verl├Ąsst, um in Princeton zu studieren, verliert sie ihren engsten Vertrauten und kommt vom Weg ab. Sie beginnt, die Schule zu schw├Ąnzen und schl├Ąft immer ├Âfter au├čer Haus. Selbst das Laufen vernachl├Ąssigt sie. Schlie├člich bricht sie den Kontakt zu ihrer Adoptivfamilie v├Âllig ab und zieht zu ihrem Freund Prince. Ein Schwangerschaftstest endet mit einem positiven Ergebnis.

Als in New York die gleichgeschlechtliche Ehe erlaubt wird, sind Travis und Tovah eines der ersten Paare, welches sich trauen l├Ąsst. Ihr Sohn Rafi reist daf├╝r extra aus Princeton an, um die Hochzeit musikalisch auf der Gitarre zu untermalen. Lachend schreiben die Frauen nach dem Standesamt "married" auf die ungewaschenen, staubigen Fenster ihres Autos. Nur Avery fehlt: An der Hochzeit ihrer M├╝tter will die Pubertierende nicht teilnehmen. Pl├Âtzlich hat man weniger Mitleid mit der Protagonistin, als mit den gebrochenen Herzen um sie herum. Findet sie den Weg zur├╝ck?

Hintergrund

Produzentin Nicole Opper lernte Avery Klein-Cloud kennen, als sie einen Kurzfilm mit Sch├╝lerInnen einer j├╝dischen Grundschule drehte. Das M├Ądchen stach ihr sofort ins Auge - nicht nur als eine der wenigen afroamerikanischen Sch├╝lerInnen, sondern auch aufgrund ihrer warmherzigen Art und ihrer Ausstrahlung. Oppers Neugier wuchs ins Unermessliche, als sie Averys au├čergew├Âhnliche Familie kennen lernte. Als Lesbe, die selbst schon oft ├╝ber das Thema Adoption nachgedacht hatte, sah sie ihre Situation in Familie Klein-Cloud widergespiegelt.

Sechs Jahre nach der ersten Begegnung, als Avery alt genug war, die Komplexit├Ąt ihrer Gedanken und Erfahrungen ad├Ąquat auszudr├╝cken, begannen die Dreharbeiten. Diese liefen nat├╝rlich nicht ganz problemfrei ab. "I wasn┬┤t prepared for the complete meltdown that Avery had halfway through our filming together," erkl├Ąrt die Produzentin. "She moved out of her parents┬┤ house and stopped returning calls, and I feared for her safety. When I did manage to reconnect with her, we made a pact. We had started this project together and we would finish it together."

"Vielleicht werden sich einige fragen, was dieser Film mit Judentum zu tun hat",
erkl├Ąrt Nicola Galliner, Leiterin des Jewish Film Festival Berlin. "Es ist in erster Linie ein Film ├╝ber Identit├Ąten und der Suche nach sich selbst. Aber diese multikulturelle Familie, das Adoptieren dreier Kinder mit unterschiedlicher Herkunft, das ist echt j├╝disch!"

AVIVA-Tipp: "Off and Running" ist ein gro├čartiges Werk ├╝ber eine Patchworkfamilie besonderer Art, ├╝ber multikulturelle Identit├Ąten und nicht zuletzt auch die Identit├Ątsprobleme adoptierter Jugendlicher. Bleibt nur zu hoffen, dass er in Deutschland bald einen Verleih findet - oder zumindest demn├Ąchst auf DVD erscheint.

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Interview mit Ilil Alexander, der Regisseurin des Films "Keep Not Silent"

Du sollst nicht lieben - Einayim Pkuchot - Eyes Wide Open

I shot my love - Ein Film von Tomer Heymann

Off and Running
USA 2009 (OF)
Regie: Nicole Opper
Buch: Avery Klein-Cloud, Nicole Opper
DarstellerInnen: Avery Klein-Cloud, Tova Klein, Travis Cloud, Zay-Zay Klein-Cloud, Rafael Klein-Cloud
Verleih: noch kein Verleih
Laufl├Ąnge: 76 Minuten
www.offandrunningthefilm.com

Kultur Beitrag vom 12.05.2010 AVIVA-Redaktion 





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