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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 12.10.2010

Berliner Sommergef├╝hl - Yogi Tee statt Caipirinha
Isabell Serauky

Die AVIVA-Kolumne: Isabell Serauky wird an dieser Stelle in regelm├Ą├čigen Abst├Ąnden H├Âhen und Tiefen, Absurdit├Ąten, Liebensw├╝rdigkeiten und Aufreger der Hauptstadt schildern.



Kaum war es da, schwup die wup war es auch schon wieder weg. Das diesj├Ąhrige Sommerfeeling hatte die Haltbarkeit eines Sushi H├Ąppchens. Jeder noch so pessimistisch schwafelnde Wetterfrosch-Nerd traf letztlich ins Schwarze. Den paar hitzigen Momenten im Juli folgten apokalyptische Regenmassen und arktische K├Ąlteausl├Ąufer. Der September lie├č dann auch noch d├╝stere Erinnerungen an die furchtbare Eiszeit der Januar-Tage aufflammen. Keine, die nicht musste, verlie├č ihre schmucken vier W├Ąnde.

Ich liebe alles was Light ist. Aber diese Version des Sommers in der Magerstufe ├╝berforderte auch die sonnigsten Gem├╝ter.
Als ich dann auch noch, wie gew├Âhnlich im kalendarischen Sommer, ├╝ber Stiegen mit Spekulatius stolperte, traf mich dieses Mal nicht der Schlag. Es setzte vielmehr augenblicklich eine bedrohliche Wesensver├Ąnderung ein. Mit einer schier unertr├Ąglichen Gl├╝ckseligkeit blickte ich wohlwollend auf den w├╝rzigen Knabberspa├č. Ich raffte, soweit das in meiner wattierten Outdoor-Jacke ├╝berhaupt m├Âglich war, ordentliche Berge zusammen. Damit nicht genug, mit einer irritierenden Selbstverst├Ąndlichkeit schielte ich auch gleich nach dem passenden Fl├Ąschlein Heidelbeer-Gl├╝hwein. Nat├╝rlich rein biologisch produziert, versteht sich. Schlie├člich flie├čt nur noch das Beste vom Besten durch unsere Kehlen, nachdem wir die 30iger Schallgrenze gerissen haben.

Zum Gl├╝ck erwachte in diesem Moment des paranoiden Christmas-Taumels meine antrainierte Selbstzensur, erworben durch intensives Studium aller Lebenshilfeb├╝cher von A bis Z. Das ├ťber-Ich bewahrte mich davor, in teutonischen Fatalismus zu verfallen.

Verdammt. Der Sommer war da und niemand bekam auch nur die Chance auf einen Sonnenstich. Warum regt sich dar├╝ber eigentlich keine/r auf? Schw├╝le Hitze, gl├╝hende Sonnenbr├Ąnde, Klebenbleiben auf Plastikst├╝hlen, intensive Wahrnehmung jeglicher K├Ârperausd├╝nstungen - all das wollten wir haben. Der puren Leichtigkeit sollte Berlin erliegen: Nackter Fleischbeschau rund um die Uhr, Abh├Ąngen in den Schickimicki-Strandbars, L├╝mmeln auf den drei hundefreien Wiesen und genial mediterranes Chaos in den Stra├čenschluchten. Ich hatte auf ein kalendarisches Durchgl├╝hen meiner geordneten Welt gesetzt. Das dolce fare niente ist uns doch von Oktober bis April komplett wesensfremd. Nun aber wollten ich mit den ersten z├╝ngelnden Sonnenstrahlen, den Caipi umklammernd, dem Nichtstun fr├Ânen.

Aber n├╝scht da! Ohne Sommersonne kein dolce fare niente.
Die Medien, stets verl├Ąsslich in der schillernden Darstellung einer auch nur angehauchten Randgefahr einer Apokalypse, verharren an dieser Kaltfront im blanken Schweigen. Wenn das mal nicht System hat.
Ist dieses meteorologische Sommerloch gar ein Ablenkungsman├Âver von Schwarz-Gelb? Ganz nach dem Motto: Z├╝gellosigkeit ist aller Laster Anfang. Haben wir doch gerade ganz tapfer die Krise mit Schmackes gewuppt, da soll doch bittesch├Ân der Steuerrubel auch ordentlich rollen. Wie hinderlich w├Ąre es da, wenn alle massenhaft in mediterrane Agonie verfallen!?

Aber so leicht bekam mich auch dieser Sommer nicht klein. In omnipr├Ąsente rote Decken geh├╝llt, verbrachte ich manch klamme Stunde im Freien. Die ├Âkologisch unkorrekte Sehnsucht nach Heizpilzen wuchs ins Unermessliche. K├╝hne Gastronomen, von Imbissbuden bis Sterneschuppen, lie├čen sie dann im wonnigen Monat August aufgl├╝hen, dem drohenden Verwarnungsgeld zum Trotz.
Dennoch, der stets nach dem weihnachtlichen Schmaus einsetzende K├Ârperkult vom Trimmen in der Muckibude, ├╝ber das R├Âsten im Solarium bis zum Sado-Maso-Erlebnis Waxing - alles war verlorene Liebesm├╝h in diesem Jahr. Es gab praktisch keine Begegnung der menschlichen Spezies, die diesen Aufwand gerechtfertigt h├Ątte. Die magere Frequenz der humanen Outdoor-Kontakte im Berliner Sommer d├╝rfte mit denen Gr├Ânlands locker mithalten.

So ganz, ganz langsam sollte auch der gl├╝hend verehrte Landesvater Wowereit die Problemflut erkennen, nachdem sich der Sommer so nachhaltig vom Acker gemacht hat. Was machen wir k├╝nftig mit all den wunderbaren Parks und dem massenhaften Gr├╝n in der Stadt? Spielpl├Ątze nach strengsten p├Ądagogischen und ├Âkologischen Kriterien errichten? Fehlanzeige - wir bekommen ja unsere Kinder nicht mehr.

Also, alles in gigantische Hundeauslaufpl├Ątze ummodeln und damit ein weiteres einmaliges touristisches Highlight setzen? Berlin als Mekka f├╝r alle Hundefans: "Du und Dein Pudel. Taucht ab in den gr├╝nen Weiten der pulsierenden Metropole!" Das Kl├Ąffen der Marketingmaschinerie w├Ąre phantastisch. Zudem, welch zauberhafte Vorstellung: Gl├╝ckliche, schwanzwedelnde Vierbeiner aus allen Herren L├Ąnder w├╝rden unsere Stadt bev├Âlkern. Die Vorfreude ist kaum zu unterdr├╝cken.

Aber so viel Hoffnung ist nicht ├╝berall. Ganze Branchen kommen wegen der Fahnenflucht des Sommers ins Trudeln. Die sonst so hippen und smarten ModedesignerInnen geraten in fatale Sinnkrisen. Ihr kompletter kreativer Input f├╝r luftige Modelle ist f├╝r die Katz. Kurze, zarte Leibchen sind bei diesen Temperaturen bleierne Ladenh├╝ter. Damit muss so ein erfolgreicher Kreativer erst einmal fertig werden.

Aber das Sterben geht weiter. Was machen wir aus den so heimelig eingerichteten Solarien? Ohne die Vision, die athletisch geformten nackten Arme und Beine in der ├ľffentlichkeit zu pr├Ąsentieren, geht da doch keiner hin. Sind die so wunderbar parzellierten Bauten wenigstens als W├Ąrmestuben nutzbar? Und erst unser hei├čgeliebtes Waxing - f├╝nf Sommer dieser Art und niemand wei├č mehr, ob es sich dabei um ein Limonaden-Mix-Getr├Ąnk oder einen angesagten Club gehandelt hat. Was soll aus den Virtuosen des Hei├čwachses nur werden?

Fragen ├╝ber Fragen und keine Antwort in Sicht.
Doch eine letzte Hoffnung keimt in mir auf: Die Klimaerw├Ąrmung! K├Ânnte sie die Rettung bringen? So viel haben wir schon ├╝ber sie geh├Ârt, seit Jahren. Ewig angek├╝ndigt, doch vorbeigekommen ist sie nicht. Die wunderbar altmodische Tugend der Geduld ist hier mal wieder gefragt. Bis die Klimamutantin nun herein rauscht, werden wir in rote Decken geh├╝llt, Heizpilze umklammern und mit sonnigen Gem├╝t auf sie warten. Vielleicht kommt sie ja 2011. Idealerweise in der Zeit von Mai bis September. Ich k├Ânnte mir da ein wenig Zeit freischaufeln, zwischen den Terminen f├╝r den K├Ârperkult. Denn man wei├č ja nie ... Die Hoffnung stirbt bekanntlich zum Schluss.

Die Autorin Isabell Serauky ist in ihrem anderen Leben Rechtsanw├Ąltin und hat eine Kanzlei im Berliner Prenzlauer Berg.

N├Ąchstes Thema: Knackige Zwanzig - Wuchs zusammen, was zusammengeh├Ârt?

Kultur Beitrag vom 12.10.2010 AVIVA-Redaktion 





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