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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 20.07.2010

Das Konzert
Marie Heidingsfelder

Ja, es darf auch mal kitschig sein, aber nur, wenn der Film gleichzeitig so ber√ľhrend und sch√∂n ist, wie der neue Film von Radu Mihaileanu, dem Regisseur von "Zug des Lebens" und "Geh und Lebe".



Moskau in den Achtziger Jahren: Der Dirigent Andrei Filipov f√ľhrt sich und das Bolschoi-Orchester mit herausragenden Inszenierungen zu Weltruhm. Doch als der "Maestro" sich weigert, die j√ľdischen MusikerInnen aus dem Ensemble zu werfen, f√§llt er in Ungnade: Seine Tschaikowski-Konzerte werden immer wieder per staatlichem Eingriff abgebrochen und schlie√ülich findet er sich von der kommunistischen Regierung zum Hausmeister degradiert und gedem√ľtigt. Seine Kollegen teilen dieses Schicksal und halten sich nun als Umzugshilfen, TaxifahrerInnen, Stra√üenmusikerInnen, Handyverk√§uferInnen oder bezahlte DemonstrantInnen m√ľhsam √ľber Wasser.

In den ersten Minuten des Films erlebt man Andrei als gebrochenen Mann, der seine Schuldgef√ľhle, Entt√§uschung und Depressionen regelm√§√üig in Alkohol ertr√§nkt. Doch eines Tages f√§llt ihm, w√§hrend er das B√ľro des Direktors reinigt, zuf√§llig ein Fax des Pariser "Theatre du Ch√Ętelet" in die H√§nde: Der dortige Direktor Olivier Morne Duplessis l√§dt das Bolschoi-Orchester zu einem Konzert ein.
Spontan steckt Andrei das Fax ein und löscht die dazugehörige e-Mail. Einer fixen Idee folgend entschließt er sich, das Orchester in seiner alten Besetzung wieder aufleben zu lassen und anstelle des Jetzigen in Paris zu spielen. Kein leichtes Unterfangen, denn den ehemaligen Stars der russischen Konzertszene fehlt nicht nur die Spielpraxis, sondern oft auch ihre Instrumente - Zumal viele nicht ein weiteres mal von Andrei enttäuscht werden wollen. Es beginnt ein rasanter Wettlauf gegen die Vorbehalte der KollegInnen, die Barrieren der russischen Verwaltung, die tickende Zeit und die Vernunft...

Ja, aber...
Nach "Zug des Lebens" und "Geh und Lebe" ist Radu Mihaileanu mit dieser Kom√∂die ein weiteres mal ein gef√ľhlvoller, tiefsinniger und mitrei√üender Film gelungen. Neben Alexe√Į Guskov bezaubern besonders M√©lanie Laurent, die 2007 den C√©sar als beste Nachwuchsdarstellerin gewann, als junge Solistin und Miou-Miou als ihre Agentin. "Das Konzert" lockte in Frankreich nicht nur mehr als zwei Millionen BesucherInnen in die Kinos, sondern geh√∂rt mit zwei ‚ÄěC√©sars" - f√ľr Musik und Ton - auch zu den Gewinnern der diesj√§hrigen Preisverleihung.
D√ľrfte der Verstand tyrannisch allein entscheiden, w√§re dieser Erfolg zweifelhaft: Radu Mihaileanu l√§sst sich am Ende doch widerstandslos vom Kitsch verf√ľhren, bei fast zwei Stunden Laufzeit hat der Film einige L√§ngen, der Humor gleitet ab und zu auf Slapstick-Niveau und die Personendarstellung rutscht mit und landet im Klischee.
Aber sp√§testens im gro√üen Finale dankt der Verstand widerspruchslos ab und √ľberl√§sst dem Herz das Feld. Zu den Kl√§ngen der gro√üartigen Musik und in der Atmosph√§re des Pariser "Chatelet" gibt man sich nur zu gerne der Suche nach "absoluter Harmonie" hin - und dem Kitsch.

AVIVA-Tipp: "Das Konzert" ist wie eine Fahrt mit der Achterbahn: Man fiebert mit, die Emotionen fallen und steigen, es kribbelt im Bauch, man lacht und weint - und wei√ü heimlich immer schon, dass alles gut wird. Nat√ľrlich ist die Handlung unwahrscheinlich - Katharsis und Zufriedenheit aber nicht.

Zum Regisseur: Radu Mihaileanu wurde 1958 in einer j√ľdischen Gemeinde in Bukarest geboren. Sein Vater war w√§hrend des zweiten Weltkriegs aus einem Konzentrationslager geflohen und floh 1980 aus Rum√§nien, lebte einige Jahre in Israel und zog schlie√ülich nach Frankreich, wo er sein Filmstudium begann. Er bezeichnet sich selbst als "bikulturell", sowohl rum√§nisch als auch franz√∂sisch. Gleichzeitig zieht sich die Auseinandersetzung mit dem Judentum wie ein roter Faden durch seine Filme. International ber√ľhmt wurde Radu Mihaileanu 1998 mit seinem zweiten Kinofilm "Zug des Lebens", der von einem j√ľdischen Dorf erz√§hlt, dessen BewohnerInnen w√§hrend des zweiten Weltkriegs einen Deportationszug herstellen, sich als Nazis verkleiden und so versuchen, nach Pal√§stina zu fliehen. Er gilt als Garant f√ľr au√üergew√∂hnliche Geschichten und gef√ľhlvolle Inszenierungen.

Das Konzert
Frankreich, Italien, Belgien, Rumänien 2009
Buch und Regie: Radu Mihaileanu
DarstellerInnen: Francois Berléand, Mélanie Laurent, Miou-Miou, Lionel Abelanski, Roger Dumas, und andere
Verleih: Concorde
Lauflänge: 119 Minuten
Kinostart: 29. Juli 2010
www.konzert-derfilm.de


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Geh und Lebe

Kultur Beitrag vom 20.07.2010 Marie Heidingsfelder 





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