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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 26.11.2010

Habermann - Ein Film von Juraj Herz
Evelyn Gaida

Der slowakisch-j├╝dische Regisseur ├╝berlebte die Inhaftierung in den Konzentrationslagern Sachsenhausen und Ravensbr├╝ck. Trotz dieses verheerenden Erlebnishintergrunds greift er in seinem Drama ...



... "Habermann" die Vertreibung von 3 Millionen Deutschen aus dem Sudetenland zum Ende des Zweiten Weltkrieges auf.

Ein in Schweigen geh├╝llter Teil deutsch-tschechischer Geschichte wird von Juraj Herz filmisch angegangen, ohne die Verbrechen der Nazis abzumildern oder eine Gleichsetzung zu betreiben. "Ich h├Ątte das auf einer wahren Begebenheit beruhende Drehbuch niemals mit einem deutschen Regisseur verfilmt", sagt Hauptdarsteller Mark Waschke im Interview mit NWZ Online. Die ZuschauerInnen werden in der Verfilmung jedoch mitten in den Tumult sich ├╝berschlagender Ereignisse katapultiert, deren weitgehend unbekannter historischer Hintergrund undurchsichtig bleibt. Derweil fungieren die Charaktere vornehmlich als Demonstrationsfiguren und rufen aus diesem Grund wenig menschlichen Bezug hervor. Die gezeigte Brutalit├Ąt ersch├╝ttert dennoch unausweichlich.

In tschechisch-deutsch-├Âsterreichischer Koproduktion wird das Drama frei nach Josef Urbans Roman "Habermanns M├╝hle" erz├Ąhlt, au├čerdem lose an die tats├Ąchliche Vorgeschichte eines Mordprozesses gekn├╝pft. Die Handlung kreist um August Habermann (Mark Waschke), erfolgreicher Betreiber eines S├Ągewerks und einer M├╝hle im Sudetenland, die sich seit mehreren Generationen im Besitz seiner Familie befinden. Er besch├Ąftigt haupts├Ąchlich TschechInnen, das Verh├Ąltnis zueinander ist von gegenseitiger Wertsch├Ątzung und Unterst├╝tzung gepr├Ągt. Sein pers├Ânliches Gl├╝ck findet Habermann in der Heirat mit der Tschechin und Halbj├╝din Jana (Hannah Herzsprung). Der Trauzeuge und beste Freund des Br├Ąutigams, Jan Brezina (Karel Roden), ist ebenfalls Tscheche und wiederum mit einer Deutschen (Franziska Weisz) verheiratet.

Als die Nazis im Sudetenland einmarschieren, ger├Ąt das friedliche Zusammenleben von Deutschen und TschechInnen in Habermanns Dorf aus den Fugen. Eine Spirale der Korruption, Intrigen, des Opportunismus und der Gewalt wird unaufhaltsam in Gang gebracht. Vom Regime unter Druck gesetzt, versucht Habermann gleichzeitig, seine Angestellten und FreundInnen zu sch├╝tzen, die zum Teil dem tschechischen Widerstand angeh├Âren. Die ZuschauerInnen erfahren dabei sehr wenig ├╝ber die Charaktere, deren Dienst darin besteht, als sorgf├Ąltig austarierte "Stellvertreter" die `Geschichte┬┤ voranzutreiben. Letztere erscheint auf diese Weise jedoch als kulissenhafte historische B├╝hne. Habermanns j├╝ngerer Bruder Hans (Wilson Gonzalez Ochsenknecht) schlie├čt sich begeistert den Nazis an und zieht in den Krieg, bleibt sonst aber gesichtslos. Etwas plastischer ger├Ąt Sturmbannf├╝hrer Koslowski (Ben Becker), dessen Sadismus und zynisches Profitstreben als Antrieb offen zutage treten. Nicht als "verstaubten Zinnsoldaten" habe er ihn darstellen wollen, sagte Ben Becker bei der Berliner Premiere ├╝ber seine Rolle, sondern als Gesch├Ąftsmann, der ├╝ber Leichen geht. Man m├╝sse auch an die Zeit nach dem Krieg denken, merkt Koslowski niedertr├Ąchtig an und l├Ąsst sich die Schonung des Lebens von zehn tschechischen B├╝rgern mit Habermanns Familienschmuck bezahlen. Zehn andere werden dennoch hingerichtet. Als die Kapitulation der Wehrmacht bevorsteht, trifft Koslowski rechtzeitig Vorkehrungen, sich nach Argentinien abzusetzen, und entledigt sich ├╝bergangslos seines Titels.

Jana (Hannah Herzsprung) k├Ąmpft um ihre Tochter Melissa ┬ę farbfilm verleih


Die restliche deutsche Bev├Âlkerung wird unter brutalen Misshandlungen aus dem Dorf gejagt, Habermann von seinen fr├╝heren tschechischen Angestellten zu Tode gefoltert. Seine Frau Jana, die als Halbj├╝din von den Nazis mit der gemeinsamen Tochter verschleppt worden war, wird in ihrem Heimatort nun als "deutsche Schlampe" gepr├╝gelt und vertrieben.

AVIVA-Tipp: Trotz der konstruierten Inszenierung f├╝hrt Regisseur Juraj Herz in ersch├╝tternder Weise die Ungerechtigkeit pauschaler Verurteilung und deren grausame Folgen vor Augen. Das Erlebnis der Vertriebenen und historische Zusammenh├Ąnge bleiben dabei jedoch im Hintergrund des blo├č plakativ Kulissenhaften.

Zum Regisseur: Juraj Herz arbeitete in den unterschiedlichsten Genres: Er inszenierte Musicals, Kammerspiele und Literaturadaptionen sowie M├Ąrchenfilme. Inzwischen arbeitet Herz f├╝rs Fernsehen, arrangiert aber auch Spielfilme und Theaterinszenierungen. Seine Karriere begann der heute 76-j├Ąhrige in Prag, wo er an der Akademie der Sch├Ânen K├╝nste Fotografie und Puppenspiel studierte. Nach einem weiteren Studium der Regie und des Schauspiels begann Herz seine Laufbahn am Theater Semafor. 1961 f├╝hrte ihn eine Regieassistenz zu den Prager Barrandov Filmstudios, die ihm 1965 sein Regiedeb├╝t mit dem Kurzfilm DIE GESAMMELTEN ROHEITEN erm├Âglichten. F├╝r EINE STANDESGEM├äSSE EHE war er 1972 f├╝r die Goldene Palme in Cannes nominiert, mit EIN TAG F├ťR MEINE LIEBE 1977 f├╝r den Goldenen B├Ąren in Berlin. Dreimal wurde er mit dem Bayerischen Filmpreis f├╝r die Beste Regie ausgezeichnet, im Jahr 2009 f├╝r HABERMANN.

Habermann
Tschechisch/deutsch/├Âsterreichische Koproduktion 2010
Regie: Juraj Herz
Buch: Wolfgang Limmer nach dem Roman "Habermanns M├╝hle" von Josef Urban
DarstellerInnen: Mark Waschke, Karel Roden, Hannah Herzsprung, Ben Becker, Wilson Gonzalez Ochsenknecht, Franziska Weisz u.v.a.
Verleih: farbfilm
Laufl├Ąnge: 104 Minuten
Kinostart: 25. November 2010

Weitere Informationen finden Sie unter:

www.habermann-film.de

www.farbfilm-verleih.de

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