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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 31.12.2010

Pornografie und Holocaust. Ein Film von Ari Libsker
Claire Horst

Nicht nur das Land der T√§terInnen tut sich schwer mit der Aufarbeitung des Holocaust. Auch in Israel, wo Anfang der f√ľnfziger Jahre die H√§lfte der EinwohnerInnen √úberlebende waren, gab es zun√§chst...



... kaum eine öffentliche Auseinandersetzung mit der Shoa.

Zu schmerzhaft war die Erinnerung. Dieser Verdr√§ngungsmechanismus f√ľhrte so weit, dass √úberlebende sich nach ihrer eigenen moralischen Integrit√§t fragen lassen mussten - was hatten sie getan, um ihre Haut zu retten? Das geht aus den Interviews hervor, die der israelische Filmemacher Ari Libsker f√ľr seine Dokumentation gef√ľhrt hat.

Erst 1961 ermöglichten zwei Ereignisse eine erste Annäherung an diesen zentralen Teil der Geschichte: der Beginn des Prozesses gegen Adolf Eichmann und das Erscheinen von "Stalag 13", dem ersten einer Reihe von pornografischen Groschenromanen. Deren Geschichte geht Libsker in Interviews mit Sammlern, KulturhistorikerInnen und Autoren nach.

In den "Stalags" stand meist ein amerikanischer Offizier im Mittelpunkt, der in Kriegsgefangenschaft geriet und von "SS-Offizierinnen" gefoltert und vergewaltigt wurde. Die Darstellung der Frauen ist immer die gleiche: gro√übr√ľstige Blondinen in Uniform, die zugleich aggressiv und sexuell anziehend sind. Die Handlung gipfelt in der √úberw√§ltigung und Ermordung der Frau durch das Opfer. Dass es keineswegs Konzentrationslager waren, in denen die Handlung angesetzt war, dass die Protagonisten amerikanische Soldaten waren statt j√ľdischer H√§ftlinge, macht deutlich, wie tabuisiert die Auseinandersetzung mit der Geschichte noch war.

Die ungeheure Popularit√§t der "Stalag"-Groschenromane (schon das erste Heft wurde 80.000mal verkauft) ist einerseits Folge der Verdr√§ngung. Andererseits sind die Hefte mit daf√ľr verantwortlich, dass Sexualit√§t und Gewalt in den Nazilagern im israelischen kollektiven Ged√§chtnis bis heute miteinander verkn√ľpft sind.

Im konservativen Israel, in dem sexuelle Aufkl√§rung ebenso wenig stattfand wie die Aufkl√§rung √ľber den Holocaust, kamen in den 60er Jahren zwei Ebenen zusammen: Zum ersten Mal hatten Jugendliche die M√∂glichkeit, erotische Literatur zu konsumieren, und zum ersten Mal erfuhren sie von der Gewalt in den Lagern. Wie beliebt die Hefte tats√§chlich waren, zeigt ein Ausschnitt aus dem bekannten Spielfilm "Eis am Stiel", in dem ein Protagonist ein "Stalag"-Heftchen liest.

Die sexuelle Komponente der Erinnerung an die Shoa zeigt Libsker auch auf einer anderen Ebene auf: So sind die Romane des "Stalag"-Autors und Holocaust-√úberlebenden K.Zetnik bis heute Schullekt√ľre - "Das Haus der Puppen" etwa thematisiert die "Feldhuren", j√ľdische Prostituierte in den Konzentrationslagern. Ihre Existenz ist nicht historisch belegt, dennoch sind sie Teil des kollektiven Ged√§chtnisses. Der Holocaust war schlimm genug, auch ohne den Vorwurf an √ľberlebende Frauen, sich prostituiert zu haben, sagt eine Historikerin im Film.

Parallel dazu erm√∂glicht die Identifikation mit dem Helden der Hefte den m√§nnlichen Lesern das Ausleben eigener Rachefantasien. So erz√§hlt ein junger Mann von seiner Beziehung zu einer Deutschen: "Der Gedanke an diese nichtj√ľdische Deutsche erregt mich so, dass ich sie im Namen der sechs Millionen ficke. Und zwar so, dass ich sie von hinten ficke oder Gewalt anwende. Das macht mich an. Und es macht sie an." Dabei denke er an den Gro√üvater seiner Freundin, einen SS-Offizier.

Der Film zeigt zum einen, dass die fiktive Handlung der Hefte bis heute Einfluss auf die Wahrnehmung des Holocaust hat. Dass es sich keineswegs um authentische Erinnerungen amerikanischer Kriegsgefangener handelt, dass die Autoren √úberlebende waren, die unter englischem Pseudonym schrieben, nehmen LeserInnen bis heute nicht an.

Zum anderen wirft Libsker Fragen auf, die er nicht direkt beantwortet. Welche Folgen hat es auf die sexuelle Entwicklung einer ganzen Generation, wenn erste sexuelle Erlebnisse mit Gewalt und Scham, Rache und Unterwerfung verkn√ľpft sind? Was bedeutet es f√ľr den Umgang mit der Shoa, wenn Opfer zu T√§terInnen gemacht werden, weil immer die Frage nach ihrer T√§terschaft als Kapo oder Prostituierte im Raum steht? Wie sind Fantasien von sexueller Macht √ľber Frauen und der Wunsch nach Rache an den T√§terInnen verkn√ľpft?

Unterschwellig verr√§t der Film einiges √ľber das Frauenbild der Leser, die bis heute kein Problem mit ihren sexuellen Fantasien haben. Ein alter Mann behauptet, er w√§re als H√§ftling nicht aus dem Lager geflohen, selbst wenn es m√∂glich gewesen w√§re. "Ich wollte dort sein, mit der Aufseherin, der Offizierin. Mit ihr schlafen, sie lieben und sie als Frau sp√ľren. Ich sah sie nicht als Nazis, f√ľr mich waren sie Frauen."

AVIVA-Tipp: "Pornografie und Holocaust" verstört und irritiert. Dieser in Deutschland weitgehend unbekannte Teil der israelischen Populärkultur verdeutlicht die Unmöglichkeit, die Shoa "aufzuarbeiten".

Zum Regisseur: Ari Libsker wurde in einem orthodoxen Kibbuz im Norden von Israel geboren. Er ist Finanzjournalist und Dokumentarfilmer. Weitere Filme sind "Circumcision" √ľber die Auswirkungen der Beschneidung auf die Sexualit√§t und "The Home Porn" (2006). Er ist Mitbegr√ľnder der "free academy", die im Jahr 1990 von israelischen K√ľnstlerInnen und Intellektuellen ins Leben gerufen wurde. Libsker ist auch als Mitherausgeber der Zeitschriften Maayan und Maarvon.

Weitere Infos zum Film unter www.stalags.com

Pornografie & Holocaust
Israel 2008, 63 min
Verleih: Moviemento
bundesweiter Kinostart: 30.12. 2010
Regie: Ari Libsker, Produzent: Barak Heymann, Co-Produzent: Ari Libsker, Drehbuch: Ari Libsker, Kamera: Uri Levi, Dror Lebendiger, Schnitt: Morris Ben-Mayor
mit Eyal Liani, Ami Maoz, Dan Newman, Ronit Yedaya, Oded Yedaya, Eli Eshed, Nitsa Ben-Ari, Jonathan Ben-Nachum, Uri Aloni, Eli Keidar, Ezra Narkis, Miryam Uriel, Isaac Noodleman, Nachman Goldberg, Isaac Guttman, Victoria Ostrovsky Cohen, Uri Avneri, Ezekiel Adiram, Prof. Omer Bartov, Ruth Bondy, K. Zetnik, Prof. Dan Miron, Jechiel Scheontoch, Naama Chic, Michael Gross, Sarah Blau, Carmella Meroz

Termine der Kinovorstellungen unter: www.moviemento.de

Kultur Beitrag vom 31.12.2010 Claire Horst 





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