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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 20.04.2011

Das Hausmädchen - Ein Film von Im Sang-soo
Kristina Auer

Das packende Remake des gleichnamigen s√ľdkoreanischen Filmklassikers von Kim Ki-young aus dem Jahr 1960 thematisiert ebenso gesellschaftliche wie sexuelle Machtverh√§ltnisse und pr√§gt sich durch...



...opulente Bilder tief in das Bewusstsein ein.

√úberall bunte Lichter, Ger√§usche, Ger√ľche. Frische Speisen werden zubereitet und zum Verkauf angeboten, Menschen schweifen umtriebig umher. Vom Balkon eines Hochhauses in schwindelerregender H√∂he betrachtet eine junge Frau das fr√∂hliche Getummel der Menschen zwischen L√§den und Restaurants. Sie nimmt einen tiefen Atemzug. Dann springt sie.

Der Prolog von "Das Hausmädchen" antizipiert durch den Selbstmord einer Unbekannten auf dramatische Weise das Ende einer tragischen Geschichte und weist gleichsam, indem alles bereits zu Beginn feststeht, auf die Ausweglosigkeit eines nicht zu verhindernden Schicksals hin.

Die junge Eun-yin stammt aus bescheidenen Verh√§ltnissen. Als sie von der reichen Familie Goh als neues Hausm√§dchen eingestellt wird, sieht es zun√§chst so aus, als sei das Gl√ľck auf ihrer Seite. Sowohl die hochschwangere Hausherrin Hae-ra als auch ihr Gatte, der Gesch√§ftsmann Hoon, begegnen ihr zwar reserviert aber freundlich. Schnell findet sich Eun-yi in den neuen Verh√§ltnissen zurecht und k√ľmmert sich liebevoll um die siebenj√§hrige Tochter Nami.

Doch ihre Attraktivit√§t und ihre Leichtgl√§ubigkeit werden Eun-yi zum Verh√§ngnis. Hoon, der es seit jeher gewohnt ist, alles zu bekommen was er will, findet Gefallen an seiner neuen Bediensteten und verf√ľhrt sie zu erotischen Eskapaden. Der √§lteren Hausangestellten Byung-sik entgeht die Aff√§re nicht. Sie ist au√üerdem diejenige, die bei Eun-yi noch vor ihr selbst die Anzeichen einer Schwangerschaft erkennt. Weil Byung-sik die naive Eun-yi um ihre unschuldiges Wesen und die Leichtigkeit, mit der sie ihre Arbeit verrichtet, beneidet, informiert sie Hae-ras b√∂sartige Mutter √ľber die Aff√§re und die Schwangerschaft. Nachdem diese auch ihre Tochter von den Geschehnissen in Kenntnis gesetzt hat, beschlie√üen beide, die Geburt des Kindes um jeden Preis zu verhindern.

Hierarchien und Gesellschaftskritik

Schon im Filmplakat von "Das Hausmädchen" werden unmissverständlich die ungleichen Machtverhältnisse deutlich, das Oben und Unten, von denen der Film handelt. Der Thriller von Regisseur Im Sang-soo ist damit in erster Linie auch ein sozialkritischer Film.

W√§hrend das Original von 1960 sich noch um eine Mittelstandsfamilie drehte, spielt das moderne "Hausm√§dchen" im superreichen Milieu einer dekadenten und gef√ľhlskalten Oberschicht, f√ľr die Status und Besitz mehr z√§hlen als das Wohlergehen der Menschen in ihrem Umfeld. Sang-soo √ľbt scharfe Kritik an dieser Schicht und vor allem an deren √ľberm√§chtiger Kontrolle der Gesellschaft, die sich am Schicksal von Eun-yi erkennbar macht, indem er besonders deren emotionale K√§lte und Skrupellosigkeit verdeutlicht: Uniformiert in dunklen Wollm√§nteln und mit geradlinigen Schritt wirken die Mitglieder der Familie einschlie√ülich der kleinen Tochter Nami wie SoldatInnen, die lediglich funktionieren und wenig Lebendiges an sich haben. Diese Leblosigkeit spiegelt sich ebenfalls in der Atmosph√§re des Hauses wider, die von K√§lte und seinen wortkargen BewohnerInnen gepr√§gt ist. Lediglich Hoons virtuoses Klavierspiel durchbricht dann und wann die unheimliche Stille.

Auch das Verhalten der Familienmitglieder ist aussagekr√§ftig: Hoon, der seiner Ehefrau gegen√ľber nicht die geringste Reue empfindet und der von ihm, durch ihn ausgenutzten Eun-yi am Ende sogar Undankbarkeit vorwirft, wird nur noch von seiner hinterh√§ltigen Schwiegermutter √ľbertroffen, die das schwangere Hausm√§dchen erst von einer Leiter st√∂√üt und, als dies nicht die erw√ľnschte Wirkung erzielt, kurzerhand zu noch drastischeren Ma√ünahmen greift.

Doch Sang-soo thematisiert in seinem Film nicht nur soziale Ungleichheiten, er denunziert auch die sexuelle Hierarchie zwischen M√§nnern und Frauen. Diese zeigt sich zun√§chst in der unterw√ľrfigen Haltung der Bediensteten, die in Hoons Anwesenheit stets den Blick gesenkt halten. Hinzu kommt die Hilflosigkeit, mit der Eun-yi zun√§chst die Avancen ihres Arbeitgebers √ľber sich ergehen l√§sst, bevor sie sich allerdings mit voller Leidenschaft in die Aff√§re st√ľrzt und sich damit an ihrem eigenen Verderben beteiligt.
F√ľr die betrogene Ehefrau Hae-ra ist Unterwerfung zur √úberlebensstrategie geworden, Reichtum und Macht lauten die Maximen, welche ihr best√§ndig von ihrer Mutter eingetrichtert wurden.
Eun-yi dagegen weigert sich, derart opportunistisch zu handeln und sich nur um ihren eigenen Vorteil zu bem√ľhen. Stattdessen bleibt sie stets ihren √úberzeugungen treu. F√ľr Im Sang-soo ist sie deshalb die einzige (weibliche) Figur des Film, die sich nicht zur Sklavin degradieren l√§sst.
Dass diese Charakterz√ľge so √ľberaus deutlich werden, ist nicht zuletzt Jeon Do-youns herausragendem Spiel zu verdanken. Mit Leidenschaft verk√∂rpert sie das kindlich-unschuldige M√§dchen mit reinem Herzen und unbezwingbarer Willenskraft, das durch ihre schauspielerische Leistung erst wirklich lebendig wird.

Bildsprache

"Das Hausm√§dchen" besticht neben seiner beklemmenden Spannung, die auf die Zuschauerin eine sog√§hnliche Wirkung aus√ľbt, durch seine atemberaubende √Ąsthetik. Aufgrund einer sorgf√§ltig zusammengestellten Ausstattung ergeben sich die kunstvollen und eindr√ľcklichen Bilder, in denen das spannende Drama seinen Lauf nimmt.

Der Fokus liegt hier deutlich auf dem Kontrast zwischen dem √ľberschw√§nglichen Reichtum und der emotionalen K√§lte der Familie Goh. Symbolhafte Merkmale wie der prunkvolle Kronleuchter, teurer Wein, der beheizte Swimming Pool und besonders die aufwendig zubereiteten H√§ppchen und Speisen lassen keinen Zweifel am enormen Wohlstand dieser Familie der Oberen 10.000. Die visuellen Aspekte dieses Wohlstandes werden mithilfe von Opernmusik und Hoons Klavierspiel gekonnt unterstrichen.
Das Wohnhaus der Gohs, mit seiner einsch√ľchternden Gr√∂√üe ebenfalls ein Beweisst√ľck des Reichtums, zeichnet sich jedoch gleichzeitig durch Leere und kantige, schwarze M√∂bel aus. In dieser bis ins letzte Detail aufger√§umten Strenge wirkt das Haus nahezu unbewohnt und das Fehlen von Menschlichkeit wird √ľber alle Ma√üen deutlich.

AVIVA-Tipp: "Das Hausm√§dchen" aus dem Jahr 2010 weist mit einem packenden Spannungsverlauf im Stil eines Hitchcock-Thrillers und best√ľrzender Bildgewalt alle Qualit√§ten auf, um wie sein Original zu einem Klassiker der Filmgeschichte zu werden. Indem Regisseur Im Sang-soo den Fokus auf eine soziale Kritik gelenkt und das Drehbuch den modernen gesellschaftlichen Verh√§ltnissen angepasst hat, verleiht er der Geschichte √ľber das ungl√ľckselige Dienstm√§dchen eine ganz neue Bedeutung.

Das Hausmädchen
Hanyo
S√ľdkorea 2010
Regie: Im Sang-soo
Drehbuch: Im Sang-soo, Kim Ki-young
Produktion: Jason Chae, Kim Jin Sup, Choi Pyung Ho, Kim Dong Won, Kim Kyung
DarstellerInnen: Jeon Do-youn, Lee Jung-jae, Seo Woo, Ahn Seo-hyun, youn Yuh-jung
Verleih: Alamode
Lauflänge: 106 Minuten
Kinostart: 21. April 2011

Weitere Infos zum Film finden Sie unter:

www.das-hausmaedchen.de

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Kultur Beitrag vom 20.04.2011 Kristina Auer 





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