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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 29.04.2011

Geliebtes Leben. LIFE, ABOVE ALL
Yasmine Georges

Eine Frau singt ein Wiegenlied. Ein M├Ądchen sucht einen Sarg aus. Drumherum das allt├Ągliche Leben im Township. Oliver Schmitz neuer Film ├╝ber Aids und andere Tabus in S├╝dafrika geht unter die Haut.



Die zw├Âlfj├Ąhrige Chanda (Khomotso Manyaka) w├Ąchst in der s├╝dafrikanischen Provinz auf. Als Klassenbeste und Mutters Liebling f├╝hrt sie ein beh├╝tetes Leben. Doch eines Tages bricht die heile Welt zusammen. Die einj├Ąhrige Halbschwester Sarah stirbt, das ist der Anfang vom Ende. Zuerst ist das Tuscheln hinter vorgehaltenen H├Ąnden versteckt, doch dann spricht es der Stiefvater Jonah (Aubrey Poolo) laut aus: "Du hast unser Baby vergiftet!", schreit er die Mutter Lilian (Lerato Mvelase) an. Chanda ist fassungslos. Doch noch bleibt alles unter einem schwarzen L├╝genmantel verborgen. Es ist nur eine Ahnung, nicht mehr, die das Herz des M├Ądchens verdunkelt.

Nach dem Tod der Schwester f├Ąngt die Mutter an zu kr├Ąnkeln, der Stiefvater verschwindet und Chanda verliert auch noch Esther (Keaobaka Makanyane), ihre beste Freundin. ├ťber die wird schon lange im Dorf gemunkelt. Weil sie eine Waise und, so wird vermutet, eine Prostituierte ist. Mrs.Tafa (Harriet Manamela), die f├╝rsorgliche Nachbarin bl├Ąut Chanda ein, dass dies kein Umgang f├╝r sie sei. Und schlie├člich ergeben sich beide Freundinnen unter dem zunehmenden Druck. Chanda wendet sich ab und Esther entscheidet sich f├╝r die Prostitution.

Tuscheleien, Verleumdungen, L├╝gen, das sind die Hauptakteure in Oliver Schmitz┬┤ Portrait eines lebensdurstigen M├Ądchens. Und auch Aids, das gro├če Tabu in der s├╝dafrikanischen Provinz, spielt eine tragende Rolle. Die Krankheit, die alles vergiftet, die FreundInnen und Familien entzweit und jede Menschlichkeit ausl├Âscht. Eindrucksvoll sind die Szenen, die den Umgang mit der Krankheit zeigen und zugleich ersch├╝tternd. Die gutherzigen Nachbarn werden zur hasserf├╝llten Inquisition. Mit Steinen werfen sie nach dem infizierten Stiefvater, sp├Ąter schickt Mrs.Tafa Chandas kranke Mutter weg. Man f├╝hlt sich in das Mittelalter zur├╝ckversetzt, als die Pest w├╝tete. Die Kranken sind gebrandmarkt, sie verdienen kein Mitleid.

Chanda l├Ąsst sich jedoch nicht beirren. Sie spricht offen aus, was andere hinter verschlossenen T├╝ren fl├╝stern. "Du solltest dich testen lassen.", sagt sie zur Mutter und geht zum Krankenhaus. An diesem trostlosen Ort findet sie eine Vertraute. Es ist die Krankenschwester, die nicht helfen kann, aber Chanda eine tr├Âstende Hand reicht und Verst├Ąndnis zeigt. Die Einzige, die den Menschen hinter der Krankheit zu sehen scheint. Gekonnt f├Ąngt Oliver Schmitz jene kurzen warmherzigen Momente ein, in denen Menschlichkeit und G├╝te keine Fremdw├Ârter mehr sind.

Auch Chandas Kampf ums ├ťberleben steht im Mittelpunkt von "Geliebtes Leben". Der Film zeigt auf verst├Ârende Weise, wie kostbar das Leben ist und dass es sich lohnt, darum zu k├Ąmpfen. Chanda ist der Motor, der alle vorantreibt. Sie bleibt nicht im Sumpf aus L├╝gen stecken und wahrt nicht den Schein. Stattdessen folgt das M├Ądchen der versto├čenen Mutter und bringt sie zur├╝ck in ihr Heimatdorf, entgegen aller Vorurteile. Leben, so hei├čt auch hier das gro├če Ziel, auf das sie hinarbeitet. Auf ihrem Weg rettet sie nicht nur sich selbst, sondern auch Esther und die kleinen Geschwister.

Nur ein einziges Mal darf Chanda einfach nur jung sein. Auf dem Dorffest sieht man sie tanzend und lachend und f├╝r einen kurzen Augenblick sind alle Sorgen vergessen. Woher das junge M├Ądchen die Kraft nimmt die ├╝berwindbare Mauer aus Angst zu Fall zu bringen, fragt man sich, wenn man sie Mal um Mal dabei beobachtet wie sie sich f├╝r die anderen aufopfert.

F├╝r ihre herausragende Darstellung wurde Khomotso Manyaka auf dem "Durban International Filmfestival" als "Beste Hauptdarstellerin" ausgezeichnet., das Drama gewann auch die Kategorie "Bester Film". "Geliebtes Leben" wurde weiterhin mit dem "Prix Fran├žois Chalais" auf dem "Festival de Cannes" ausgezeichnet, und ist nun in der Vorauswahl f├╝r den Oscar "Bester fremdsprachiger Film" angelangt.

Detailreich skizziert werden im Film jedoch alle ProtagonistInnen. W├Ąhrend die Dorfbewohnerschaft als einheitliches Individuum agiert, treten einzelne Personen in den Vordergrund. Anfangs erscheint die Konstellation zu vorhersehbar, denn die Einteilung in Gut und B├Âse ist schnell vollzogen und die Charaktere wirken wie eingezw├Ąngt in Rollenklischees. Das steife Spiel entwickelt sich aber im Laufe des Films dank der Eindringlichkeit der Darstellung und dem Wandel der Figuren. Keiner ist und bleibt nur schlecht oder gut.

Auch die kleine Chanda macht Fehler, etwa dann, als sie die ungehorsame Schwester in den Schmutz st├Â├čt. Am Ende l├Ąsst sich sogar die unnachgiebige Mrs.Tafa erweichen und h├Ąlt zur kranken Freundin. Die DorfbewohnerInnen tun es ihr gleich und bitten um Vergebung. Hier kommt der sp├Ąrlich ges├Ąte Gesang des Chors zum Einsatz. Am Anfang des Films als Trauermarsch zur Beerdigung, ist er am Schluss eine Entschuldigung f├╝r begangene Missetaten. Eindringlich und aufrichtig. Musik wird sonst kaum verwendet. Die meisten Bilder sprechen f├╝r sich oder werden von Stra├čenl├Ąrm und lauten Stimmen begleitet. Kleine Ger├Ąusche wie das Platschen von Sandalen im Schlamm und das Zerbrechen von Glas sind Details, die diesen Film zu etwas Besonderem machen.

Zum Regisseur: Oliver Schmitz ist geb├╝rtiger S├╝dafrikaner. Seinen ersten Film "Mapantsula", ein Kriminalfilm, schloss er 1988 ab. Neben der Arbeit an Serien wie "T├╝rkisch f├╝r Anf├Ąnger" und "Doctor┬┤s Diary", dreht er weiterhin Spielfilme, darunter "Paris, je t┬┤aime" von 2006.

Awards

Ende Februar 2011 wurde Geliebtes Leben bei den South African Film and Television Awards (SAFTAs) mit folgenden Awards ausgezeichnet:
Bester Film, Beste Hauptdarstellerin Khomotso Manyaka, Beste Nebendarstellerin Harriet Manamela, Bester Ensemble Cast und Bestes Kost├╝m. Bestes Drehbuch und die Beste Regie f├╝r Oliver Schmitz.

AVIVA-Tipp:. Oliver Schmitz hat mit seinem Film eine Ode an Liebe, Freundschaft und das Leben selbst geschaffen. Diese bewegende Geschichte ├╝ber kleine Wunder und gro├če Ver├Ąnderungen ist unbedingt sehenswert.

Geliebtes Leben
LIFE, ABOVE ALL
Deutschland/S├╝dafrika 2010
Buch: Dennis Foon, Oliver Schmitz
Regie: Oliver Schmitz
DarstellerInnen: Khomotso Manyaka, Lerato Mvelase, Harriet Manamela u.a.
Verleih: Dreamer Joint Venture Filmproduktion GmbH
in Co-Produktion mit Senator Film Produktion GmbH, Enigma Pictures Ltd. und Niama-Film GmbH
Laufl├Ąnge: 105 Minuten
Kinostart: 12. Mai 2011
FSK: freigegeben ab 12 Jahren

Weitere Informationen zum Film finden Sie unter:

www.geliebtesleben.senator.de

Weitersehen auf AVIVA-Berlin:

Paris, je t┬┤aime, Ein Film von Oliver Schmitz

Mo Asumang - Road to Rainbow - Willkommen in S├╝dafrika, AVIVA-Berlin traf Mo Asumang zum Interview

Kultur Beitrag vom 29.04.2011 AVIVA-Redaktion 





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