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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 06.02.2012

Die Unsichtbare - Kinostart am 9. Februar 2012
Lisa Scheibner

Fine traut ihren Ohren nicht: ausgerechnet sie soll die Hauptrolle im neuen St├╝ck eines Starregisseurs bekommen? Doch daf├╝r muss die introvertierte Schauspielsch├╝lerin Einiges wagen,...



...denn ihre Rolle ist ein extremer Charakter, der sie auch nach Probenschluss nicht mehr zufrieden l├Ąsst.

Fine (Stine Fischer Christensen) ist das Gegenteil einer typischen Schauspielsch├╝lerin: still, zur├╝ckhaltend, um die Bed├╝rfnisse Anderer bem├╝ht. Vielleicht liegt das daran, dass sie zuhause gelernt hat, zur├╝ckzustecken: Sie lebt mit Anfang zwanzig noch bei ihrer alleinerziehenden Mutter (Dagmar Manzel), zusammen mit der pubertierenden Schwester Jule (Christina Drechsler), die eine geistige Behinderung hat. Wie es Fine geht, merkt die ├╝berforderte Mutter eigentlich nie, auch ihre Begeisterung f├╝rs Theater versteht sie nicht. "Du kannst so gut mit Menschen", ein sozialer Beruf w├Ąre da doch wirklich sinnvoller, r├Ąt sie ihr stattdessen. Wirkliche Grandezza hat Fine eigentlich nur, wenn sie abends Musicalst├╝cke f├╝r Jule auff├╝hrt, die ihr gr├Â├čter heimlicher Fan ist.

Alle sind ├╝berrascht, als der bekannte Regisseur Kaspar Friedmann (Ulrich Noethen) aus der Schauspielklasse ausgerechnet Fine f├╝r die Hauptrolle in seinem neuen St├╝ck "Camille" ausw├Ąhlt. Wie soll jemand wie sie, die gelegentlich auf der B├╝hne einschl├Ąft, jemals genug Ausstrahlung haben? Der Schauspieldirektor der Schule hatte sie kurz zuvor noch f├╝r unsichtbar erkl├Ąrt, nun gratuliert er ihr mit zusammengebissenen Z├Ąhnen. Eine Chance wie diese wird Fine so bald nicht wieder bekommen, das ist klar.

Theater der Abgr├╝nde

Regisseur Friedman experimentiert mit Fine, wie ein diabolischer Analytiker sch├╝rft er nach den Br├╝chen und ├ängsten in ihrer Pers├Ânlichkeit und zwingt sie, ihr Inneres nach Au├čen zu kehren. "Jeder ist hier krank, warum machst du Theater?"

Die junge Frau beschlie├čt, ├╝ber ihren Schatten zu springen und st├╝rzt sich trotz anf├Ąnglicher Bedenken ganz und gar in die Rolle. Sie beginnt, die unberechenbare "Camille", die sie spielen soll, mit in ihren Alltag zu nehmen. Nach Probenschluss verkleidet sie sich und beginnt ein gef├Ąhrliches Spiel: Sie testet die Theaterfigur an der Wirklichkeit und liefert sich dabei Extremsituationen aus. Dabei lernt sie den sympathischen Tunnelbauer Joachim (Ronald Zehrfeld) kennen, der v├Âllig fasziniert ist von "Camille". Die H├Ąrte und Poesie der Figur, die in merkw├╝rdigem Gegensatz zu ihrem Aussehen stehen, verwirren und fesseln ihn.

Die Folgen sind abzusehen: Fine verletzt die Menschen, die sie eigentlich liebt, allen voran Jule, zu der sie bisher immer ein inniges Verh├Ąltnis hatte, und f├╝r die sie jetzt nicht mehr die Geduld aufbringt. Aber auch Joachim, bei dem sie kurz zuvor ungewohnte N├Ąhe gefunden hatte, wird in seiner Zuneigung f├╝r sie auf eine harte Probe gestellt. Fine beginnt die Kontrolle ├╝ber ihr Psycho-Experiment zu verlieren und lernt die dunklen Seiten Friedmanns und ihrer selbst kennen. Dass die Geschichte letztlich doch therapeutischen Wert zu haben scheint, ist ein pures Wunder - es h├Ątte auch richtig schief gehen k├Ânnen.

Die Verschmelzung von Rolle und Darstellerin erinnert samt dem manipulativen Regisseur sehr an die Story von "Black Swan", ist hier jedoch realistischer verarbeitet.
Dennoch fragt die Zuschauerin sich, ob die Untiefen der Menschen nur gezeigt werden k├Ânnen, wenn Extreme ausgereizt werden. Muss die ├╝berforderte Mutter auch noch verlassen worden sein und einen der meistgehassten Berufe, n├Ąmlich Politesse, haben? In den Mutter-T├Âchter-Szenen ist das Sozialdrama teilweise etwas dick aufgetragen. Auch viele Theater-Klischees werden bem├╝ht: Soll sich die Darstellerin ausziehen oder nicht? Ist echter k├Ârperlicher Schmerz die einzige M├Âglichkeit, eine authentische Darstellung zu erreichen? Die Probeb├╝hne als Horrorkabinett.
Dennoch ist Stine Fischer Christensen eine sehr ├╝berzeugende Heldin, auf eine ungew├Âhnliche Art sch├Ân. Entschlossen und empfindsam gelingt ihr das Changieren zwischen unauff├Ąllig und angstlos herausfordernd, eine angenehme Abwechslung im deutschen Kino. Ulrich Noethen gibt den besessenen Regisseur Friedmann mit all seinen Abgr├╝nden widerlich und charmant zugleich.

Zum Filmteam: Christian Schwochow (geboren 1978) war als Comedyautor, Reporter und und Videojournalist t├Ątig, bevor er Filmregie studierte. Sein Film "Novemberkind" (2007) wurde vielfach pr├Ąmiert, und auch f├╝r ihn hatte er das Drehbuch zusammen mit seiner Mutter Heide Schwochow geschrieben. Die D├Ąnin Stine Fischer Christensen (geboren 1985) hat extra f├╝r "Die Unsichtbare" deutsch gepaukt. Beim Karlovy Vary Filmfest erhielt sie daf├╝r prompt den Preis als beste Darstellerin, 2008 war sie auf der Berlinale bereits als "Shooting Star" f├╝r den Film "After The Wedding" (2006) ausgezeichnet worden. (Siehe Rezension auf AVIVA-Berlin) Dagmar Manzel (geboren 1958) und Ulrich Noehten (geboren 1959) sind sowohl aus Film und Fernsehen bekannt und haben beide zahlreiche Schauspielpreise bekommen.

AVIVA-Tipp: Die Unsichtbare beschreibt die Entfaltung der sch├╝chternen Schauspielsch├╝lerin Fine zur selbstbestimmten jungen Frau. Mit liebevollen, stillen Beobachtungen auf der einen und intensiven Theater- und Beziehungsdramen auf der anderen Seite zeigt der Film, warum es notwendig sein kann, sichtbar zu werden. Auf dem Weg dahin entgeht die Heldin haarscharf handfesten Risiken, denen sie fast verwundert zu begegnen scheint. Letztlich gelingt es Fine, ihre eigene Art zu entwickeln, mit dem Leben und dem Theater umzugehen, und sie verliert ihre Angst, den W├╝nschen der anderen nicht zu gen├╝gen.

Die Unsichtbare
Deutschland 2011
Buch: Heide und Christian Schwochow
Regie: Christian Schwochow
DastellerInnen: Stine Fischer Christensen, Ulrich Noethen, Dagmar Manzel, Christina Drechsler, Ronald Zehrfeld und viele andere
Verleih: Falcom Media
Laufl├Ąnge: 113 Minuten
Kinostart: 9. Februar 2012

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Stine Fischer Christensen in "Nach der Hochzeit" (2007)

Interview mit Dagmar Manzel und Franziska Meletzky zu ihrem Film "Nachbarinnen" (2005)

Kritik zu "Nachbarinnen" (2004)

Mehr Schauspielschuldramen:
"Unten Mitte Kinn" (2011)

Kultur Beitrag vom 06.02.2012 AVIVA-Redaktion 





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