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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 18.11.2009

Das gelbe Segel
Tatjana Zilg

Der Road-Movie verfolgt die Wandlungsprozesse, die wĂ€hrend einer zufĂ€lligen Begegnung in und zwischen drei außergewöhnlichen Menschen ausgelöst werden. Vor den Weiten der Landschaft von Louisiana ...



... stehen sie sich unerwartet in einem Mischwaren-Laden gegenĂŒber:

Brett ist vor kurzer Zeit aus dem GefĂ€ngnis entlassen worden und beobachtet verwundert, wie sich die Welt draußen nach seiner langjĂ€hrigen Haft verĂ€ndert hat.

Die 15jĂ€hrige Martine (Kristen Stewart) hat gerade von ihrem Lover mitgeteilt bekommen, dass ihre AffĂ€re beendet ist. Aus Wut fordert sie den knapp volljĂ€hrigen Gordy (Eddie Redmayne, "Der gute Hirte", "Wilde Unschuld", "Die Schwester der Königin") auf, sie in seinem Auto mitzunehmen. Der etwas linkisch wirkende junge Mann ist auf der Durchreise und steuert ĂŒber einige Umwege New Orleans an, wo sein leiblicher Vater lebt. Er ist auf dem ersten Blick von Martine fasziniert. Kristen Stewart, die durch die "Twilight"-Kinoserie bereits zum begehrten Star wurde, gibt ihrer Rolle in einer Mischung aus Anmut, Rebellinnentum und jugendlicher Weltskepsis eine eindringliche PrĂ€senz auf der Leinwand.

Eine Fahrt ins Ungewisse beginnt

GegenĂŒber Gordy verhĂ€lt sich Martine kratzbĂŒrstig, misstrauisch und fordernd zugleich. Dieser lĂ€sst sich in seinem Verliebtsein nicht beirren, denn er hat offenbar viel Erfahrung im Abgelehnt-Werden. Selbstironisch erzĂ€hlt er, dass es in seinem Heimatort eine "Parade" gegeben hĂ€tte, als er zu seiner Reise aufgebrochen ist. Seine Unsicherheit verbirgt er hinter zu hĂ€ufigem LĂ€cheln und sein Verhalten entspricht nicht dem AlltĂ€glichen: Fast könnte er ein hochbegabter Asperger-Autist sein.
Martine macht dies Angst und sie bereut es, in seinen Wagen gestiegen zu sein. Um die vermutete Gefahr zu entschÀrfen, lÀdt sie Brett zur Mitfahrt ein. Zwei Generationen treffen hier aufeinander.

Der Ex-HĂ€ftling wird von dem versierten Schauspieler William Hurt ("Der gute Hirte", "Syriana", Oscar "Der Kuss der Spinnenfrau") verkörpert. In einer zurĂŒckgenommenen FĂŒrsorglichkeit begleitet er die beiden Jugendlichen und gewinnt schnell deren Vertrauen, was ihm aber unangenehm zu sein scheint. Alle drei Charaktere sind einzelgĂ€ngerisch angelegt und von dem Widerstreit der Sehnsucht nach mehr NĂ€he und dem BedĂŒrfnis nach Abgrenzung aus Angst vor Verletzung geprĂ€gt. Brett trĂ€gt dabei das grĂ¶ĂŸte Geheimnis in sich. Das RĂ€tsel um seine Vergangenheit und die GrĂŒnde, die ihn ins GefĂ€ngnis fĂŒhrten, werden zum SchlĂŒssel fĂŒr die Freilegung des Innenlebens aller Beteiligten. Behutsam offenbart der Regisseur Udayan Prasad Schicht fĂŒr Schicht die Emotionen und Motive seiner ProtagonistInnen, die so in all ihren Ecken und Kanten immer liebenswerter fĂŒr die ZuschauerInnen werden. Dies erzeugt eine feinsinnige Spannung, intensiv wie in einem Alfred Hitchcock-Meisterwerk, mitreißend wie in einer Daniel Boyle-Soziokomödie und aufrĂŒttelnd wie in einem Ingmar Bergman-Melodram.

Vom Abenteuer, zurĂŒckzublicken und sich zu entscheiden

Durch die Vorgeschichte von Brett kommt eine weitere Hauptfigur hinzu. Nach einem Lebensweg, der fĂŒr ihn kaum andere Chancen als die KleinkriminalitĂ€t bereithielt, fand er zu seiner eigenen Überraschung eine Partnerin, die in ihm den Wunsch nach einer verlĂ€sslichen Bindung und einem sesshaften Leben weckte. May (Maria Bello, "Coyote Ugly", "Der Jane Austen Club") ist eine Frau in der Mitte ihres Lebens, die sich als Bootsmacherin eine selbststĂ€ndige Existenz aufgebaut hat. ZunĂ€chst nimmt sie die Bretts Kontaktversuche zögerlich wahr. Doch dann entsteht eine intensive AnnĂ€herung, die durch eine alltĂ€gliche Katastrophe abrupt zerstört wird.

AVIVA-Tipp: Der Film ist sehr in sich stimmig und macht es den ZuschauerInnen leicht, sich in seinen ErzĂ€hlfluss hineinziehen zu lassen. Dazu trĂ€gt auch die hervorragende KamerafĂŒhrung bei, fĂŒr die sich Chris Menges verantwortlich zeichnet, der auf vielseitige Erfahrungen im Nachrichtendienst, Dokumentar- und Fiktionsfilm verweisen kann. In "Das gelbe Segel" fĂ€ngt er optimal die hohe AusdrucksstĂ€rke des SchauspielerInnen-Ensemble ein und bindet sie in eindrucksvolle Landschafts-Kulissen ein. Dadurch erhĂ€lt die Geschichte ĂŒber die Erkenntnis, wie wichtig es ist, sich selbst eine Chance zu geben, hochkarĂ€tigen Feinschliff.

Zum Regisseur:
Udayan Prasad wurde in Indien geboren und kam im Alter von neun Jahren nach Großbritannien. Nach dem Besuch der Kunsthochschule in Leeds und der National Film and Television School drehte er eine Vielzahl an Dokumentationen, so auch "A Corner Of A Foreign Field" (1985) ĂŒber Pakistanis in Großbritannien. Er fĂŒhrte Regie bei zahlreichen prestigetrĂ€chtigen Dramen fĂŒr den Fernsehsender BBC und arbeitete dafĂŒr mit den besten britischen AutorInnen zusammen.
Sein erster Kinofilm war der von den KritikerInnen gelobte "Brothers In Trouble" (1996) – eine tragikomische Geschichte eines illegalen Immigranten, angesiedelt in den 60er-Jahren, der ums Überleben in einer dĂŒsteren Stadt im Norden Englands ringt. Der Film gewann den Golden Alexander Award als Bester Erstlingsfilm auf dem Thessalonki International Film Festival. Prasads zweiter Spielfilm "My Son The Fanatic" wurde 1997 auf dem Festival de Cannes fĂŒr die DirectorÂŽs Fortnight ausgewĂ€hlt und erhielt grĂ¶ĂŸtes Lob von den KritikerInnen. (Quelle: Verleihinfo)

Das gelbe Segel
USA 2008
Regie: Udayan Prasad
Drehbuch: Erin Dignam
DarstellerInnen: Eddie Redmayne, Maria Bello, William Hurt, Kristen Stewart
Kamera: Chris Menges
Musik: Eef Barzelay, Jack Livesey
LĂ€nge: 96 Minuten
Verleih: X-Verleih
Kinostart: 19. November 2009

Mehr zum Film: www.dasgelbesegel.x-verleih.de


Kultur Beitrag vom 18.11.2009 AVIVA-Redaktion 





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