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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 28.02.2010

Wiegenlieder - Ab 25. Februar 2010 im Kino
Tatjana Zilg

Im Panorama der 60. Berlinale zeigten Tamara Trampe und Johann Feindt ihre poetisch-assoziative Doku ├╝ber Menschen aller Couleur in Berlin und ihre Erinnerungen an die Wiegenlieder der Kindheit.



Das gr├Â├čte Publikumsfilmfestival der Welt beweist es schon seit einigen Jahren: Dokumentarfilme werden immer beliebter und die FilmemacherInnen finden im Gegenzug zu immer vielseitigeren Gestaltungsweisen.

Tamara Trampe und Johann Feindt entschieden sich f├╝nf Jahre nach ihrer eindringlichen Doku "Weisse Raben - Alptraum Tschetschenien", ein intuitives Portr├Ąt zu drehen ├╝ber die unterschiedlichen Menschen, die in Berlin nebeneinander leben. Zum Ausgangspunkt wurde die Frage, ob sich das Gegen├╝ber an ein Wiegenlied erinnert, das die Mutter in der Kindheit gesungen hat. So ergaben sich die verschiedensten Situationen. Manch eine(r) suchte vergeblich in der Erinnerung, anderen f├Ąllt sofort eines ein, manche lachten verlegen und trauten sich nicht, vor der Kamera zu singen.

Die beiden FilmemacherInnen begleiten die Menschen zum Teil in ihre Wohnumgebungen, die vom Bauwagen ├╝ber Hochhaus- und Altbauwohnungen bis zu kleinsten Apartments reichen.

In ausf├╝hrlichen Gespr├Ąchen mit einigen ProtagonistInnen offenbaren sich die Verletzungen der Kindheit und auch die positive Kraft, sich mit dem Erlebten neu auseinander zu setzen und Erkenntnisse zu teilen. Tamara Trampe f├╝hrt in sensibler, aber nicht lockerlassender Art ihre Gespr├Ąche, so dass die poetischen Momentaufnahmen von Berlin und seinen StadtbewohnerInnen sich mit nachdenklich stiftenden und melancholisch stimmenden Gespr├Ąchsausschnitten verflechten, durch die sich neue Blickwinkel auf die Kindheit und all ihre unerf├╝llten Sehns├╝chte er├Âffnen.

Da ist der etwa 50j├Ąhrige Detlef Jablonski, der nur wenig ├╝ber seine Mutter sagen kann, denn er wuchs bei Pflegeeltern auf, materiell gut versorgt, aber emotional stark vernachl├Ąssigt. Ohne gro├čes Selbstmitleid, aber sehr plastisch und nachvollziehbar l├Ąsst er daran teilhaben, wie dies sein gesamtes Leben beeinflusst hat und mit welchen Gef├╝hlen er heute darauf zur├╝ckschaut.
Eine Kindheit, die eine ganz spezielle Beziehung zur Welt der T├Âne initiierte, erfuhr der heutige Komponist Helmut Oehring, da seine Eltern taubstumm waren.
F├╝r den tschetschenischen Exilpolitiker Apti Bisultanov ist die Kindheit durch die Fluchterfahrung weit in die Ferne ger├╝ckt. Nach anf├Ąnglichem Z├Âgern schildert er mit einer hohen Intensit├Ąt seine letzten Erlebnisse in der Heimat.

Diese drei Menschen werden zum roten Faden innerhalb der szenischen Einstellungen und Bilder, denn sie tauchen immer wieder auf zwischen den vielen kurzen und l├Ąngeren, anmutigen und anr├╝hrenden Kamerablicken auf Menschen jeden Alters in den Stra├čen Berlins, wobei M├╝tter und ihre Kinder in den Momentaufnahmen immer wieder eine besondere Rolle spielen. Auch der junge Haftentlassene Santos kommt l├Ąngere Zeit zu Wort und es ├╝berrascht, mit welch inniger N├Ąhe er von seinem neugeborenen Sohn spricht, obwohl die Beziehung zu der Mutter schon l├Ąngst in die Br├╝che ging. Er l├Ądt die FilmemacherInnen in seine kleine Wohnung ein, wo er aber nicht mehr von sich erz├Ąhlt, sondern einen selbst geschriebenen Rap-Song ├╝ber die Liebe zu seinem Kind performt.

Die Musik in all ihren Ausdrucksformen legt sich in einer zeitlosen Leichtigkeit ├╝ber den Film und verbindet die Bilder auf eine zarte, unaufdringliche Art miteinander.
So kommt es zu einem unerwarteten H├Âhepunkt, wenn ein bunt gemischter Chor nach ausgiebigen stimmlichen Warm-Ups unter der Leitung von Jocelyn B. Smith gehaltvolle Gospels intoniert.

AVIVA-Tipp: "Wiegenlieder" ist ein au├čergew├Âhnlicher Dokumentarfilm, der sein Publikum einl├Ądt zu einem impressionistischen Spaziergang durch die Stra├čen, Pl├Ątze und H├Ąuser von Berlin. An mancher Stelle nehmen sich die FilmemacherInnen Zeit, l├Ąnger zu verweilen und den Hintergr├╝nden nachzusp├╝ren. An anderer Stelle heben sie pointiert und ausdrucksstark in kurzen Essenzen die vielen kleinen Besonderheiten der Stadt und ihrer BewohnerInnen hervor. So verweben sich die vielen Sinngebungen des Mythos Kindheit mit dem einzigartigen Lebensgef├╝hl von Berlin.

Wiegenlieder
Deutschland 2009
Regie: Johann Feindt und Tamara Trampe
L├Ąnge: 98 Minuten
Filmstart: 25.02.2010
Verleih: Ventura

Lesen Sie auch unser Interview mit der Regisseurin Tamara Trampe.

Weitere Infos zum Film finden Sie unter: www.zeroone.de


Kultur Beitrag vom 28.02.2010 AVIVA-Redaktion 





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