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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 31.10.2002

Hinter dieser reinen Stirne ...
Meike B├Âlts

Hildegard Schroedter - Schauspielerin, Regisseurin und Produzentin - ├╝ber ihr aktuelles St├╝ck "Hinter dieser reinen Stirne...." nach Werken von Adelheid Duvanel, Christine Lavant und Unica Z├╝rn



Hinter dieser reinen Stirne... nach Werken von Adelheid Duvanel, Christine Lavant und Unica Z├╝rn im theater zum westlichen stadthirschen. Die Produktion n├Ąhert sich den entr├╝ckten, zum Teil erschreckenden Bilderwelten der drei Autorinnen im Laufe des Abends in Form von Rezitationen, Ges├Ąngen und Musik an.

Eine etwas andere Theatererfahrung, die noch bis zum 16. November zu sehen ist. Immer mittwochs bis samstags, um 20 Uhr, im theater zum westlichen stadthirschen.Kartenvorbestellung und weitere Infos unter: Tel: 030.78577033 oder www.stadthirsch.berlin.de

AVIVA-Berlin sprach mit der Regisseurin des St├╝ckes: Hildegard Schroedter. Nach ihrer Schauspielausbildung und diversen Engagements in der gesamten Republik begann sie 1998 literarische Texte f├╝r die B├╝hne zu adaptieren: Auf 2001 Nacht oder ich bin die die wartet (1998) nach Texten von Roland Barthes ("Fragmente einer Sprache der Liebe") folgte dann 2000 Trompete Galgen Feuerstrahl nach den "Gespr├Ąchen mit Schizophrenen" von Leo Navratil.

Auch ihre aktuelle Produktion nimmt wieder literarische Texte als Grundlage f├╝r einen Theaterabend voller Einblicke in die Texte dreier zu Unrecht relativ unbemerkten Autorinnen. Absolut sehens- und erlebenswert.

AVIVA-Berlin: Frau Schroedter, k├Ânnen Sie unseren LeserInnen beschreiben, was sie an diesem Abend erwarten wird?

Hildegard Schroedter: Es erwartet sie auf jeden Fall kein St├╝ck im Sinne eines dramatischen Verlaufs, sondern eher das Ausbreiten von Innen- und Traumwelten von drei Frauen, die nicht unbedingt nur die sch├Ânen Seiten des Lebens betrachten, sondern durchaus auch Angstzust├Ąnde.
Bei Christine Lavant k├Ânnen wir intensive Auseinandersetzungen mit dem eigenen Ich, aber auch mit Gott - im Sinne von Aufbegehren - verfolgen. Ihre Geschichten sind eher in der mythischen Sagenwelt angesiedelt. Die Geschichten von Adelheid Duvanel kommen hingegen aus einem st├Ądtischen Umfeld. Sie erz├Ąhlt aus der Kinderperspektive und zeigt uns damit eine ganz andere Welt. Bei Unica Z├╝rn steht das Verr├╝ckte, das Verspielte im Vordergrund.
Die Figuren befinden sich in einer Welt, die keine reale ist und etwas M├Ąrchenhaftes hat. Das spiegelt sich auch im B├╝hnenbild: Die Objekte auf der B├╝hne - der gro├če Stein ist ├╝brigens tats├Ąchlich ein echter Stein um die 500 kg! - erz├Ąhlen uns etwas ├╝ber die Figuren, geben uns zus├Ątzliche Einblicke ├╝ber die Texte hinaus. Wir haben nicht versucht, biographisch zu arbeiten, sondern halten die Geschichten in einer Art k├╝nstlichen Welt. Die Erz├Ąhlwelten der drei Autorinnen sollen sich uns ├Âffnen. Da die Texte zum Teil sehr komplex sind, haben wir versucht, Entlastung durch einen musikalischen Teil zu schaffen. Benjamin Rinnert bringt so noch eine rein assoziative Ebene in die Texte.
Das ist sicherlich kein reiner Konsumentenabend. Man muss einsteigen und auch dranbleiben wollen. Jeder wird mit einem anderen Eindruck aus dem Abend kommen.

AVIVA-Berlin: Warum haben Sie Texte dieser drei Autorinnen ausgew├Ąhlt?

Hildegard Schroedter: Zun├Ąchst war ich von Unica Z├╝rn fasziniert, wusste aber, dass es ganz sch├Ân kompliziert sein w├╝rde ihre Texte auf die B├╝hne zu bringen. Im Laufe der Zeit begegneten mir die beiden anderen Autorinnen. Was mich dann dazu gebracht hat, die drei mal zusammen zu nehmen, waren die Biographien der drei Frauen.
Oberfl├Ąchlich gesehen fallen die Gemeinsamkeiten der Biographien ins Auge: Alle drei waren mit bildenden K├╝nstlern verheiratet, sie alle hatten Aufenthalte in der Psychiatrie, machten Drogenerfahrungen und waren suizidgef├Ąhrdet - zwei haben sich umgebracht, eine hat┬┤s versucht. Im Laufe der Zeit treten aber die Personen in den Vordergrund und lassen die Gemeinsamkeiten verblassen.
Ich habe im September letzten Jahres einen Antrag auf F├Ârderung beim Senat gestellt und war dann freudig ├╝berrascht, als ich im April das Okay bekam. Schlie├člich lagen dem Senat 250 Antr├Ąge vor - f├╝r f├╝nf Projektf├Ârderungen! Es kommt bestimmt nicht sehr h├Ąufig vor, dass gerade so ein "Nischenprojekt" f├╝r Lyrik-Liebhaber wie meines in den Genuss dieser F├Ârderung kommt. Ganz sicher hat die Frauenquote da Einfluss gehabt. Dar├╝ber hinaus hatte ich als experimentelles Au├čenseiterprojekt vielleicht doch mehr Chancen als "Standardproduktionen".

AVIVA-Berlin: Wann stiegen die anderen beiden Schauspielerinnen - Emily Behr und Antje Siebers - in die Produktion ein?

Hildegard Schroedter: Die Textvorauswahl fand durch mich allein statt. Wir hatten mehr Text als m├Âglich war und haben gemeinsam vier-f├╝nf Abfolgen entwickelt, bis wir bei der Endfassung gelandet sind. Ich glaube, diese stand erst 5-6 Tage vor der Premiere. Die Musik entstand im Laufe der Proben. Wir haben im Team sehr eng zusammen gearbeitet. Das nehme ich als sehr positive Erfahrung mit aus dem Projekt heraus. Die Zusammenarbeit war schon eine sehr besondere und das merkt man dem St├╝ck auch an.
Emily Beer stieg erst drei Wochen vor der Premiere in unser Projekt ein, da ihre Vorg├Ąngerin leider durch einen Krankheitsfall innerhalb ihrer Familie ausfiel. Durch diese Umbesetzung hatten wir dann noch einen ganz neuen Druck vor der Premiere.

AVIVA-Berlin: Sie sind nicht nur selbst Schauspielerin und Regisseurin sondern Dozentin. Hat diese Arbeit Einfluss auf Ihre Projekte? Und welchen Background haben die anderen Schauspielerinnen?

Hildegard Schroedter: Die F├Ąhigkeit direkt miteinander zu kommunizieren - nur per Funktion, nicht per Hierarchie - ist sehr wichtig f├╝r die Arbeit an einer Produktion. Da gab es keine Probleme. Mit einer gro├čen Selbstverst├Ąndlichkeit konnten wir miteinander umgehen.
Emily Behr hat zum Beispiel am St├╝cketheater gearbeitet. Im Moment macht sie im Theater Strahl eine Produktion. Antje Siebers arbeitete in der letzten Zeit beinahe ausschlie├člich als Regisseurin und als Dozentin. Es war sehr hilfreich, mit ihr eine weitere Person auf der B├╝hne zu haben, die es auch gewohnt ist zu abstrahieren und das Gesamte zu sehen. Bei Schauspielerinnen gibt es oft die Schwierigkeit, dass sie nur ihre eigene Rolle sehen und weniger den Gesamtkomplex im Blick haben.

AVIVA-Berlin: Sie haben bei diesem Projekt als Produzentin, Regisseurin und Schauspielerin gearbeitet. M├Âchten Sie diese Mehrfachfunktion auch in Zukunft inne haben oder werden Sie auch wieder "nur" als Schauspielerin arbeiten?

Hildegard Schroedter: Ja, denn das ist mein Beruf. Als Regisseurin arbeite ich nur projektbezogen. Wenn ich mich f├╝r ein bestimmtes Projekt interessiere, das sonst vielleicht nicht stattfinden w├╝rde, dann ├╝bernehme ich gerne mehrere Parts in der Produktion. Auch wenn ich mit Herzblut an die Sache gehe, kann ich aufgrund meiner unterschiedlichen Blickwinkel meistens ziemlich gut abstrahieren. Ich schaue mir zum Beispiel regelm├Ą├čig die Arbeit des Tages am Abend noch mal auf Video an.
Auf diese Art kann ich sogenannte "Minderheitenprojekte" verwirklichen. Heutzutage ist es nicht leicht, Leute f├╝r Innenwelten, f├╝r Grenzerfahrungen zu begeistern. Das Feedback bisher war allerdings bisher sehr positiv. Wir konnten offensichtlich etwas in vielen Zuschauern ber├╝hren.

AVIVA-Berlin: Sie wollen die ZuschauerInnen mit Ihren Arbeiten ber├╝hren. Haben Ihre Projekte auch einen p├Ądagogischen Impetus? Sollen wir etwas begreifen? Gar lernen?

Hildegard Schroedter: Theater ist sicherlich in jeglicher Hinsicht zun├Ąchst einmal Unterhaltung. Hier findet eine besondere Form von Kommunikation statt: Gemeinsam h├Ârt man auf etwas, erlebt es und l├Ąsst sich inspirieren. Wir wollen Leute nicht ausschlie├člich intellektuell ansprechen.
Lyrik ist eine sehr emotionale Literatur, ein Reich der Fantasie, in dem sich - wie ich glaube - alle Menschen sehr gerne aufhalten. Das ist f├╝r mich auch Theater: Eine Welt, in die ich einsteigen kann, die mich ber├╝hrt. Wenn Theater eine Frage, einen neuen Gedanken oder sogar ein Aha-Erlebnis hinterl├Ąsst, dann finde ich das wunderbar. Und wenn Theater erreichen kann, dass die Zuschauer sich auf die eine oder andere Weise verstanden f├╝hlen, dann haben wir viel erreicht.

AVIVA-Berlin: Frau Schroedter, vielen Dank f├╝r das Gespr├Ąch. Wir hoffen, in der n├Ąchsten Zeit noch viel von Ihnen zu h├Âren und zu sehen!

Kultur Beitrag vom 31.10.2002 AVIVA-Redaktion 





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