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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 05.04.2004

Madrid. Ein Film von Daphne Charizani
Anne Winkel

Die Geschichte einer jungen Frau zwischen zwei Kulturen - einer Supermarktangestellten, die lieber von einer gl├╝cklicheren Zukunft tr├Ąumt, als sie aktiv zu gestalten. Kinostart: 8. April 2004



Isabel (Kathrin Angerer) ist 28 Jahre alt und arbeitet als Assistentin eines Supermarktchefs. Als Kind ist sie mit ihren spanischen Eltern nach Deutschland gekommen. Ihre Mutter ist inzwischen wieder in Madrid, der Vater wird kaum erw├Ąhnt. Isabel bewohnt alleine eine kleine Wohnung in einer Plattenbausiedlung ganz, direkt neben ihrer Arbeitsstelle.

Isabels Freund Karl (Oliver Masucci) verl├Ąsst die geb├╝rtige Spanierin mit dem Vorwurf, sie sei "gef├╝hlskalt". Isabel entgegnet gefasst und schlicht, "dann such┬┤ dir doch `ne Gef├╝hlswarme". Jeden Tag ruft Isabels Mutter aus Madrid an. Manchmal schickt die Mutter ihr ein P├Ąckchen - z. B. mit Orangen, da es in Deutschland keine Vitamine gebe. Jeden Tag zieht Isabel nach der Arbeit ein biederes hellblaues Hauskleid ├╝ber, h├Ârt Salsa und tanzt gedankenverloren vor dem Spiegel. Und jeden Morgen erscheint sie in ihren hohen Schuhen zur Arbeit, versucht den Filialleiter zu ├╝berzeugen, dass die Einstellung von neuem Personal dringend erforderlich ist. Zwischendurch raucht Isabel oder trinkt mit einer der Kolleginnen einen Kaffee.

Jede der weiblichen Supermarktangestellten verk├Ârpert einen anderen Typ von Frau. Da sind: eine ruhige Spanierin, der bei geringf├╝giger Hebung der Stimme gleich empfohlen wird, ihr Temperament zu z├╝geln, eine abgebr├╝hte Frau Anfang 40, die bereits zweimal verheiratet war und glaubt, das Wesen aller M├Ąnner zu kennen, ein naiver Teenager, "schon drei Monate" verliebt und voller Bewunderung f├╝r Isabels Beziehungen", eine angehende Rentnerin, die f├╝r alle Supermarktdamen eine passende Allgemeinweisheit parat hat und eine weitere Frau um die 40, die immer die neueste Kleiderkollektion von einem Versandhaus ordert.

Gegen├╝ber vom Supermarkt hat sich eine Speditionsfirma niedergelassen. Da die Lastwagen den Weg zu den Kundenparkpl├Ątzen versperren, bittet Isabella den Vorstand des Unternehmens, den Halbspanier Manuel (Juan Carlos Lopez), in Zukunft darauf zu achten, die Durchfahrten frei zu lassen. Manuel l├Ądt Isabella ein, am Abend gemeinsam zu essen. Die beiden treffen sich und werden ein Paar. Zun├Ąchst scheint zwischen ihnen alles zu stimmen. Die spanische Herkunft und Sehnsucht in die Ferne verbindet sie. Doch dann beginnt Manuel, Pl├Ąne f├╝r die Zukunft zu entwerfen und Isabella zu fragen, ob sie nicht lieber die Chefin des Marktes w├Ąre, statt "nur" Assistentin zu sein. Der Unternehmer selbst m├Âchte entweder eine Zweigstelle f├╝r die Speditionsfirma er├Âffnen oder gleich zusammen eine Wohnung in Madrid kaufen. Schlie├člich ├╝berrumpelt Manuel Isabel mit dem Wunsch eines gemeinsamen Kindes. Isabel l├Ąuft panisch aus dem B├╝ro des Speditionschefs und verliert ihre Schuhe...
Ist der geordnete Tageskreislauf ihres Lebens damit durchbrochen?

Isabel wirkt weit j├╝nger als 28, auch wenn man es "an der Haut" sehen w├╝rde, wie Isabel trocken konstatiert. Isabella mutet fast kindlich an, sowohl in ihrer ├Ąu├čeren Erscheinung als auch in ihren ├äu├čerungen. In die Zukunft schaut Isabella aber keinesfalls mit kindlichen Augen. Isabel hat keine gro├čen W├╝nsche f├╝r ihr Leben oder spricht sie zumindest nicht aus. ├ťber m├Âgliche Ver├Ąnderungen scheint sie gar nicht nachzudenken. Wenn Isabella vor dem Spiegel tanzt, glaubt man, sie tr├Ąume von ihrer Heimat und einem Leben in Madrid. Ihre Wohnung ist hell und sonnig eingerichtet: gelbes Sofa, gelbe K├╝chenschr├Ąnke.

ZuschauerInnen k├Ânnen sich zum Film viele Fragen stellen, werden aber keine direkten Antworten bekommen. Woher stammt etwa die Narbe auf Isabels Bauch? Ist Isabel von Manuels Kinderwunsch derartig ├╝berfordert, weil sie bereits ein Kind geboren hat?

AVIVA-Tipp: "Madrid" ist ein leiser Film, der ohne Schn├Ârkel oder spektakul├Ąre Begebenheiten den Alltag einer in Deutschland aufgewachsenen Spanierin nachzeichnet - durchzogen von Lethargie und einer zur├╝ckhaltenden Komik, die sich in den trocken-unschuldigen ├äu├čerungen der Protagonistin entfaltet.

Das Spielfilmdeb├╝t von Daphne Charizani wurde mit dem Hessischen Filmpreis 2003 ausgezeichnet. Bereits f├╝r ihren Dokumentarfilm "Make Up" hat die in Griechenland geborene Charizani 1999 den Hessischen Drehbuchpreis erhalten. Laudatorin Gudrun Landgrebe kommentierte das Paar Isabel und Manuel: "...mehr als die Frage woher sie kommen, bewegt sie die Frage, wohin sie geh├Âren - und ob sie einander geh├Âren. Kann denn Liebe Heimat sein? Kann Familie Zukunft sein?"




Madrid
Deutschland 2003, L├Ąnge: 85 Minuten
Buch und Regie: Daphne Charizani
DarstellerInnen: Kathrin Angerer, Juan Carlos Lopez, Jennifer Minetti, Ulrike Willenbacher, Isolde Mutti, Manuela Prax, Oliver Masucci
Kinostart: 8. April 2004


Kultur Beitrag vom 05.04.2004 AVIVA-Redaktion 





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