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AVIVA-BERLIN.de im Juli 2018 - Beitrag vom 11.06.2004

Spider
Anne Winkel

Erinnerungen eines schizophrenen Mannes stellen Fragen nach subjektiver und objektiver Wahrheit. Ein Film von David Cronenberg. Mit Joseph Fiennes und Miranda Richardson. Kinostart 10. Juni 2004



Ein Zug rollt in den Bahnhof ein. Businessmänner, Karrierefrauen, TouristInnen und RentnerInnen steigen aus. Als letzter verlässt ein merkwürdig unbeholfen wirkender Mann sehr langsam die Bahn: Dennis Cleg (Joseph Fiennes). Unzusammenhängende Wörter vor sich hinbrabbelnd läuft Dennis durch die Straßen Londons zu einer Pension. Dort wird er bereits von der resoluten Mrs. Wilkinson (Lynn Redgrave) erwartet. Mrs. Wilkinson betreibt ein Haus zur Resozialisierung gerade entlassener PsychiatriepatientInnen.

Im kargen Herbergszimmer packt Dennis seine wenigen Habseligkeiten aus:
Ein Wecker, der nicht aufgezogen ist, Tabak und ein kleines Notizbuch. Zur Außenwelt hat Dennis keinen Bezug. Während der Pensionsbewohner Terence (John Neville) auf den introvertierten Mann einredet, murmelt dieser nur Satzfetzen und Straßennamen vor sich hin. Hinter geschlossener Tür macht sich Dennis auf den Weg in seine Vergangenheit. Er sieht sich gemeinsam mit seinen Eltern Mrs. und Mr. Cleg (Miranda Richardson und Gabriel Byrne) am Küchentisch. Noch einmal beschwört er mit Hilfe von Erinnerungen das Unglück seiner Kindheit...

Der Film erzählt die Geschichte aus der Perspektive des ungewöhnlichen Protagonisten Dennis Cleg, der wegen der Errichtung von Spinnennetzen in seinem Kinderzimmer "Spider" genannt wird. Die Sichtweise des kindlich-erwachsenen Dennis ist sowohl Opfer-, als auch Täterwahrnehmung.
Die ZuschauerInnen sehen die von Wahnvorstellungen geprägten Erinnerungen.

Hervorzuheben sind die Kamerabewegungen und -einstellungen, die den Blick auf den Protagonisten zeitweise wie durch einen Türspion erscheinen lassen . Die Kamera fängt die verzerrte Weltsicht Spiders ein und vermittelt eine fast klaustrophobische Atmosphäre. Jeder Rückzug in die Kindheitserinnerungen wird von einer disharmonischen, beklemmenden Klaviermusik eingeleitet.

Der Film lässt das Publikum lange im Unklaren über die möglichen Ursachen von Dennis Clegs Schizophrenie. Warum trägt dieser seltsame, aber nicht unsympathische Mann vier Hemden übereinander? Welchem Zweck dient seine Leidenschaft für die Seilspielereien? Ist das Spinnennetz ein Schutzraum oder nur das Warten auf die Gelegenheit zum Angriff? Und wieso verhält sich der erwachsene Dennis völlig panisch, wenn er glaubt, Gas zu riechen? Erste Antworten auf diese Fragen gibt es leider erst sehr, sehr spät. Die Einblicke in die Sichtweise eines therapierten, jedoch keinesfalls geheilten Schizophrenen versprechen eine interessante Handlung. Die Dramatik des Inhalts bleibt allerdings irgendwo zwischen einem ratlosen "Warum?" und dem Warten auf eine traumatische Erinnerung des Anti-Helden auf der Strecke.

AVIVA-Tipp: "Spider" ist ein Film, der leider erst nach Verlassen des Kinosaals seine fesselnde Wirkung entfaltet. Die Verschränkung von Wahn und Wahrheit ist im Rückblick äußerst intelligent verfilmt, jedoch vermag Cronenbergs Werk im sehr langen ersten Teil keine Spannung zu erzeugen.

Zu Miranda Richardson:
In der Verkörperung ihrer Rollen gilt Miranda Richardson als eine der vielseitigsten Schauspielerinnen. Die Britin sieht ihren Beruf als "eine emotionale Fusion":
"Du denkst dich in jemand anderen hinein". Für "Spider" hat sich die Darstellerin gleich in zwei Rollen, noch dazu aus der Erinnerungsperspektive eines Schizophrenen hineingefühlt. Sie spielt sowohl die brünette Mutter des jungen Dennis, als auch die blonde Geliebte ihres Mannes, Bill Cleg (Gabriel Byrne). Ihr Debüt am Theater vollzog Richardson 1981 in London. Schnell folgten Rollen in internationalen Kino- und Fernsehproduktionen ("Apostel", 1997, "The Hours", 2002). 1993 gewann sie den Golden Globe als beste Nebendarstellerin in "Verzauberter April" (1992).


Spider
USA 2004, Länge: 98 Minuten
Regie: David Cronenberg
Drehbuch: Patrick McGrath
DarstellerInnen: Joseph Fiennes, Miranda Richardson, Gabriel Byrne
Kinostart: 10. Juni 2004
ab 12 Jahren
www.spider-derfilm.de


Kultur Beitrag vom 11.06.2004 AVIVA-Redaktion 





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