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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 16.09.2005

Estland Mon Amour
Tatjana Zilg

Sibylle Tiedemann drehte einen sehr pers├Ânlichen Film ├╝ber den mysteri├Âsen Tod des Bruders in Estland, wo er der famili├Ąren Vergangenheit nachsp├╝rte, um sein gegenw├Ąrtiges Leben besser zu verstehen



Das Fischerdorf, wo Klaus Tiedemann mit 47 Jahren seinen Tod fand, ist im Nordosten Estlands gelegen. Er wurde mit einer Kopfverletzung neben einer Leiter, die zu einem kleinen Wohnraum im Scheunenboden seines besten Freundes f├╝hrte, tot aufgefunden. Dies geschah w├Ąhrend eines mehrmonatigen Aufenthaltes in dem Land, aus dem sein Vater nach Kriegsende emigrierte. Bereits vor einigen Jahren hatte er dort eine zweite Heimat gefunden. Auf der Flucht vor dem Leistungsdruck in Deutschland unternahm er jedes Jahr eine lange Reise durch das Baltikum. Zur├╝ck lie├č er seine j├╝ngere Schwester, die der Selbstsuche ihres Bruders in der Ferne mit gemischten Gef├╝hlen gegen├╝ber stand. In R├╝ckblicken, zusammengestellt aus Super 8-Filmausschnitten, wird die Kindheit der Geschwister dargestellt. Klaus war ein sehr lebensmutiger Junge, der mit einem Brett ├╝ber rauschende Meereswellen surfte. Seine kleine Schwester bewunderte ihn und war stolz darauf, dass sie oft f├╝r Zwillinge gehalten wurden.

Doch sp├Ąter bekam Klaus Schwierigkeiten, einen festen Platz im Leben zu finden. Der Erwartungsdruck des Vaters war hoch. Er verlangte, dass sein Sohn genau wie er Arzt wird. Dieser wehrte sich gegen den Zwang und probierte vieles aus, blieb aber beruflich erfolglos, da die Selbst├Ąndigkeit als Industriedesigner schief ging.

Als die Grenzen Anfang der 90er Jahre ge├Âffnet wurden, erinnerte er sich an die Erz├Ąhlungen des fr├╝h verstorbenen Vaters ├╝ber die verlorene Heimat in Estland und begab sich auf Entdeckungsreise. Seine kleine Schwester folgte den Spuren erst nach seinem Tod. 1996 betrat sie Estland zum ersten Mal, um die R├╝ckf├╝hrung des Bruders zu organisieren. In tagebuch├Ąhnlicher Form hielt sie diese Tage des Schocks, in denen sie sich fremd in der baltischen Umgebung f├╝hlte, mit einer Videokamera fest. 2004 kehrte sie zur├╝ck, um einen Dokumentarfilm ├╝ber ihren verlorenen Bruder und dieses geheimnisvolle, auf den zweiten Blick wundersch├Âne Land zu drehen. Es gelang ihr in sehr sensibler Weise, die eigenen Gef├╝hlsstimmungen einzufangen, die am Anfang von Wut ├╝ber die verworrenen Umst├Ąnde des Todes und Misstrauen gegen├╝ber der estnischen Polizei und der Bev├Âlkerung gepr├Ągt sind und sich dann langsam wandeln in eine zarte Liebe zu dem naturverbundenen Land, der optimistischen Haltung der Menschen und ihrer vorsichtigen Offenheit, mit der sie ├╝ber den Fremden in ihrer Mitte erz├Ąhlen.

Die Regisseurin Sibylle Tiedemann drehte bereits viele anspruchsvolle Dokumentarfilme wie u.a. "Kinderland ist abgebrannt" (1998) und "Hainsfarth hatte einen Rabbi" (2001).

AVIVA-Tipp: Der feinsinnige Film entf├╝hrt die ZuschauerInnen in die baltische Mitte Europas und bietet Einblicke in die dortige Lebenswelt, ohne zu idealisieren. Die Geschichte der suchenden Schwester, die dem tragischen Tod ihres Bruders in der fernen Heimat nachsp├╝rt und dabei erkennt, warum er dort einen Ruheort fand, der ihn im Deutschland so nicht offen stand, ber├╝hrt zutiefst im Innersten.


Estland Mon Amour
Deutschland 2004, 93 Min.
Buch und Regie: Sibylle Tiedemann
Kamera (Film): Lars Barthel, Rainer Hoffmann
Kamera (Video): Kornel Miglus
Ton: Ulla K├Âsterke
Schnitt: Inge Schneider
Musik: Villu Veski & Tiit Kalluste , Siiri Sisask & Kristjan Randalu
Verleih: www.ventura-film.de
Kinostart: 15.09.2005

Kultur Beitrag vom 16.09.2005 AVIVA-Redaktion 





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