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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 01.03.2006

Das Mädchen
Stefanie König

Theater zum westlichen Stadthirschen zeigt ab dem 14. März 2006 die Produktion: "Das Mädchen, das die Streichhölzer zu sehr liebte". Nach einem Roman von Gaétan Soucy.



Am Todestag des Vaters kauert sein Kind in einem Schuppen und legt als "Schriftf√ľhrer des Tages" Zeugnis ab. Seit der Geburt lebt es mit dem Vater und dem Bruder in einer Baracke, in n√§chster Nachbarschaft zu dem heruntergekommenen Gutshaus der Familie. Das Kind f√ľhrt dort und zwischen den "W√∂rterh√ľgeln" der langsam verfaulenden Bibliothek eine Kaspar-Hauser-Existenz.

Die Kindheit ist gepr√§gt von totaler Isolation, exzentrischen Moralvorstellungen, Gewalt und religi√∂sem Irrsinn, in deren Zentrum der allm√§chtige, strafende Vater steht. Erst als dem Kind die "wackeligen Bedeutungen" der W√∂rter abhanden kommen, die "au√üerhalb von Papas lebendem K√∂rper weder Hand noch Fu√ü" haben, kann es zur Wahrheit √ľber die eigene r√§tselhafte Identit√§t vordringen.
Es ist etwas passiert, das ein Verschwimmen von Realit√§t und Traumwelt hervorgebracht hat. Nach und nach tritt die groteske Familientrag√∂die um Inzest und Tod, das grausame Unrecht, auf dem diese anachronistische Gemeinschaft gr√ľndet, zutage.

Das Theater zum westlichen Stadthirschen setzt mit dieser Produktion seine Zusammenarbeit mit dem Regisseur Erick Aufderheyde fort, und entwickelt eine ganz spezifische Form der kollektiven theatralen Erz√§hlung. Dieses Mal anhand einer ebenso unheimlichen wie anr√ľhrenden Geschwistergeschichte.

Der Autor Ga√©tan Soucy wurde 1958 in einem Arbeiterviertel Montr√©als geboren und studierte Physik, Mathematik und Literatur. Seine Abschlussarbeit schrieb er √ľber Kants Philosophiekritik. "Das M√§dchen, dass die Streichh√∂lzer zu sehr liebte" ist sein dritter Roman.

Leseprobe:
"Wir haben das Universum in die Hand nehmen m√ľssen, mein Bruder und ich, denn eines Tages kurz vor dem Morgengrauen hat Papa ohne jegliche Vorwarnung sein Leben ausgehaucht. Seine schmerzverzerrten sterblichen √úberreste, diese so pl√∂tzlich zu Staub verfallenen Vorschriften, das alles lag ausgestreckt im Zimmer der oberen Etage, von dem aus Papa uns noch am Vortag alles befehligt hatte. Wir brauchten Befehle, um nicht zusammenzusacken, mein Bruder und ich, das war unsere Mauerspeise. Ohne Papa konnten wir gar nichts. Gerade dass wir eigenst√§ndig z√∂gern, existieren, Angst haben, leiden konnten"

Das Mädchen
DarstellerInnen: Angela Böhmer, Cathrin Romeis, Dominik Bender, Peter Pankow, Ernst Surberg und Markus Wechsler


Vorstellungen: 14.-16.03. / 22.-26.03.06, 20 Uhr
Goldener Saal im Tacheles,
Oranienburger Str. 54-56
10117 Berlin-Mitte
Fon: 030/280 961 23
info@stadthirsch.de
Eintritt: 14 Euro/erm. 8 Euro
Weitere Informationen erhalten Sie unter:
www.stadthirsch.de

Kultur Beitrag vom 01.03.2006 AVIVA-Redaktion 





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