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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 06.10.2003

Interview mit Dagmar Boguslawski
Jennifer Gallagher

Die Mit-Organisatorin des Lesbenfilmfestivals Berlin erz√§hlte uns, warum in diesem Jahr 3 Filme von M√§nnern im Wettbewerb laufen, und wie die Ziele f√ľr die n√§chsten 20 Jahre des Festivals aussehen



AVIVA-Berlin: Wie und wann kamst du mit dem Lesbenfilmfestival in Ber√ľhrung?
Dagmar Boguslawski:
Ich komme aus der inzwischen vielgescholtenen feministischen Bewegung. Schon in meinen Universit√§tszeiten war es f√ľr mich eine Selbstverst√§ndlichkeit, meine Energie und mein Wissen f√ľr Frauen einzusetzen. Gleichzeitig ist "Film" f√ľr mich eines der vielschichtigsten k√ľnstlerischen Medien und meine gro√üe Leidenschaft. Vor 9 Jahren setzte Karin Michalski, die jahrelang eine der Hauptorganisatorinnen des Festivals war, diese Arbeit nicht fort. Zu den "neuen" Frauen, die daraufhin das Festival weiterleben lie√üen, z√§hlte auch ich. Beim Lesbenfilmfestival verbinde ich in idealer Weise meine politischen Ziele mit meiner Liebe zum Film, der Auseinandersetzung mit und Vermittlung von "Text", mein Know-how im Organisationsbereich und vieles mehr....

AVIVA-Berlin: Das Festival ist jetzt im 19. Jahr. Welche Ver√§nderungen in Bezug auf Filme und Publikum sind dir √ľber die Jahre aufgefallen?
Dagmar Boguslawski:
Am auffälligsten finde ich das Selbstbewusstsein, mit dem Filmemacherinnen inzwischen ihre Themen wählen und mit den Genres spielen. Das bedeutet, dass die in den Anfangsjahren des "lesbischen" Films notwendige Selbstvergewisserung und speziell das "Comingout" nur noch einen Teilbereich ausmacht und daneben viele andere Themen aufgegriffen werden.
Unser Publikum hat sich mit den Inhalten der Filme weiterentwickelt. Wir haben ein √ľberaus kritisches, anspruchsvolles und intelligentes Publikum, das sich auf viele verschiedene Themenbereiche einl√§sst, aber auch sehr sachkundig immer strengere √§sthetische Kriterien anlegt.

AVIVA-Berlin: Au√üer Rainer Fassbinders "The Bitter Tears of Petra von Kant" gibt es dieses Jahr zwei weitere Filme von M√§nnern: "Tipping the Velvet" und "Vamonos". Ist das eine Premiere f√ľr das Festival? Was hat euch dazu veranlasst, Filme von M√§nnern zu zeigen?
Dagmar Boguslawski:
Die "Premiere" war ein Film namens "Rescuing Desire" von Adam Rogers aus 1996 - √ľbrigens einer meiner Lieblingsfilme, den wir hoffentlich zum 20-j√§hrigen Jubil√§um in 2004 nochmals zeigen werden. Wir haben uns schon seit l√§ngerer Zeit vorbehalten, Filme mit "lesbischen" Themen, die wir gut umgesetzt finden, auch von Regisseuren zu zeigen. Nicht das biologische Geschlecht allein ist ausschlaggebend f√ľr den Blickwinkel, sondern die soziale Entwicklung, die innere Haltung. Auch arbeiten viele Frauen mit M√§nnern zusammen - und das soll ebenfalls kein Ausschlussfaktor bei uns sein. Tipping The Velvet z.B. hat Geoffrey Sax nach dem wunderbaren Roman von Sarah Waters sehr mitrei√üend, einf√ľhlsam und unterhaltsam verfilmt. Vamonos ist ein ausgesprochen eigenwilliger, cinematographisch einnehmender Film, den wir deshalb dem Publikum nicht vorenthalten wollten und Fassbinders "Die bitteren Tr√§nen der Petra von Kant" zeigen wir als Hommage an unseren Er√∂ffnungsfilm, "The Politics Of Fur", der Fassbinders Film als Vorlage hatte.

AVIVA-Berlin: Du warst selbst an der Produktion eines der Filme des Festivals beteiligt: "Berlin Beshert". Was genau war deine Rolle dabei?
Dagmar Boguslawski:
Ich hatte die Freude, Koproduzentin (zusammen mit den J√ľdischen Kulturtagen) zu sein und, da wir nur ein kleines Produktionsteam waren, w√§hrend der Dreharbeiten "M√§dchen f√ľr alles". Der Film ist einer der wenigen, die modernes j√ľdisches Leben in Deutschland fernab von der Holocaust-Thematik zeigen, eine Perspektive, die der Regisseurin November Wanderin sehr am Herzen liegt. Berlin Beshert l√§uft zur Zeit weltweit auf den gro√üen j√ľdischen und schwul-lesbischen Filmfestivals (San Francisco, Toronto, New York, Paris, Br√ľssel etc.)

AVIVA-Berlin: Kannst du uns einen hei√üen Tipp geben, wer dieses Jahr den MONA D¬īORO-Publikumspreis bekommt?
Dagmar Boguslawski:
Mmmm, schwer zu sagen. Ich bin mir sicher, dass unser Publikum wieder einen sehr guten Film wählen wird. Ich kann m.E. zwar ganz gut einschätzen, was ankommt und was weniger, trotzdem ist der Blick als Programmiererin immer etwas anders als der des Publikums.

AVIVA-Berlin: N√§chstes Jahr wird das Festival 20 - keine schlechte Leistung! Was sind deine W√ľnsche f√ľr die n√§chsten 20 Jahre?
Dagmar Boguslawski:
Nat√ľrlich noch aufregendere, innovative Filme, spannende Diskussionen. Und gerne auch mal etwas weniger Sorgen um das liebe Geld. Inzwischen sind wir ein fester Bestandteil der kulturellen Szene Berlins. Zu uns kommen andere Programmierer aus ganz Deutschland und Europa. Wir haben Besucher, auch Fachbesucher, die allj√§hrlich bei uns Filme sichten, Seminarklassen, die sich politisch bilden, wir tragen bei zum positiven Image Berlins in aller Welt, sind Gegenstand von wissenschaftlichen Untersuchungen, aber Jahr um Jahr ist immer eine Frage des Geldes, in welcher Form das Festival stattfindet und wieweit die Qualit√§t gehalten oder gesteigert werden kann.
Auf der Wunschliste steht also auf jeden Fall: Geld f√ľr Untertitelungen, um auch unserem deutschsprachigen Publikum gerecht zu werden, ein gr√∂√üeres Reisebudget. Jahr um Jahr reisen Filmemacherinnen auf eigene Kosten an, weil das Festival weltweit einen sehr guten Ruf hat. Dennoch w√ľrden wir gerne auch Filmemacherinnen einladen, die es sich nicht leisten k√∂nnen, einen Flug aus China, Indien, Brasilien oder anderen weit entfernten L√§ndern zu bezahlen. Sch√∂n w√§re auch die Sicherung unserer Kinomiete. Ohne unser "Zuhause", das Arsenal, mit seinen hervorragenden und in Berlin einzigartigen technischen M√∂glichkeiten k√∂nnten wir nicht ein so vielf√§ltiges Programm gestalten. Dann hoffe ich, dass das Festival sich weiterhin stets verj√ľngt. Zur Zeit haben wir von Mitte Zwanzig bis Mitte Vierzig mehrere Altersstufen in unserem Organisationsteam vereint, was sehr befruchtend und lebendig ist.

Kultur Beitrag vom 06.10.2003 Jennifer Gallagher 





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