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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 01.03.2017

Certain Women - Regie Kelly Reichardt. Ausgezeichnet mit dem EDA Female Focus Award f├╝r das beste weibliche Drehbuch der Alliance of Women Film Journalists. Kinostart 02. M├Ąrz 2017
Hannah Hanemann

Die Regisseurin ("Wendy und Lucy", "Night Moves") stellt erneut ihr Talent f├╝r sensible (weibliche) Portraits und minimalistische Inszenierungen unter Beweis. Laura Dern, Michelle Williams, Kristen Steward und Lily Gladstone verk├Ârpern einf├╝hlsam Figuren aus Kurzgeschichten von Maile Meloy, auf denen der Film basiert.



Kelly Reichhardt gilt als eine der wichtigsten unabh├Ąngigen Regisseurinnen des zeitgen├Âssischen amerikanischen Kinos. Identit├Ątssuche, weibliche Selbstbestimmung und der l├Ąndliche Westen der USA sind wiederkehrende Motive ihrer Filme. So auch in "Certain Women": In der tristen Kleinstadtein├Âde Montanas bew├Ąltigen vier Frauen ihren Alltag. In drei unterschiedlich langen Sequenzen werden sie vorgestellt, wobei ihre Biographien, Lebensverh├Ąltnisse, Probleme und W├╝nsche jeweils nur angedeutet werden. Allen drei Geschichten sind lange Landschaftseinstellungen, eindr├╝ckliche Close Ups und ein Arrangement gedeckter Farben gemein. So stehen die Frauen umso mehr im Fokus, der Blick der Betrachterin wird auf ihr Verhalten und ihre Gef├╝hle gelenkt und immer sind sie es, die die Leinwand dominieren.

Das Drehbuch, das ebenfalls Reichhardt geschrieben hat, basiert auf drei Kurzgeschichten der aus Montana stammenden Schriftstellerin Maile Meloy, deren Kurzgeschichtensammlung "Both Ways Is the Only Way I Want It" im Jahr 2009 sowohl von der "New York Times Book Review" als auch von der "Los Angeles Times" zu einem der zehn besten B├╝cher des Jahres gek├╝rt wurde.

Stille Melancholie

Der Film beginnt mit der Geschichte der Anw├Ąltin Laura (Laura Dern), die allein lebt und eine Aff├Ąre mit dem verheirateten Ryan (James LeGros) hat. Sie ist frustriert von der Arbeit mit einem aufdringlichen und respektlosen Klienten, f├╝r den sie andererseits aber auch Mitleid empfindet. Als dieser schlie├člich zu drastischen Mitteln greift um seine Anspr├╝che einzufordern, liegt es in Lauras Verantwortung, die Situation zu deeskalieren.
Reichardts ruhiger Erz├Ąhlstil wird hier besonders deutlich, da sie aufw├╝hlende Ereignisse so undramatisch wie m├Âglich inszeniert, Action und Pathos durch Close-Ups und eine ruhige Kameraf├╝hrung ersetzt. Auch Musik wird im Film sparsam eingesetzt, stattdessen kreieren Hintergrundger├Ąusche wie das Rauschen des Windes oder laufende Motoren eine greifbar eindr├╝ckliche Atmosph├Ąre.

Von Laura schwenkt die Kamera zu einem anderen Ort, an einem anderen Tag, zu einer anderen Frau. Gina (Michelle Williams), die k├╝hle und ambivalente Protagonistin der zweiten Geschichte, ist mit ihrem Ehemann Ryan, (ebenjenem Ryan, den die Zuschauerin als Lauras Liebhaber wiedererkennt) und ihrer Tochter Guthrie (Sara Rodier) auf einem Campingausflug. Ohne viele Worte, aber in beklemmend unangenehmen, schweigsamen Einstellungen wird ihr distanziertes Verh├Ąltnis zu Ehemann und Tochter thematisiert, von denen sie sich ausgeschlossen und zur├╝ckgewiesen f├╝hlt.

Sowohl Lauras als auch Ginas Darstellungen vermitteln eine stille Melancholie, die angesprochen, nie ausgesprochen wird und die Zuschauerin in ihren Bann zieht.
Der Regisseurin gelingt es zusammen mit den hervorragenden Schauspielerinnen, mehrdimensionale Frauenfiguren zu portraitieren, die sich nicht in stereotype Schubladen stecken lassen. Hierbleibt jedoch vor allem Ginas Charakter etwas blass. Der Zuschauerin wird zwar ein kurzer Einblick in ihr Leben gew├Ąhrt - doch bevor sich wirkliche Emotionalit├Ąt aufbauen kann, schlie├čt sich die T├╝r zu Ginas Welt auch schon wieder.

Entwaffnende Verletzlichkeit

F├╝r die dritte Geschichte hat die Filmemacherin sich mehr Zeit genommen, sie macht in etwa die H├Ąlfte des Films aus. Und das ist gut so, denn sie ist bei weitem die ber├╝hrendste. Zu gro├čen Teilen ist das der Darstellung Lily Gladstones zu verdanken, die mit entwaffnender Naivit├Ąteine namenlose Rancherin in der l├Ąndlichen Ein├Âde Montanas verk├Ârpert, die sich in die junge Anw├Ąltin Beth (Kristen Stewart) verliebt. Durch Zufall landet sie in einem Abendkurs, in dem Beth, die f├╝r ihren Job immer mehrere Stunden mit dem Auto aus der Stadt anreisen muss, Schulrecht lehrt. Zwischen den beiden Frauen entwickelt sich eine fl├╝chtige Bekanntschaft, die f├╝r die Rancherin jedoch von gro├čer emotionaler Bedeutung ist. Als Beth eines Tages nicht mehr zum Unterricht kommt, macht sie sich auf den Weg in die Stadt, um sie zu suchen.

Im Gegensatz zu den k├╝rzeren, vorhergehenden Geschichten l├Ąsst Reichardt dieserreichlich Zeit, sich zu entfalten. Die Idylle der Pferdranch, auf der die Rancherin ihrer t├Ąglichen Routine nachgeht, die langsame Ann├Ąhrung an die junge Juristin bei wiederholtenAbendessen,eingemeinsamerRitt von der Schule zum Dinner - all diese behutsam inszenierten Momentetragen dazu bei, die Entwicklung der Gef├╝hle der Protagonistinnen glaubhaft zu machen.
Die finale Fahrt der Rancherin in die Stadt, ihre bewegende Suche nach der von ihr verehrten jungen Frau, ihre hoffnungsvolle, stille Zuneigung und Verletzlichkeit brechen der Zuschauerin schlie├člich schier das Herz.

"Certain Women" lebt von dieser Gegen├╝berstellung gro├čer Gef├╝hle und kleiner Momente, dem einf├╝hlsamen Herantasten an den Schmerz und die Freuden der Protogonistinnen, die sich nicht in dramatischen Gesten, sondern scheinbar banalen Details ├Ąu├čern.

AVIVA-Tipp: "Certain Women" erfordert ein Sich-Einlassen der Zuschauerin auf seine langsame Erz├Ąhlweise und karge Inszenierung. Dann ├╝berzeugt der Film jedoch sowohl durch seine inhaltlichen Komponenten, als durch seine visuelle und atmosph├Ąrische Kraft.

Zur Regisseurin: Kelly Reichardt wurde 1964 in Miami, Florida geboren. Sie studierte an der "School of the Museum of Fine Arts" in Boston. 1994 ver├Âffentlichte sie ihren Deb├╝t-Spielfilm "River of Grass", der f├╝r drei "Independent Spirit Awards" nominiert war, sowie f├╝r den Grand Jury Prize des "Sundance Film Festivals". 2006 erschien mit "Old Joy" ihr zweiter Spielfilm, der seine Premiere beim "Sundance Film Festival" hatte. Er gewann als erster amerikanischer Film den "Tiger Award" beim "Rotterdam Film Festival". F├╝r "Wendy und Lucy" (2008), in dem sie das erste Mal mit Michelle Williams zusammen arbeitete, war sie erneut f├╝r zwei Independent Spirit Awards nominiert. In ihrem Western "Auf dem Weg nach Oregon" (2010) arbeitete die Regisseurin erneut mit Michelle Williams zusammen. 2013 kam ihr vierter Spielfilm "Night Moves" in die Kinos und 2016 "Certain Women", der zw├Âlf Preise und vierundvierzig Nominierungen f├╝r Film, Drehbuch und Schauspielerinnen einheimsen konnte, darunter den Preis f├╝r den Besten Film auf dem "London Film Festival", den achten Platz der zehn besten Filme des Jahres der "Boston Online Film Critics Association" und den "EDA Female Focus Award" f├╝r das beste weibliche Drehbuch der "Alliance of Women Film Journalists".
Neben ihrer Filmkarriere unterrichtet Kelly Reichardt das Fach Film am Bard College, New York.
Mehr Infos zu Kelly Reichardt auf IMDb:
www.imdb.com

Zu den Schauspielerinnen:

Michelle Williams
wurde am 9. September 1980 in Kalispell, Montana geboren. Bekannt wurde sie durch ihre Rolle der Jen Lindley in der Serie "Dawson┬┤s Creek", sowie durch Filme wie "Brokeback Mountain"(2005), "Shutter Island" (2010) und "Myweekwith Marilyn"(2011.) Sie hat bisher f├╝r drei Filme mit Kelly Reichardt zusammen gearbeitet: "Wendy und Lucy", "Auf dem Weg nach Oregon" und "Certain Women." Michelle Williams wurde mehrfach f├╝r den Oscar nominiert.

Laura Dern wurde am 10. Februar 1967 in Los Angeles, Kalifornien geboren. Bekanntheit erlangte sie vor allem durch die Zusammenarbeit mit David Lynch, in dessen Kritiker- und Publikumserfolgen "Blue Velvet" (1986), "Wild at Heart ÔÇô Die Geschichte von Sailor und Lula (1990)" und "Inland Empire" (2006).F├╝r ihre Rolle in "Die Lust der sch├Ânen Rose" war sie 1992 f├╝r den Oscar nominiert. Im November 2010 wurde Laura Dern auf dem Hollywood Walk of Fame mit einem Stern in der Kategorie Film geehrt. 2017 war sie f├╝r "Certain Women" f├╝r den "COFCA Award" der "Central Ohio Film Critics Association" als beste Nebendarstellerin nominiert.

Kristen Stewart, am 9. April 1990 in Los Angeles, Kalifornien geboren, erlangte vor allem durch ihre Rolle in der "Twilight-Saga" (2008-2012) gr├Â├čere Bekanntheit. 2010 erhielt sie f├╝r ihre Darstellung "Welcome To The Rileys" positive Kritiken und hat seitdem anspruchsvollere Rollen angenommen, etwa in "Still Alice ÔÇô Mein Leben ohne Gestern" (2014) und Woody Allens "Caf├ę Society" (2016). F├╝r "Certain Women" war sie beim " Village Voice Film Poll" als beste Nebendarstellerin nominiert.

Lily Gladstone wurde 1986 in Montana geboren. Sie studierte Schauspiel an der "University of Montana". In "Certain Women" spielte sie erste gro├če Rolle, f├╝r die sie u.a. 2016 mit dem "Los Angeles Film Critics Association Award", dem "Boston Society of Film Critics Award" und dem "Atlanta Film Critics Society Awards" als beste Nebendarstellerin ausgezeichnet wurde. Sie erhielt au├čerdem diverse weitere Nominierungen, u.a. bei den "Gotham Awards" und den "Women Film Critics Circle Awards".

Certain Women
Spielfilm, USA 2016
Regie: Kelly Reichardt
Drehbuch: Kelly Reichardt, basiert auf Geschichten von Maile Meloy
Kamera: Christopher Blauvelt
Schnitt: Kelly Reichardt,
DarstellerInnen: Michelle Williams, Kristen Stewart, Laura Dern, Lily Gladstone
Verleih: Peripher
Laufl├Ąnge: 107 Minuten
Kinostart: 02.03.2017
fsk-kino.peripherfilm.de

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Kultur > Kino Beitrag vom 01.03.2017 AVIVA-Redaktion 





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