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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 23.02.2010

Pink Taxi
Claire Horst

Der Titel ist wörtlich zu nehmen: In seinem Dokumentarfilm begleitet Uli Gaulke drei Moskauerinnen, die in ihren rosa Taxis ausschließlich Frauen befördern. Marina, Alla und Viktoria ernĂ€hren ...



... mit ihrem Job sich und ihre Kinder - und mĂŒssen sich dafĂŒr immer wieder rechtfertigen.

Können Sie garantieren, dass sie sicher zu Hause ankommt?", fragt ein Mann, dessen Bekannte in ein Pink Taxi einsteigt. "NatĂŒrlich", antwortet die Fahrerin gelassen. Derartige Kommentare ist sie gewöhnt, schließlich sind Taxifahrerinnen in Russland eine Seltenheit, und von den rosa Fahrzeugen gibt es nur 22 in ganz Moskau.

Ihre FahrgĂ€ste sind zumeist Frauen aus der Oberschicht - Unternehmerinnen, Firmenchefinnen und Töchter aus Industriellenfamilien. Mit ihnen sprechen die drei selbstbewussten Frauen ĂŒber alles, was sie bewegt. Das moderne Russland und die Rolle der Frau, Karriere und Freizeit, Kinder und der Alltag als Mutter sind Themen, die immer wieder auftauchen. Und natĂŒrlich die MĂ€nner. FĂŒr Marina, Alla und Viktoria gehören diese einer besonderen Spezies an. Alle drei haben mindestens eine gescheiterte Ehe hinter sich, ihre MĂ€nner haben sich entweder totgesoffen oder sie fĂŒr eine jĂŒngere Frau verlassen.

DarĂŒber sind die Frauen zwar traurig, jedoch nicht erstaunt. Sie halten es fĂŒr einen ganz gewöhnlichen Vorgang. "Das passiert hĂ€ufig. Nur schade, dass es meine Lieblingsnichte war." Derart lakonisch wird der Umbruch des eigenen Lebens kommentiert. MĂ€nner sind eben so, scheinen die Fahrerinnen zu glauben. Sie erklĂ€ren sich das mit der ökonomischen Krise: Den Zusammenbruch der Sowjetunion und den resultierenden Verlust des Arbeitsplatzes haben viele MĂ€nner nicht verkraftet – und sowieso sind die Kerle schließlich das schwĂ€chere Geschlecht. Mit Wodka stoßen die Frauen trotzdem auf sie an – und wĂŒnschen sie sich stĂ€rker. Denn eine funktionierende Beziehung zu einem Mann, auf den sie sich verlassen können, hĂ€tten sie trotz allem gern.

Daher nimmt das GesprĂ€ch ĂŒber MĂ€nner den grĂ¶ĂŸten Raum ein. Das ist ein bisschen schade. Zwar ist es sehr interessant, von den Erfahrungen und EnttĂ€uschungen der drei zu erfahren, doch sind andere GesprĂ€chsthemen mindestens genauso aufschlussreich. So erfĂ€hrt die Zuschauerin vor allem aus den ErzĂ€hlungen der GĂ€ste von anderen Aspekten des modernen Russlands. Die Generaldirektorin einer Kosmetikfirma berichtet etwa von den WĂŒnschen der durchschnittlichen Russin: Statistisch gesehen besitze jede Frau in Russland mindestens einen Lippenstift von Dior, auch wenn sie sich ihn eigentlich nicht leisten könne. Stil und ein gepflegtes Aussehen spielen fĂŒr diese Frauen eben eine große Rolle.

Dass Frauen in Russland aber viel mehr können als nur gut aussehen, beweisen alle Protagonistinnen. Ob es ein spĂ€tes Erbe des Staatssozialismus ist, dass zumindest in der Oberschicht Frauen ganz selbstverstĂ€ndlich FĂŒhrungspositionen einnehmen, trotz des vorherrschenden Machismo? Wenn sich eine von ihnen mit dem eigenen Sohn herumschlagen muss, der lieber Fußballstar werden will als zu arbeiten, spĂŒrt man eine leise Wut aufkommen – ebenso wie man sich gemeinsam mit ihnen ĂŒber die Verlobung einer verliebten jungen Kundin freut und ĂŒber die beruflichen Erfolge anderer FahrgĂ€ste.

Uli Gaulke gelingt es, die Kamera fast unsichtbar werden zu lassen. Nur selten ruft man sich in Erinnerung, dass hier ja gefilmt wird, etwa wenn die Mutter des Fußballers ausruft: Blamier mich nicht! Ansonsten sind die Zuschauerinnen einfach dabei: im Alltag zu Hause, bei der Arbeit und in der von den drei Frauen gemeinsam hergerichteten Datscha. Als beobachtete man eine Freundin, so fĂŒhlt es sich an, wenn die Fahrerinnen kitschige Liebeslieder im Autoradio mitsingen, traurige FahrgĂ€ste trösten oder bei einem Unfall in WutanfĂ€lle ausbrechen.

"In meinen Filmen geht es um den Blick nach außen, grenzĂŒberschreitend und kulturĂŒbergreifend. Ich suche nach dem, was die Menschen in unterschiedlichen Kulturen und politischen Systemen in ihrem Streben nach GlĂŒck vereint.", erklĂ€rt der Regisseur auf seiner Webseite. "All diese Geschichten handeln von Liebe, von TrĂ€umen und Hoffnungen, den EnttĂ€uschungen, dem tĂ€glichen Auf und Ab im Leben der Menschen."

AVIVA-Tipp: Uli Gaulke möchte in seinen Filmen Geschichten zeigen, die "mit einem ĂŒberraschenden Blick auf die jeweilige Kultur aufwarten, die lebensbejahend, wahrhaftig und humorvoll sind und die das Publikum berĂŒhren und zum Nachdenken anregen." Das ist ihm mit "Pink Taxi" definitiv gelungen.

Zum Regisseur: Uli Gaulke ist Regisseur und Autor. Er wurde 1968 in Schwerin geboren und studierte zunĂ€chst Physik und Informatik, danach Theaterwissenschaften in Berlin und Regie in Potsdam. Parallel arbeitete er als FilmvorfĂŒhrer in den Kinos International, Arsenal und FAF und ist MitbegrĂŒnder des Balasz Kinos in Berlin. Zu seinen weiteren Filmen gehören "Havana, mi Amor" (2000), "Heirate mich" (2003) und "Comrades in Dreams" (2006). FĂŒr seinen Dokumentarfilm "Havana mi Amor" wurde er 2001 mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet.
Der Regisseur im Netz: www.uli-gaulke.de

Pink Taxi
Deutschland 2009
LĂ€nge: 80 Minuten
Russisch mit deutschen Untertiteln
DarstellerInnen: Marina Uljanova, Alla Kondratjeva, Viktoria Stotzkaja
Regie: Uli Gaulke
Kamera: Alex Schneppat
Produktion: Helge Albers, Flying Moon Filmproduktion GmbH
Kinostart: 4. MĂ€rz 2010

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