Prek√§re Kunst: K√ľnstliche Grenzen. Ausstellung von Helen Cammock & Rajkamal Kahlon, Performance, Artist Talk, Workshops vom 13.10.-18.11.2017 bei alpha nova & galerie futura - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 04.10.2017

Prek√§re Kunst: K√ľnstliche Grenzen. Ausstellung von Helen Cammock & Rajkamal Kahlon, Performance, Artist Talk, Workshops vom 13.10.-18.11.2017 bei alpha nova & galerie futura
AVIVA-Redaktion

Die Doppelausstellung mit den Bildenden K√ľnstlerinnen Helen Cammock und Rajkamal Kahlon, genauso wie das K√ľnstlerinnengespr√§ch und die Performance loten aus, wie Geschichtsschreibung(en) und Repr√§sentationen konstruiert sind und welche Rolle insbesondere "race" und "Geschlecht" f√ľr die Sichtbarkeit spielen.



Von wem wird wessen Geschichte wie erz√§hlt? lautet die zentrale Frage des Ausstellungs- und Veranstaltungsprojekts Prek√§re Kunst: K√ľnstliche Grenzen, das sich mit M√∂glichkeiten der langfristigen Ver√§nderung alltags- und strukturell rassistischer und sexistischer Verh√§ltnisse und entsprechender Geschichtsschreibungen im Allgemeinen und spezifisch im Kunstfeld auseinandersetzt.

In drei Workshops aus den Bereichen Schreiben, Theater und Gesang wird k√ľnstlerisch erforscht, was wirkungsvolle selbsterm√§chtigende Praxen sein k√∂nnen, um diskriminierende Zuweisungen zur√ľckzuweisen, Geschichtsl√ľcken zu f√ľllen, andere Narrative zu st√§rken und zu normalisieren, ohne sie ihrer politischen Bedeutung zu entheben.

Ausgangspunkt von Prek√§re Kunst: K√ľnstliche Grenzen ist eine Ausstellung mit den K√ľnstlerinnen Helen Cammock (London) und Rajkamal Kahlon (Berlin). Ihre Arbeiten stehen sowohl f√ľr die Auseinandersetzung mit der eigenen Person und Geschichte als auch f√ľr die mit hegemonialen Geschichtsschreibungen, die Schwarze K√ľnstler*innen und K√ľnstler*innen of Color kategorisch marginalisiert oder ihnen entsprechende identit√§tspolitische Nischen zuweist. Diesen Ausschl√ľssen, L√ľcken und Zuweisungen begegnen die K√ľnstlerinnen mit eigenen Repr√§sentationspraxen und dem Erz√§hlen individueller Geschichten.
Die Arbeiten stehen zudem f√ľr die Aufarbeitung und Auseinandersetzung mit rassistischen Repr√§sentationen des Kolonialismus, deren machtvolle Einschreibungen sich bis in die Gegenwart reproduzieren und aktualisieren. In ihren Werken machen die K√ľnstlerinnen diese Prozesse sichtbar und setzen ihnen konsequent dekolonisierende Perspektiven entgegen.

So untersucht Helen Cammock, wie individuelle und kollektive Erfahrungen die Auswirkungen struktureller Ungleichheit verk√∂rpern und erforscht daf√ľr unterschiedliche gesellschaftliche Erfahrungen in bestimmten Repr√§sentationssystemen.

Helen Cammock
¬© Helen Cammock, There¬īs a Hole in the Sky Part I, 2016, video still


In der Ausstellung in der alpha nova & galerie futura präsentiert sie zwei neue Videoarbeiten:
"There¬īs a Hole in the Sky Part I" und "There¬īs a Hole in the Sky Part II, Listening to James Baldwin". Erstere besch√§ftigt sich mit Fragen nach kulturellen und menschlichen Werten. Cammock interagiert daf√ľr mit Arbeiter*innen einer der letzten Zuckerfabriken in Barbados sowie einer auf Tourismus zielenden Zucker- und Rumplantage im Inselstaat. Der den Film auf der Tonebene begleitende fragmentierte Dialog √ľber Arbeit und kulturelle Transfers erzeugt durch das Verwenden von Prosa und Liedern ‚Äď eigenen Texten der K√ľnstlerin, Ausz√ľgen aus Zeitungen sowie Schriften von Schriftsteller*innen wie u.a. Maya Angelou ‚Äď eine Trennung zwischen dem was zu sehen ist und dem was geh√∂rt wird. Die zweite Videoarbeit ist eine imaginierte Konversation mit dem amerikanischen Schriftsteller James Baldwin. In dieser besch√§ftigt sich Cammock mit freiwilligen und unfreiwilligen Migrationsgeschichten von Schwarzen Schriftsteller*innen und T√§nzer*innen aus Amerika nach Europa, die sich hier mehr Arbeitsm√∂glichkeiten und Anerkennung erhofften. Der Film erforscht auf mehreren Ebenen die Dynamiken zwischen Aneignung und Macht. Auch hier sind Bild- und Tonebene formal getrennt und schaffen in ihrer k√ľnstlerischen Neuverbindung eine eigene Sprache und √Ąsthetik.

Rajkamal Kahlon nutzt Bilder des Kolonialismus ‚Äď vielfach Material aus anthropologischen Forschungen des sp√§ten 19. und fr√ľhen 20. Jh. ‚Äď um sie in Beziehung zu setzen mit den machtvollen, rassistischen Repr√§sentations- und Handlungspraxen der Gegenwart im Zuge des "Kampfes gegen den Terrorismus". Sie ergr√ľndet somit das visuelle Erbe von Herrschaftssystemen und macht Kontinuit√§ten in hegemonialen Bildsprachen sichtbar.

Rajkamal Kahlon
© Rajkamal Kahlon, Insurgent #1, 2013, acrylic and graphite on canvas


In der alpha nova & galerie futura zeigt Rajkamal Kahlon die Videoarbeit "Peoples of Afghanistan" (2016), eine Collage aus found footage aus dem Internet einer amerikanischen Bomberattacke auf afghanisches Territorium und Diaprojektionen mit Fotografien afghanischer M√§nner, die in den 1960er Jahren w√§hrend einer anthropologischen Feldforschung entstanden sind und unter dem Titel "Physical Anthropology of Afghanistan" ver√∂ffentlicht wurden. In Verbindung dazu werden zwei Leinwandarbeiten aus Rajkamal Kahlons Serie "Blowback" (2013) gezeigt: Auch hier werden Zusammenh√§nge zwischen kolonialen Repr√§sentationspraxen in Form anthropologischer Abbildungen und moderner politischer Gewalt hergestellt, die unter dem Label des Terrorismus l√§uft. Durch die Transformation, Zerst√ľckelung und Neuzusammensetzung von Bildern, insbesondere solcher kolonialisierter Subjekte, befreit Kahlon diese von ihrer urspr√ľnglichen Konnotation und gibt ihnen, ihren K√∂rpern und Geschichten, die W√ľrde zur√ľck. So sind K√∂rper in Rajkamal Kahlons Werken nicht nur Gegenstand politischer und intimer Gewalt, sondern werden auch zu einem (Erfahrungs-)Raum f√ľr Transformation und Widerstand.

Das Gesamtprojekt Prek√§re Kunst: K√ľnstliche Grenzen ist eine Weiterentwicklung der Ausstellung und Veranstaltungsreihe Prek√§re Kunst: Protest und Widerstand, die 2015 in der alpha nova & galerie futura stattgefunden hat. Sie befasste sich mit Rassismen und Sexismen im Kunstbetrieb, von denen Schwarze K√ľnstler*innen und K√ľnstler*innen of Color besonders betroffen sind. Mit den Teilnehmer*innen wurden diskriminierende Strukturen sowie verschiedene Strategien er√∂rtert, diesen entgegenzuwirken. Das Folgeprojekt Prek√§re Kunst: K√ľnstliche Grenzen schlie√üt an die damals aufgeworfenen Fragen und Diskussionen an, f√ľhrt sie weiter und entwickelt neue k√ľnstlerische Perspektiven und Zug√§nge zu den genannten Themen.

Zentral f√ľr das Projekt ist, dass Wissen so generiert und verbreitet wird, dass die Unterdr√ľckten nicht in die Position ger√ľckt werden, die Unterdr√ľcker*innen belehren zu m√ľssen. Sie pr√§sentierten sich stattdessen als normalisiertes doch zugleich besonderes politisches Subjekt.

Workshops 14.10.2017

10:30-13:30 Uhr
Schreibwerkstatt "Writing our way to freedom" mit Stacie CC Graham
(in deutscher und englischer Sprache, je nach Bedarf)
Die Schreibwerkstatt wird geleitet von Stacie CC Graham, Spoken Word K√ľnstlerin. Mit Hilfe von Texten etablierter Autorinnen werden die Workshop Teilnehmer*innen in die Schreibkunst des Aktivismus hineingef√ľhrt. Egal ob Poesie or Prosa mit Humor oder erz√§hlerisch ‚Äď wir wollen unsere Worte finden und erkunden, inwiefern diese Worte die Essenz unserer (Lebens-)Erfahrungen vertreten, verspotten oder sogar heilen.

12:30-16:30 Uhr
Theaterworkshop "Brown Betties: Mind, Body & Spirit" mit E. Okobi
(in englischer Sprache)

Search the term "Brown Betty" on the site UrbanDictionary.com: the wildly divergent definitions called forth perfectly encapsulate for me the ways in which many of us, and many amongst us have been socialized to view, consume and appraise femininity, non-Whiteness, sexuality and non-White, feminine sexuality in particular. I hope this workshop will be a space where women of color can creatively clapback at a shared global narrative that is determined to objectify and dismiss our human and spiritual potential. In this workshop, we will use multimedia, movement, rudimentary theatrical production techniques, text and our own personal narratives to create a performance piece that best portrays what we feel is our own embodied experiences as female-identified people of color. The purpose of this workshop is to explore the ways in which one can use performance to build healing communities through storytelling.
The workshop is be led by E. Okobi (writer, educator and multi-media artist)

15:00-17:30 Uhr
Gesangsworkshop "Like A Bridge Over Troubled Water" mit Elisabeth Argilagos
(in deutscher Sprache)

F√ľr Stimmen, die ber√ľhren, mutige Stimmen, verletzliche Stimmen - ein Empowerment Gesangsworkshop f√ľr People of Color. Der Klang unserer Stimme erz√§hlt von uns selbst, von unserem heutigen Zustand und von unserer Geschichte. In diesem Workshop nehmen wir uns den Raum um mittels, Atem-, Stimm- und K√∂rperarbeit in diesen Klang einzutauchen, ihn spielerisch zu erkunden, zu st√§rken und authentisch zu entfalten. Gesangserfahrung ist keine Voraussetzung. Bitte bequeme Kleidung mitbringen. Der Workshop wird geleitet von Elisabeth Argilagos (S√§ngerin, Gesangsp√§dagogin).

Prek√§re Kunst: K√ľnstliche Grenzen
Flyer "Prek√§re Kunst: K√ľnstliche Grenzen", 2017 mit Motiven von Rajkamal Kahlon (links) und Helen Cammock (rechts).


Ausstellung: 13.10.-18.11.2017, Eröffnung: 12.10.2017, 19:00 Uhr. Artist Talk mit Helen Cammock und Rajkamal Kahlon: 20:00 Uhr
Performance Helen Cammock
√Ėffnungszeiten: Mi-Sa 16:00-19:00

Workshops 14.10.2017
Schreibworkshop mit Stacie CC Graham: 10:30-13:30
Theaterworkshop mit E. Okobi: 12:30-16:30
Gesangsworkshop mit Elisabeth Argilagos: 15:00-17:30
(Die Workshops sind f√ľr alle offen. Da die Teilnehmer*innenzahl begrenzt ist, sind die Pl√§tze vor allem Schwarzen Frauen* und Frauen* of Color vorbehalten. Um eine verbindliche Anmeldung bis zum 10.10.2017 wird gebeten: mail@alpha-nova-kulturwerkstatt.de)

alpha nova & galerie futura
Am Flutgraben 3, 12435 Berlin

Mehr Informationen: www.alpha-nova-kulturwerkstatt.de

www.helencammock.co.uk
www.rajkamalkahlon.com
stacieccgraham.com
keneokobi.com
elisabethargilagos.jimdo.com

Prek√§re Kunst: K√ľnstliche Grenzen wird kuratiert von:
Dr. Stacie CC Graham, Dr. Marie-Anne Kohl, alpha nova & galerie futura (Dr. Katharina Koch / Dorothea Nold)

Medienpartnerin:
AVIVA ‚Äď Online Magazin f√ľr Frauen

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Interview mit den Kuratorinnen Katharina Koch und Dorothea Nold
Anl√§sslich des drei√üigj√§hrigen Jubil√§ums der alpha nova-kulturwerkstatt & galerie futura sprach AVIVA mit den Kuratorinnen √ľber die Herausforderungen, der geringeren Pr√§senz von Frauen im Kulturbetrieb entgegenzuwirken, die gegenw√§rtige Arbeit, und dar√ľber, was alpha nova-kulturwerkstatt & galerie futura sich f√ľr die Zukunft vorgenommen hat. (2016)


Die Copyrights an den Abbildungen liegen bei den K√ľnstlerinnen.
Text. alpha nova & galerie futura

Kultur > Kultur live Beitrag vom 04.10.2017 AVIVA-Redaktion 





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