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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 25.11.2010

SOS for Human Rights von Susanne Lipp ÔÇô Vom 25.11. bis zum 4.12. 2010 im Grips Theater
Claire Horst

Schon mit dem St├╝ck "Hier geblieben" aus dem Jahr 2005 bewies das Grips Theater sein Engagement f├╝r die Menschenrechte jugendlicher Fl├╝chtlinge. Und auch bei dem neuen St├╝ck haben die...



... MacherInnen mit Fl├╝chtlingen und verschiedenen Organisationen zusammengearbeitet.

Zweieinhalb Jahre hat die Recherche zu dem St├╝ck gedauert, das die Wege von Fl├╝chtlingen aus Afrika und dem Nahen Osten in die Festung Europa thematisiert.

Die drei jungen SchauspielerInnen Dalila Abdallah, Veronica Naujoks und Adil el Bouamraoui sind Naisha, Jamila und Kerim. Sie treffen sich auf einer fiktiven "Notplattform" im Mittelmeer, gestrandet kurz vor dem Ertrinken auf ihrem Weg ins gelobte Land Europa. W├Ąhrend sie sich gegenseitig ihre Fluchtgeschichten erz├Ąhlen, spielen diese sich parallel dazu auf der B├╝hne ab.

Dem Grips-Theater, einer der sympathischsten B├╝hnen der Stadt, gelingt das immer noch am besten: mit einfachen Mitteln eine vielschichtige Erz├Ąhlung auferstehen zu lassen. Eine M├╝tze, eine Brille oder eine Reisetasche reichen den drei DarstellerInnen, um die Rollen zu wechseln. Aus dem afghanischen Fl├╝chtling Kerim wird so ein korrupter Grenzbeamter, Schlepper oder ein Baby ÔÇô dass die drei Erz├ĄhlerInnen immer wieder aus der Rolle fallen, um sich gegenseitig Regieanweisungen zu geben, macht das Ganze noch spannender.

Was erz├Ąhlen die drei aber? Es ist die allt├Ągliche Geschichte der Menschen, die auf dem Weg in ein sicheres Land umkommen, die ihre Heimat verlassen, weil sie auf eine bessere Zukunft hoffen und am Ende in der Badewanne der Europ├ĄerInnen ersaufen oder ertr├Ąnkt werden. Die sich den Weg mit sexuellen Dienstleistungen, Bestechungen und Sklavenarbeit erkaufen m├╝ssen. Es ist auch die Geschichte der Menschen, die keine andere Heimat als Deutschland haben, wegen ihrer "falschen" Staatsangeh├Ârigkeit aber irgendwann abgeschoben werden.

┬ę J├╝rgen Scheer

Welche Torturen sie auf sich nehmen, um am Wohlstand der Welt teilzuhaben, erz├Ąhlen Jamila, Kerim und Naisha stellvertretend f├╝r die vielen Tausenden, deren Geschichten niemand h├Ârt. Laut Fortress Europe starben seit 1988 mindestens 14.714 MigrantInnen entlang der europ├Ąischen Grenzen, 6.344 Leichen sind im Mittelmeer verschollen. Frontex, die europ├Ąische Grenzschutzbeh├Ârde, verf├╝gte nach eigenen Angaben im Jahr 2010 ├╝ber ein Budget von 87,9 Millionen Euro. Auch davon erz├Ąhlt das St├╝ck: "Und das alles mit dem Wissen, dem Geld und dem Auftrag aus L├Ąndern der Europ├Ąischen Union! ÔÇô Und wir bezahlen das mit. Weil das Geld aus den Steuern kommt."

Wenn dem St├╝ck etwas vorgeworfen kann, dann einzig die Konzentration auf die miese Situation in den Herkunftsl├Ąndern der Fl├╝chtlinge. "Mein eigenes Land/hat mir nicht viel zu geben/nur den t├Ąglichen/Kampf ums ├ťberlebenÔÇŽ Ich habe geh├Ârt,/dort sind alle satt,/dass jeder Arbeit, Geld/und ein Auto hat."

Es ist sicher richtig und notwendig, mit dem Gerechtigkeitsempfinden der ZuschauerInnen zu arbeiten. Dass nach der Premiere zwei Frauen weinend in der Toilette sitzen ("Wir leben im ├ťberfluss, und da sterben jeden Tag Menschen") ist eine erw├╝nschte Auswirkung des St├╝ckes. Und doch greift die rein emotionale Betroffenheit etwas zu kurz. Denn f├╝r die unmoralischen Schlepper, die ungeteerten Stra├čen und die miesen Lebensbedingungen in den Herkunftsl├Ąndern sind diese ja wirklich nicht allein verantwortlich. Ganz kurz scheinen die globalen Zusammenh├Ąnge auf, als Kerim von seiner Arbeit auf eine Gem├╝seplantage in Italien erz├Ąhlt: "Das meiste Obst und Gem├╝se, das ihr feinen Europ├Ąer esst, w├Ąchst nicht unter freiem Himmel, sondern unter Plastikplanen. Riesige Felder mit schmutzig-wei├čer Decke, soweit das Auge reicht. Und wer glaubst du, arbeitet da? Alles Leute ohne Papiere. Au├čer den Vorarbeitern nat├╝rlich, das sind Italiener."

Dass "SOS for Human Rights" trotz langer Erz├Ąhlpassagen, trotz erkl├Ąrender Elemente zu Frontex inklusive Europakarte und Zeigestock, an keiner Stelle zum langweiligen P├Ądagogenst├╝ck verkommt, liegt zum einen am Einsatz der Musik ÔÇô besonders die beiden Frauen ├╝berzeugen auch als Rapperin und S├Ąngerin -, zum anderen an der emotionalen Spielweise. Sicher tr├Ągt auch die Einbindung des St├╝ckes in die gleichnamige Kampagne dazu bei ÔÇô vor und im St├╝ck wird dazu aufgerufen, sich am Kampf f├╝r die Menschenrechte zu beteiligen.

Eine Woche wird das St├╝ck noch in Berlin zu sehen sein, bevor die Truppe auf Deutschlandtournee geht. Die ersten Auff├╝hrungen an Schulen hat sie schon vor der Premiere hinter sich gebracht: Im Rahmen des Theaterherbstes improvisieren Klassen zu den Szenen und ├╝ben die Lieder ein. Schauspielerin Dalila Abdallah zeigt sich von den Leistungen der Sch├╝lerInnen beeindruckt: "Oft dachte ich, die sind viel besser als wir", sagt sie, und dass viele der Jugendlichen schockiert seien von der Thematik, von der sie vorher oft gar nichts wussten. "Viele wollen sich jetzt engagieren."

Zu w├╝nschen ist eine solche Reaktion m├Âglichst vieler ZuschauerInnen nicht nur dem Grips Theater, sondern vor allem der Kampagne "SOS f├╝r die Menschenrechte von Fl├╝chtlingen" und den betroffenen Fl├╝chtlingen. Die Kampagne, ein B├╝ndnis aus Jugendlichen ohne Grenzen, Grips Theater Berlin, Pro Asyl, Borderline Europe, Fl├╝chtlingsrat Berlin, Fl├╝chtlingsrat Brandenburg, GEW und WeGe, fordert: "Fluchtwege freihalten! Den unerkl├Ąrten Krieg gegen die Fl├╝chtlinge beenden! Kinder- und Menschenrechte umsetzen!"

AVIVA-Tipp: "SOS for Human Rights" ist nicht nur f├╝r Jugendliche ab 12 Jahren geeignet. F├╝r diese und ihre LehrerInnen hat das Theater umfangreiche Zusatzmaterialien erstellt. Doch auch jeder Erwachsene, der sich schon einmal schockiert ├╝ber die Menschenrechtssituation in China ge├Ąu├čert hat oder Kritik an angeblichen Fl├╝chtlingsstr├Âmen ├╝bt, sollte hierher geschleppt werden. Und vielleicht hat er dann sogar Spa├č an dem Theaterst├╝ck.

SOS for Human Rights
mobiles Theaterst├╝ck von Susanne Lipp f├╝r Menschen ab 12
2 D / 1 H
Eine Urauff├╝hrung vom GRIPS Theater Berlin
Text: Susanne Lipp
Regie: Philipp Harpain
Dramaturgie: Ute Volknant
Beratung durch:
Jugendliche ohne Grenzen (JOG), Borderline Europe, Fl├╝chtlingsr├Ąte Berlin und Brandenburg, PRO ASYL, WeGe ins Leben sowie Beratungs- und Betreuungszentrum Berlin

Veranstaltungsort
GRIPS MITTE (im Podewil)
Klosterstra├če 68
10179 Berlin

Termine in Berlin:

25.11. um 18:00 Uhr
26.11. um 11:00 & 19:30 Uhr
02. 12. um 18:00 Uhr
03.12. um 11:00 & 19:30 Uhr
04.12. um 19:30 Uhr

Kartenpreise:
Normal 13,- Euro
Erm├Ą├čigt 9,- Euro
Theater der Schule-Schein 5,- Euro

Karten bestellen:
Reservierung f├╝r Abendsvorstellungen an der Kasse: 030 39 74 74 - 77
Reservierung f├╝r Vormittagsvorstellungen im B├╝ro: 030 39 74 74 - 0


Kultur > Kultur live Beitrag vom 25.11.2010 Claire Horst 





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