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AVIVA-BERLIN.de im Juli 2018 - Beitrag vom 09.03.2017

Anne Holt - Ein kalter Fall
Silvy Pommerenke

Die ehemalige norwegische Justizministerin und Anwältin/Juristin Anne Holt hat mit "Ein kalter Fall" den mittlerweile neunten Krimi um Hanne Wilhelmsen geschrieben. Selbst diejenigen, die ihre vergangenen Bücher nicht gelesen haben sollten, können ohne große Schwierigkeiten in ...



... das Krimi-Geschehen einsteigen, da die Autorin genügend Hinweise über die vergangenen Geschehnisse gibt, so dass das Lesevergnügen nicht eingeschränkt wird.

Das Buch erschien in Norwegen unter dem Titel "Offline". Was sich darauf bezieht, dass die Terrorgruppe nicht über das Internet kommuniziert, sondern eben offline - per Brieftauben oder Snail Mail. Hingegen der deutsche Titel, "Ein kalter Fall", lenkt die Leserin in eine ganz andere Richtung, auf eine ganz andere Spur. Warum sich der Verlag zu diesem Titel entschlossen hat, bleibt dessen Geheimnis - wie so oft bei Buchtiteln...

"Alltagsrassismus gemischt mit Hysterie ... eine lebensgefährliche Mischung"

Anne Holt steigt rasant ein in ihren Krimi "Ein kalter Fall". Sie hält sich nicht unnötig mit einem Warm-up auf, sondern schleudert die Leserin bereits auf Seite siebzehn in das schreckliche Geschehen hinein. Also keine Zeit für langatmige Erklärungen. Das Szenario - ein Bombenattentat auf den Islamischen Zentralrat Norwegens mit nahezu dreißig Todesopfern - entspricht den heute leider fast schon alltäglichen Anschlägen von Terroristen und der blitzschnellen Übermittlung von diesen Untaten via Internet. Spannung also quasi von der ersten Seite an. Und, Anne Holt hält dieses Tempo im Verlauf der folgenden vierhundert Seiten bei.

Die ehemalige norwegische Justizministerin und Anwältin/Juristin versteht es nach wie vor, packend/fesselnd und spannend zu schreiben und der Leserin wird mit keiner Minute langweilig, diesen Krimi zu lesen. Nebenbei versteht es Holt auch, mit gängigen Geschlechterrollen zu brechen, indem sie den höchsten Posten der Polizei, den des Präsidiums, einer Frau zuschreibt, die einen männlichen Sekretär hat, der ohne zu murren Geschirr abräumt und ansonsten vor allem durch seine modische und gepflegte aber dezente/unauffällige Erscheinung glänzt. Die Welt ist bei Anne Holt auf den Kopf gestellt!

Und auch, wenn die Serienheldin Hanne Wilhelmsen kaum Sympathiepunkte bekommt (schroff, sozial inkompatibel, empathielos), so ist sie doch in ihrer Art einmalig in der Krimi-Landschaft: lesbisch, querschnittsgelähmt, mit einer türkischen Muslima verpartnert und einer gemeinsamen zehnjährigen Tochter. Außerdem, wer sagt denn, dass Krimi-Heldinnen sympathisch sein müssen...

"Das gesamte Spektrum von Bomben bis Extremismus"

Die Autorin hat gut recherchiert: der Leserin werden Begriffe wie Qamis, Jabador, Takke oder Umma vorgesetzt, ohne dass die Autorin Erklärungen dazu angibt. Sie setzt einfach voraus, dass diese Begriffe bekannt sind bzw. dass das Internet schon die richtige Lösung präsentiert. Tut es denn dann auch, und die Leserin bekommt - dank der Internet-Recherche - ein buntes Bild des Romans vermittelt.

Ein kalter Fall, übernommen aus dem englischen cold case, bedeutet, dass ein alter, unabgeschlossener Fall neu aufgerollt wird. Hanne, die vor elf Jahren bei einem Polizeieinsatz angeschossen wurde und seitdem im Rollstuhl sitzt, hatte den Polizeidienst als Hauptkommissarin quittiert und auch den Kontakt zu sämtlichen Kolleginnen und Freundinnen eingestellt. Nun wird sie aber von der Polizeidirektorin Silje Sørensen wieder ins Boot geholt, um sich um die cold cases zu kümmern. Zusammen mit dem neuen Kollegen Henrik Holme. Der ist aber nur ein (unzufriedener) Handlanger und würde viel lieber am aktuellen Terrorfall arbeiten als sich mit verstaubten Altlasten abzugeben. Trotzdem entwickelt sich zwischen den beiden Outlaws eine sehr spezielle berufliche Beziehung, und sie ergänzen sich perfekt, um den Fall zu lösen. Und dann gibt es da noch Billy T., der ehemalige Kompagnon von Hanne, der so seine ganz eigenen Sorgen hat...

Beeindruckend auch, wie Anne Holt die vielen verschiedenen Erzählstränge am Ende zusammenführt, und wie vermeintlich Unzusammenhängendes dann doch ineinander aufgeht. Und das Ende wurde von der Autorin so konstruiert, dass es förmlich nach einer Fortsetzung schreit. Wenn Anne Holt ihre bisherige Publikationsrate der Hanne Wilhelmsen Krimis beibehält, dann müssen wir nur ein paar Jahre warten, bis wir sehen, wie und ob die Geschichte weitergeht...

AVIVA-Tipp: Anne Holt entwickelt auf unterschiedlichen Erzählsträngen einen packenden sozialkritischen Krimi, der ein wahrer Pageturner ist. Dank intensiver Recherche gibt sie so ein aktuelles Bild von Norwegen preis, das leicht übertragbar auf ganz Europa ist: Rechtspopulismus, Rassismus, religiöser Wahn und Terror sind die großen Schlagworte dieses Krimis. Belletristik in ihrer schönsten und intelligentesten Form!

Zur Autorin: Anne Holt, geboren 1958 in Norwegen, arbeitete viele Jahre als Journalistin und Rechtsanwältin. Schließlich auch für einige Monate als norwegische Justizministerin. Dass sie einmal ausschließlich als Schriftstellerin arbeiten würde, hätte sie sich nicht erträumt. Aber bereits ihr Debut "Blind Gudinne" (Blinde Göttin) von 1993 wurde ein voller Erfolg (zu diesem Zeitpunkt hatte sie noch einen Vollzeitjob als Rechtsanwältin und hat - eben mal so nebenbei - in den Nächten ihr Erstlingswerk geschrieben). Ihr Verlag drängte sie daraufhin, ein weiteres Buch zu schreiben. Und auch ihr zweites Buch sorgte für Furore. Mittlerweile hat sie achtzehn Romane geschrieben. Sie versteht ihr Handwerk aufs Beste, und ihre Aussage, dass sie eigentlich nicht gerne schreiben würde, mag frau ihr so gar nicht abnehmen...
Anne Holt im Netz: www.anneholt.no

Zur Übersetzerin: Dr. Gabriele Haefs studierte in Bonn und Hamburg Sprachwissenschaft. Seit 25 Jahren übersetzt sie u.a. aus dem Dänischen, Englischen, Niederländischen und Walisischen. Sie wurde dafür u.a. mit dem Gustav- Heinemann-Friedenspreis und dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet, zuletzt 2008 mit dem Sonderpreis für ihr übersetzerisches Gesamtwerk. Sie hat u.a. Werke von Jostein Gaarder, Håkan Nesser und Anne Holt übersetzt. Zusammen mit Dagmar Mißfeldt und Christel Hildebrandt hat sie schon mehrere Anthologien skandinavischer SchriftstellerInnen herausgegeben.

Anne Holt
Ein kalter Fall

Piper Verlag, erschienen März 2017
Gebunden mit Schutzumschlag, 432 Seiten
Übersetzt von: Gabriele Haefs
ISBN: 978-3-492-05471-3
Euro 22,00
www.piper.de

Literatur > Romane + Belletristik Beitrag vom 09.03.2017 Silvy Pommerenke 





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